Abo | ePaper | App | Newsletter | Facebook | Anzeigen | Trauer

Schuldenkrise
Die Krise hat Europa im Griff

21. März 2013

Leitartikel zur Zypern-Krise: Das Erbe der Krise

 Von 
Die Bürger Zyperns sind außer sich vor Wut über das harte Spardiktat aus Brüssel. Foto: afp/Kourtoglou

Um Zypern vor der Pleite zu bewahren, will die EU die zyprischen Sparer zahlen lassen. Ein Tabu sei gebrochen worden, heißt es. Warum ist es eigentlich so schwierig, die Gläubiger von Banken und Staaten an den Kosten der Finanzkrise zu beteiligen?

Drucken per Mail

Um Zypern vor der Pleite zu bewahren, will die EU die zyprischen Sparer zahlen lassen. Ein Tabu sei gebrochen worden, heißt es. Warum ist es eigentlich so schwierig, die Gläubiger von Banken und Staaten an den Kosten der Finanzkrise zu beteiligen?

Wer investiert, trägt das Risiko. Wer einem Staat oder einer Bank Geld leiht, der muss Verluste hinnehmen, wenn sein Schuldner nicht zahlen kann. So einfach ist es – scheinbar, wie das jüngste Kapitel der Euro-Rettung zeigt.

Um Zypern vor der Pleite zu bewahren, will die EU die zyprischen Sparer zahlen lassen, indem sie auf einen Teil ihrer Guthaben verzichten. Auf diese Weise werden Kontoinhaber in Zypern und anderswo daran erinnert, dass auch sie Gläubiger der Banken sind und ihre Guthaben bloß Geld, das sie den Banken geliehen haben.

Prompt hagelt es Warnungen: Ein Tabu sei gebrochen worden, heißt es. Es drohe ein Bank-Run in Südeuropa. Anleger zögen sich aus der Euro-Zone zurück, da ihr Geld nicht mehr sicher scheine. Eine weitere Verschärfung der Krise stehe an, wie nach dem Schuldenschnitt für Griechenland Mitte 2011. Damals hatte der mehr oder weniger erzwungene Forderungsverzicht der Gläubiger zu einer Flucht aus spanischen und italienischen Anleihen geführt und die Krise eskalieren lassen.

Warum ist es eigentlich so schwierig, das zu tun, was nahe liegt: Die Gläubiger von Banken und Staaten – also jene, die an Finanzanlagen verdienen – an den Kosten der Finanzkrise zu beteiligen?

Schwaches Wachstum, hohe Zinsen

Diese Frage betrifft nicht nur das kleine Zypern. Auch Länder wie Frankreich, Spanien oder Italien müssen auf Dauer mit hohen Schuldenquoten von 100 bis 130 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung leben. Ein Erbe der Krise, das nicht vergeht. Denn das Wirtschaftswachstum dieser Länder ist absehbar schwach, die Zinsen sind hoch.

Immer mehr Geld geht für die Zinszahlungen drauf, also für die Bedienung der Ansprüche der Gläubiger. Um ihre Schuldenquoten zumindest zu stabilisieren, müssen diese Länder daher dauerhaft hohe Überschüsse im Haushalt erzielen, um daraus die Zinsen zu zahlen. Sie müssen also dauerhaft sparen, was das Wachstum wiederum schwächt. Ein Teufelskreis.

Verhindern die Schulden das, was sie eigentlich antreiben sollten – das Wirtschaftswachstum – so liegt es nahe, die Schulden zu reduzieren. Zum Beispiel über eine Schuldenstreichung. Dabei gibt es jedoch gleich mehrere Haken.

Erstens sind die Schulden die Forderungen der Gläubiger, ihr Reichtum. Schulden streichen bedeutet also finanziellen Reichtum zu vernichten. Das kann teuer werden und Probleme schaffen. Angenommen, die Staaten der Euro-Zone streichen den Teil ihrer Schulden, der über 80 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung liegt, so würden institutionelle Investoren wie Lebensversicherungen oder Investmentfonds grob gerechnet 500 Milliarden Euro einbüßen, bei den Euro-Banken lösten sich 230 Milliarden in Luft auf, ein Viertel ihres Kapitals. Viele Banken gingen pleite oder müssten vom Staat gestützt werden.

Zweitens droht der sogenannte Reputationseffekt: Finanzanleger würden künftig die Schuldenstreicher-Länder meiden. Sollte nur ein Land zu so einer drastischen Maßnahme greifen, droht sich das Misstrauen der Anleger dennoch auf andere Euro-Staaten auszuweiten. Das scheue Reh Kapital flöhe aus der Alten Welt.

Grundsätzliches Problem

Das zeigt das grundsätzliche Problem von Schuldenschnitten: Die, die man belasten will, sind die, um deren Vertrauen man wirbt. Die, denen man das Geld nimmt, sind die, deren Geld man künftig braucht. Allein dieses Jahr müssen sich die Euro-Staaten 850 Milliarden Euro leihen. Aus diesem Bedarf speist sich die Macht der Märkte.

Da eine Senkung der Schuldenlast auf Dauer aber unausweichlich sein könnte, bleiben weichere Wege: Möglich wäre es, die laufenden Staatsschulden in sehr langlaufende Anleihen umzuwandeln, was die Verluste der Gläubiger mindert, das Problem der Rückzahlung allerdings nur aufschiebt. Die Staaten könnten auch die Anleger dazu zwingen, Anleihen zu kaufen, deren Zins unterhalb der Inflationsrate liegt – ein Verfahren, das als finanzielle Repression bekannt ist. Die Inflation entwertet dann schrittweise die Schulden, also die Vermögen der Anleger.

Dies träfe jedoch alle Sparer. Sozialer ist eine Vermögensabgabe, bei der nur hohe Einkommen belastet werden – nichts anderes wäre es, wenn Zypern die kleinen Sparer schont und nur die Vermögenden belastet. Der Staat würde das Finanzkapital besteuern und müsste es sich nicht mehr leihen.

Eine Vermögensteuer, die in allen Ländern – nicht nur in Krisenländern – und in jedem Jahr – nicht nur in Krisenjahren – erhoben wird, könnte zudem das Problem umgehen, dass die Anleger panisch fliehen. Attraktiver würde die Euro-Zone dadurch zwar nicht für Anleger. Doch gibt es keine Lösung des Schuldenproblems, bei der alle gewinnen. Das heißt, eine gibt es schon: einen Wirtschaftsboom. Aber der steht nicht an.

Zypern - Alle Bankkunden in der Pflicht?

Jetzt kommentieren

Wirtschaft-Spezial

Die Schuldenkrise hat Europa im Griff: Nachrichten zur Eurokrise, Konjunktur, Eurobonds und Ratingagenturen.


Videonachrichten Wirtschaft

Deregulierung

So sprachen sie vor der Krise

Von Sebastian Dullien | 5 Kommentare
Die großen Deregulierer: Christian Wulff, Peer Steinbrück, Horst Seehofer, Sigmar Gabriel, Olaf Scholz

Heute machen sich die Politiker wieder für Regulierung stark. Die Frankfurter Rundschau erinnert an die Worte von gestern - und veröffentlicht exklusiv den Deregulierungs-Index.  Mehr...

Faktencheck
Steigende Beiträge zur Sozialversicherung - die Zukunft?

Was würde passieren, wenn Deutschland ein Sparpaket bewältigen müsste wie Griechenland? Ein erschreckendes Szenario.