Wer soll die Kosten der Finanzkrise tragen? Merkel, Steinmeier und die anderen verweigern vor der Wahl die Auskunft. Das lassen wir ihnen nicht durchgehen. Von Markus Sievers
Markus Sievers ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau in Berlin.
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Die Bundestagswahl 2009 droht zur Farce zu werden. Wenn die Parteien nicht rasch zur Einsicht kommen, kann kein Politiker nach dem 27. September für sich in Anspruch nehmen, mit einem Mandat zum Gestalten ausgestattet zu sein.
Die Menschen können ihnen eine solche Legitimation nicht geben, weil sie nicht wissen, was Angela Merkel, Frank-Walter Steinmeier und die anderen vorhaben. Keiner verrät, wie sie oder er diese Republik in den nächsten vier Jahren gestalten will. Sie drücken sich bei dem Thema, das für dieses Land wichtiger sein wird und tiefer in das Leben der Menschen eingreifen wird als alle anderen.
Spezial: Banken
Erst kippen die Banken - dann wackelt die Weltwirtschaft. Nun wird die Finanzbranche umgebaut. Analysen und Kommentare, Fotostrecken und Abstimmungen im neuen Spezial: Banken im Umbruch.
Sie drücken sich bei der Kernfrage: Wer soll die Kosten der Finanzkrise tragen? Wer bezahlt die Aufräumarbeiten für den Müll, den die Banken und Spekulanten der Gesellschaft hinterlassen? Wie wollen Union, SPD, Grüne oder Linke mit den gigantischen Haushaltslöchern umgehen?
Die Menschen wissen es nicht. Sie sollen aber im September ihre Stimme abgeben. Ohne abschätzen zu können, auf was sie sich einlassen, sollen sie die Parteien mit dem Recht ausstatten, dieses Land für vier Jahre zu regieren. Ein Unding.
Die Finanzkrise - wie alles begann
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Die Finanzkrise - wie alles begann
Im April 2007 muss einer der größten US-Hypotheken-Anbieter Gläubigerschutz bei der Börsenaufsicht beantragen. Die New Century Financial hat sich mit Risikokrediten verkalkuliert, die die Schuldner nicht mehr zurückzahlen können. Die Bank wird zahlungsunfähig und bleibt ihren Gläubigern selbst acht Milliarden Dollar schuldig. 3200 Leute verlieren ihren Job, viele Amerikaner müssen ihre Häuser verkaufen.
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Schon schrillen an der Wall Street die Alarmglocken: Zwei Hedgefonds der New Yorker Investmentbank Bear Stearns haben in großem Stil in die Immobilien-Papiere investiert. Die Bank erleidet dramatische Kurseinbrüche. Sie wird zwar in letzter Minute durch eine Finanzspritze von der amerikanischen Notenbank gerettet, der Kursrutsch hat an der Börse allerdings Panik ausgelöst.
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Bei den Menschen lösen die Nachrichten Panik aus: Besorgte Kunden stürmen im September 2007 die Schalter der britischen Bank Northern Rock. Die Regierung und die Bank von England garantieren die Einlagen, Northern Rock wird vom Staat übernommen.
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Die Krise rollt über den Atlantik nach Deutschland: Die deutsche Mittelstandsbank IKB erlebt eine Fast-Pleite - ebenfalls durch riskante Spekulationen. Nach dem Notverkauf an einen Finnazinvestor rollen die Köpfe. Diese beiden sollen die nun Industriebank aus der Krise führen: Der neue Vorstandsvorsitzende Günther Bräunig und Finanzvorstand Reinhard Grzesik.
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Anfang September 2008 stolpern die beiden größten Baufinanzierer der USA, Fannie Mae und Freddie Mac, über die faulen Kredite. Am Ende mischt sich die US-Regierung in den Markt ein und greift beiden Instituten unter die Arme. Beide Banken zusammen tragen etwa die Hälfte aller amerikanischen Hypotheken.
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Damit die Geldmärkte durch die großen Wertverluste an den Aktienmärkten nicht austrocknen, pumpen die EZB und Notenbanken auf der ganzen Welt kurzfristig mehrere hundert Milliarden in den Geldmarkt. Trotzdem können sie die Katastrophe nicht verhinden...
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Der 15. September 2008 wird wohl als "schwarzer Montag" in die Geschichte eingehen: Die einflussreiche US-Bank Lehman Brothers muss Insolvenz anmelden.
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Lehmans Konkurrent Merrill Lynch wird von der Bank of America aufgekauft. Von heute auf morgen müssen hunderte Banker ihre Büros räumen. Sie stehen nun auf der Straße und beobachten fassungslos den Untergang der sicher geglaubten Bankenwelt.
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Der US-Leitindex Dow Jones erleidet den stärksten Tagesverlust seit den Terrorattacken am 11. September 2001. Auch der Dax bricht zusammen. An den Börsen weltweit herrscht der Ausnahmezustand.
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Und wieder lässt das Echo in Deutschland nicht lange auf sich warten: Die deutschen Landesbanken, allen voran die WestLB und die BayernLB, verzeichnen millionenschwere Abschreibungen. Sie hatten in großem Stil bei Lehman Brothers investiert.
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Den größten Patzer leistet sich die Mittelstandsbank IKB: Obwohl die Pleite von Lehman Brothers inoffiziell schon bekannt ist, überweist das Management 336 Millionen Euro. Das Geld ist weg - die Verantwortlichen müssen das Bankhaus ebenfalls verlassen.
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Der Versicherungsriese AIG gerät durch Milliardenverluste in akute Kapitalnot. Der Aktienkurs bricht um 68 Prozent ein, die Weltbörsen setzen ihre Talfahrt fort. Die Notenbanken pumpen noch einmal fast 150 Milliarden Euro in den Geldmarkt. Tags darauf rettet die Bank of America AIG mit einem Kredit von 85 Milliarden Dollar.
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Auf der ganzen Welt rücken die überlebenden Banken zusammen: Die zweitgrößte US-Investmentbank Morgan Stanley nimmt Fusionsverhandlungen mit dem US-Finanzkonzern Wachovia auf. Die britische Großbank Lloyds TSB übernimmt die kriselnde schottische Bank HBOS.
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Die US-Regierung unter der Führung von Finanzminister Henry Paulson ersinnt am 19. September ein milliardenschweres Rettungspaket und löst damit ein Kursfeuerwerk an den Börsen aus. Paulson wird als "King Henry" gefeiert. Die USA und Großbritannien verhängen ein weitreichendes Verbot für sogenannte Leerverkäufe, also Wetten auf sinkende Aktienkurse.
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Am 22. September kippt das 75 Jahre alte Modell der unabhängigen US-Investmentbanken: Die letzten verbliebenen Institute, Goldman Sachs und Morgan Stanley, geben ihren Sonderstatus auf und werden gewöhnliche Geschäftsbanken.
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Geldmann für Goldman: Der Amerikaner Warren Buffett wird zum milliardenschweren Schutzengel und unterstützt die ehemalige Investmentbank Goldman Sachs mit einer beispiellosen Finanzspritze. Damit verhindert er den Zusammenbruch eines weiteren traditionellen Bankhauses.
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Die größte Sparkasse der USA, Washington Mutual, fällt der Finanzkrise zum Opfer. Sie wird von JPMorgan Chase übernommen. In Europa bangen die Menschen um ihre Spareinlagen.
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Die Bankenkrise sorgt sogar für einen kurzfristigen Waffenstillstand im US-Wahlkampf. Ein Krisentreffen zwischen Präsident Bush und den beiden Kandidaten, Barack Obama und John McCain, bleibt allerdings ergebnislos. Der Senat stimmt nach tagelangen Debatten dem überarbeiteten Rettungsplan zu, der zusätzliche 100 Milliarden Dollar für Hausbesitzer und Unternehmen vorsieht.
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Doch die Krise ist nicht aufzuhalten und zieht weite Kreise in Europa: Der belgisch-niederländische Immobilienfinanzierer Fortis erleidet den größten Kursverlust seiner Geschichte. Der belgische Staat stellt schließlich in Absprache mit der EU-Kommission das rettende Finanzpaket.
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Ein ähnliches Schicksal erleidet die deutsche Hypo Real Estate. Auch hier springt der Staat rettend ein und löst damit eine Debatte um eine "Komplettlösung" für den Bankensektor aus. Andere europäische Länder wie Irland und Österreich haben bereits einen staatlichen Schutzmantel in Form einer Einlagensicherung über ihre Landesbanken gebreitet.
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Auch die Bundesregierung möchte den Sparern die Angst nehmen. Am 6. Oktober spricht Angela Merkel nach stundenlangen Verhandlungen eine Garantie für die Spareinlagen ihrer Bürger aus.
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Doch auch die guten Nachrichten vermögen die Talfahrt an der Börse nicht zu stoppen: Der Dax fällt am gleichen Tag auf einen historischen Tiefststand.
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Nebel über Island: Auf der Insel beginnt ein beispielloser Bank-Run. Kunden der Kaupthing-Bank, die im Ausland mit Zinssätzen von über sechs Prozent um Sparer geworben hatte, bleiben im Unklaren über ihre Einlagen. Deutsche Verbraucherschützer sind empört.
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Ende Oktober fordert die Finanzkrise in Deutschland ihr erstes politisches Opfer: Erwin Huber, bayrischer Finanzminister, stolpert über die desolate Lage der landeseigenen BayernLB, die als erste Bank unter den 500-Milliarden-Euro schweren Rettungsschirm des Bundes schlüpft.
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Nach der angeschlagenen Hypo Real Estate greift Anfang November auch die Commerzbank in großem Stil auf das Rettungspaket der Bundesregierung zurück und bessert damit ihr Kapital auf.
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Mitte November: Nach den Banken gerät die nächste Branche in Bedrängnis. Fast alle deutschen Autobauer drosseln die Produktion. Opel, deutsche Tochter der amerikanischen General Motors, ruft nach staatlicher Hilfe - und noch ist kein Ende der Spirale in Sicht.
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Text: Miriam Olbrisch
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So fing es an: Börsenkurse auf der ganzen Welt brechen ein. (Archiv)
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Fotostrecken Wirtschaft
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Sie, die Parteien, erzählen uns, wie der Bafög-Satz oder der Anteil erneuerbarer Energien aussehen soll. Wir können in den Wahlkampfprogrammen nachlesen, wie viele Monate das Elterngeld als Teilelterngeld ausgezahlt werden wird. Wir erfahren auf die Stelle hinterm Komma, welche Summen für den Schienenverkehr gedacht sind. Alles bedeutende Anliegen.
Beim wichtigsten Thema aber verweigern die Parteien jede Festlegung. Wie geht der Sieger der Wahl mit den gigantischen Haushaltslöchern um? An blumigen Erklärungen zur Finanzkrise lassen es die Parteien nicht mangeln. Aber mit Lyrik ist es nicht getan. Selbst bei freundlichster Rechnung muss die nächste Bundesregierung jährlich über 18 Milliarden aus dem Haushalt herauspressen, allein um die gerade in die Verfassung aufgenommene Schuldenbremse einhalten zu können.
Dafür müsste sie die Mehrwertsteuer von 19 auf 23 Prozent heraufsetzen oder den ermäßigten Mehrwertsteuersatz komplett abschaffen. Oder sie kürzt den Zuschuss an die Rentenkasse um zehn Prozent und streicht die Überweisung an die Krankenversicherung ebenso wie die Arbeitsmarktprogramme der Bundesagentur für Arbeit zusammen.
Nichts davon ist schön. Dies erklärt das große Schweigen. Vor der Wahl 2005 hatte die Union angekündigt, bei einem Sieg die Mehrwertsteuer für einen Umbau der Sozialsysteme zum zwei Prozentpunkte zu erhöhen. Das kam im Volk so schlecht an, dass Merkel die schwarz-gelbe Mehrheit verfehlte. Die Mauertaktik ist also verständlich und dennoch nicht hinnehmbar. Die Wahlkampfstrategen stellen sich den Ablauf so vor: Erst gewinnt ihre Partei irgendwie die Wahl. Dann klärt sie mit ihren Bündnispartnern in Koalitionsverhandlungen, wie die Löcher zu stopfen sind.
Die Parteien würden es unter sich ausmachen, ohne den Wähler fragen zu müssen. Aus dieser Haltung spricht eine Arroganz, die schädlich ist für eine Demokratie und die sich die Öffentlichkeit nicht gefallen lassen darf. Die Bundestagswahl muss eine Abstimmung werden über die richtige Lösung für das Schuldenproblem.
Bei einer ehrlichen Debatte würde sich zeigen, dass nur ein Weg denkbar ist: Merkel, Steinmeier und Co. müssen sich dazu bekennen, dass sie noch mehr Schulden aufnehmen müssen. Das ist schmerzlich, aber unvermeidbar. Diese Krise ist eine Jahrhundertkrise nicht nur in dem Sinne, dass die Welt seit den 1930er Jahren einen solchen Absturz nicht erlebt hat. Einmalig hoch fällt die Rechnung aus. Sie kann nicht von einer Generation beglichen werden, geschweige denn in einer Wahlperiode.
Deutschland muss damit leben, dass die Wirtschaft auf Jahre hinweg bestenfalls schwach wachsen wird. In dieser labilen Lage verbieten sich brutale Ausgabenkürzungen ebenso wie Steuererhöhungen. Ja, hohe Defizite sind eine Last. Aber abtragen kann sie das Land erst, wenn das Wachstum zurückkehrt. Wenn eine Regierung zu früh, zu exzessiv spart, nimmt sie die letzte Hoffnung auf eine Wiederbelebung der Wirtschaft, wie alle alle historischen Beispiele zeigen.
Deutschland darf kein zweites Japan werden. Es ist absehbar, dass die nächste Regierung gegen die Verfassung verstoßen wird, weil die Schuldengrenze nicht einzuhalten ist. Merkel und Steinmeier fehlt der Mut, sich zu dem Verfassungsbruch zu bekennen. Sie dürfen damit nicht durchkommen.