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Schuldenkrise
Die Krise hat Europa im Griff

27. April 2010

Leitartikel zur Währungsunion: Dann geht doch raus!

 Von Robert von Heusinger
Robert von Heusinger ist stellvertretender Chefredakteur und Wirtschaftschef der DuMont-Redaktionsgemeinschaft.  Foto: FR

Merkels Taktieren im Fall Griechenland offenbart unvorstellbare Verantwortungslosigkeit. Warum tritt Deutschland nicht aus der Eurozone aus? Den Ländern der Währungsunion ginge es ohne die bornierten Deutschen besser. Von Robert von Heusinger

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Erst kippen Banken - dann wackelt die Wirtschaft. Nun muss der Staat helfen. Reden Sie mit über Wege aus der Krise

Es gab mal eine Zeit, da wollten die Deutschen lieber Europäer sein als Deutsche. Da galt die europäische Einigung als unverrückbares Ziel. Diese Zeit ist lange vorüber, gewiss. Mit der Wiedervereinigung hat dieses Land wieder gelernt, stolz zu sein.

Worauf eigentlich? Seither wird jede Rechnung immer mit der Frage versehen: Was bringt es Deutschland? Daran haben sich die Gestrigen, die Freunde des europäischen Gedankens, längst gewöhnt.

Doch die gerade herrschende Debatte um Griechenland, das Gezeter, die nationalistischen Untertöne gehen zu weit. Das großkotzige Verhalten unserer Abgeordneten, Beamten und Minister, die meinen, die Bewohner Griechenlands als dumm, unsolide und faul hinstellen zu dürfen, ist mehr als unverschämt.

Das Taktieren der Kanzlerin, das lediglich Spekulanten einlädt, die Zinssätze der Hellenen so weit nach oben zu treiben, bis nur noch die Pleite bleibt, offenbaren ein unvorstellbares Maß an Verantwortungslosigkeit Euroland gegenüber - und das wegen einer Regionalwahl in NRW!

Diese Borniertheit, diese Unfähigkeit zu reflektieren, ja überhaupt die Frage zu stellen, ob nicht auch das Verhalten Deutschlands in den elf Jahren des Euro zu den Spannungen in der Währungsunion beigetragen hat, machen klar: Das Problem des Euro ist weniger Griechenland als der vermeintliche Musterknabe Deutschland.

Geht doch raus aus dem Euro!, möchte man den Neo-Nationalisten zurufen. Führt doch verdammt noch mal die D-Mark wieder ein und überlasst Frankreich die Führung der Rest-Eurozone. Badet doch in dem Selbstwertgefühl der Überlegenheit! Es wird ein fürchterlich kurzes Hochgefühl. So viel ist sicher. Denn was passierte, wenn Deutschland aus dem Euro austräte?

Eine Aufwertung um rund 30 Prozent gegenüber dem Rest-Euro wäre die Folge. Das wäre zwar ein Überschießen des tatsächlichen Arbeitskostenvorteils hierzulande, aber so ist das nun mal am freien Devisenmarkt: Die Kurse überschießen. Eine Aufwertung um 30 Prozent kommt der Rettung Griechenlands gleich, auf den Inseln würde die Kosten-Nutzen-Funktionen wieder stimmen.

Eine Aufwertung um 30 Prozent würde Frankreichs und Italiens Industrie und genauso derjenigen Belgiens, Hollands und der Slowakei enorme Wettbewerbsvorteile auf den Weltmärkten verschaffen.

Rest-Euroland stünde vor einem wahren Exportboom und könnte endlich von Deutschland befreit wachsen. Und da die Franzosen die Konsolidierung des Staatshaushalts pragmatischer betreiben als die Deutschen, weil sie zu Recht glauben, dass vor allem durch Wachstum und weniger durch Kürzen alles wieder ins Lot kommt, stehen Rest-Euroland gute Jahre ins Haus.

Und den Deutschen mit ihrer neuen D-Mark? Sie stünden vor dem Scherbenhaufen ihrer Stabilität. Die Aufwertung der D-Mark machte Made in Germany zu teuer. Die Exporte brächen ein. Was Frankreich und Co. zusätzlich exportierten, setzten die hiesigen Firmen weniger ab. So einfach ist das. Die Arbeitslosigkeit würde steigen, genauso wie die Staatsverschuldung, weil mehr Menschen auf Hilfen angewiesen sein würden.

Weil das Wachstum, das derzeit allein aus dem Export kommt, abgewürgt würde. Dann wären die Arbeitskosten hierzulande tatsächlich zu hoch und Lohnzurückhaltung das Gebot der Stunde. Weitere Jahre der Entbehrung wären programmiert.

Aber auch die Banken und Versicherer gerieten mit der D-Mark in arge Not. Wenn sie all ihre Euroland-Assets um 30 Prozent abschreiben müssten, kämen rund 200 Milliarden Euro Verlust auf die Branche zu. Die nächste Rettungsrunde der Banken stünde an. Die Staatsverschuldung in Deutschland stiege noch höher.

Warum 200 Milliarden Euro zusätzliche Abschreibungen? Weil die Deutschen seit der Euro-Einführung rund 600 Milliarden Euro Auslandsvermögen gegenüber den Partnern der Währungsunion aufgehäuft haben, durch die hohen Exportüberschüsse.

Was die Geschichte lehren soll? Auch Deutschland hat foul gespielt, genau wie Griechenland. Was die einen zu viel an Lohnerhöhung hatten, hatten die anderen zu wenig. Die Spannungen in der Währungsunion lassen sich nur gemeinsam abbauen. Ein Kredit über knapp neun Milliarden Euro an Griechenland ist gegenüber dem Alleingang Deutschlands ein Klacks. Über den Austritt - oder gar Rauswurf - ganz gleich welchen Landes verbietet es sich, ernsthaft zu reden.

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