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Leitartikel zum Rettungsplan: Das Ende deutscher Fehldeutungen

Die Euro-Rettung bedeutet eine Abkehr von heiligen deutschen Werten. Nun gilt es, die Chance zu nutzen und die Währungsunion neu zu konzipieren. Trotz eines hässlichen Schönheitsfehlers. Von Robert von Heusinger

Robert von Heusinger ist stellvertretender Chefredakteur und Wirtschaftschef der DuMont-Redaktionsgemeinschaft.
Robert von Heusinger ist stellvertretender Chefredakteur und Wirtschaftschef der DuMont-Redaktionsgemeinschaft.
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Die Überraschung der Investoren, Händler und Analysten ist gelungen. Mit einem Kursfeuerwerk reagierten der Euro, die (Bank-)Aktien und die Anleihen der südeuropäischen Staaten auf den Rettungsplan der Euro-Finanzminister.

Der Plan ist bombastisch - sowohl von seinem Volumen her betrachtet als auch in seiner radikalen Abkehr von allen Werten und Vorstellungen, die deutschen Ökonomen und Politikern bis Freitag heilig waren.

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Zwei Tabubrüche gilt es zu bestaunen und zu begrüßen. Es gibt ab sofort ein automatisches Hilfsprogramm für Staaten, die in Zahlungsschwierigkeiten geraten. Die Regel, dass kein Euroland dem anderen beisteht, existiert nicht mehr. Sowie der Tabubruch schlechthin: Die Europäische Zentralbank (EZB) kauft am Anleihemarkt Staatsanleihen von Eurostaaten.

Die Reaktion der Spekulanten, die mit einem Kaufrausch auf den Rettungsversuch reagieren, zeigt, dass es nie böse Zocker waren, die die Währungsunion an den Rand des Abgrunds gebracht haben. Es ist die pure Erleichterung darüber, dass in der Eurozone mit der schlimmsten Krise seit den 1930er Jahren, die noch nicht ausgestanden ist, ähnlich pragmatisch umgegangen wird wie in den USA oder England.

Nein, böse Spekulanten waren es nicht. Und nein, es handelt sich bei der dramatischen Rettungsaktion auch nicht um ein Versailles II, einen Vertrag, den die Franzosen den Deutschen aufgezwungen haben.

In Wirklichkeit waren es die USA, die Deutschland vom Holzweg abbrachten. Die Amerikaner machten über die großen Industrieländer, die G7, und den Internationalen Währungsfonds (IWF) so viel Druck, dass Kanzlerin Merkel sich der überall außerhalb Deutschlands vorhandenen Einsicht fügte.

Interessant ist, dass die Rettung nur in Deutschland als Tabubruch interpretiert wird. In vielen anderen Ländern ist es selbstverständlich, dass die Notenbank in außergewöhnlichen Krisenzeiten Staatsanleihen kauft.

Das ist nicht schön, aber besser, als alles zusammenbrechen zu lassen. Und genau danach sah es Ende vergangener Woche aus, als die Stressindikatoren des Finanzmarktes wieder Niveaus wie zu Zeiten der Lehman-Pleite erreicht hatten.

Im Grunde ist am Wochenende vor allem eines passiert: Die deutsche Vorstellung von Geld- und Wirtschaftspolitik, die das Land mit der D-Mark im Rücken dem Rest Eurolands übergestülpt hatte, ist gescheitert. Schon Anfang der 1990er Jahre gab es heftigen Streit um die Konstruktion der Eurozone und das Mandat der EZB. Die Deutschen setzten sich durch.

Was unterscheidet hiesige Volkswirte von allen anderen? Es ist die Erfahrung mit der Hyperinflation der 1920er Jahre, die hierzulande die Vorstellung prägt, weshalb eine Notenbank, die Staatsanleihen kauft, des Teufels ist. Die Volkswirte in Frankreich, den USA und anderen Ländern haben dagegen die Erfahrungen der Depression in den 1930ern verinnerlicht. Deshalb ist nur hierzulande die Angst vor Inflation größer als die vor Arbeitslosigkeit. Deshalb glaubt man nur hier, mit restriktiver Wirtschaftspolitik Gutes zu bewirken.

Dass diese Politik nicht schon zu D-Mark-Zeiten scheiterte, liegt zum einen daran, dass sich nur ein mittleres Land auf Kosten der anderen aus der Krise befreien kann, nicht aber ein Land von der Bedeutung der Eurozone. Nämlich dadurch, dass der Export die Wirtschaft wieder ankurbelt, sprich die anderen Länder vorher wachsen.

Zum anderen geht ein Forderungsverzicht gegenüber ausländischen Staaten, der ökonomisch betrachtet ja nichts anderes ist als ein Transfer an die Wackelkandidaten, über das Instrument der Abwertung geräuschloser vonstatten. Doch auch Abwertungen innerhalb Eurolands gehen mit dem Euro nicht mehr.

Also musste der Wille Deutschlands, Euroland seinen Weg aufzuzwingen, irgendwann scheitern. Das ist nun endlich passiert. Die Chance ist da, die Währungsunion noch mal neu zu konzipieren. Die Chance muss genutzt werden. Das Rettungspaket zeigt zwar, dass auch Euroland pragmatisch reagieren kann.

Aber es trägt den Schönheitsfehler, dass der von den USA dominierte IWF mit im Boot ist, dass Euroland quasi wie ein Entwicklungsland die Unterstützung der USA braucht, um bestehen zu können. Es ist unter den gegebenen Umständen zwar immer noch besser, als an der Überzeugung deutscher Ökonomen zugrunde zu gehen.

Aber mittelfristig ist die Perspektive, von Interessen der Wall Street abzuhängen, auch keine erfreuliche.

Autor:  Robert von Heusinger
Datum:  11 | 5 | 2010
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