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Schuldenkrise
Die Krise hat Europa im Griff

16. April 2012

Nach der Finanzkrise: Das gescheiterte Weltbild der Wirtschaft

 Von Stephan Kaufmann
Nach herrschender Lehre fällen Menschen rationale Entscheidungen - ein Händler an der Börse in Seoul.  Foto: dpa

Ökonomen zweifeln nach der globalen Finanzkrise an ihren alten Wahrheiten – und suchen auf einer Konferenz in Berlin nach neuen. Ihr größtes Problem sind die Dinge, die sie angeblich wissen.

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Denkfabrik

Gründung: Das Institute of New Economic Thinking (INET) wurde im Herbst 2009 gegründet. Es entstand nach der großen Wirtschafts- und Finanzkrise auf Initiative von Multimilliardär und Großinvestor George Soros, der 50 Millionen Dollar beisteuerte.

Ziel: INET ist eine Denkfabrik, in der sich weltweit viele renommierte Ökonomen für eine Erneuerung der Wirtschaftswissenschaften stark machen. Sie plädieren für Vielfalt und Offenheit, da sich bisherige Thesen in der Krise als nicht mehr haltbar erwiesen haben.

Es war ein dunkler Moment für die Wirtschaftswissenschaft. Am 6. November 2008 eröffnete die Königin von England ein neues Gebäude für die London School of Economics (LSE). Dem anwesenden Sachverstand stellte die Queen eine simple Frage: „Warum hat niemand den Finanzcrash kommen sehen?“

LSE-Abteilungsleiter Luis Garicano versuchte eine Erklärung: „Zu jedem Zeitpunkt verließ sich irgendjemand auf irgendjemand anderen, und alle dachten, sie würden das Richtige tun.“ Das war eine denkbar schwache Verteidigung des Fachs.

Vor vier Jahren schob die globale Finanzkrise das System an den Rand des Abgrunds. In den Folgejahren verloren weltweit Millionen Menschen ihren Job, ihr Haus und ihre Altersvorsorge. Die Krise war gigantisch, doch die Ökonomen hatten sie nicht kommen sehen. Das heißt – einige schon.

Doch waren dies genau jene, die in der Zunft der Ökonomen als Außenseiter gelten. Damit ist die herrschende Lehre in eine Glaubwürdigkeitskrise geraten. „Das Problem ist nicht, dass wir vieles nicht wissen“, zitiert der renommierte Ökonom Axel Leijonhuvwud den US-Komiker Will Rogers. „Das Problem sind die Dinge, die wir wissen – und die nicht stimmen.“

Brücke über dem Abgrund

Die lange als unangreifbar geltenden Theorien und Modelle taugen nicht zur Erklärung der realen Welt – so weit war man sich einig auf der Konferenz des Institute of New Economic Thinking (INET) in Berlin. Das Thema der Tagung: „Paradigm Lost“ – die verlorene Weltanschauung. Die verlorene Sicherheit.

Auf der Konferenz nahm man einige Grundlagen der herrschenden Lehre auseinander. Zum Beispiel die Annahme, die Wirtschaft finde selbstständig zu stabilen Gleichgewichten – solange der Staat sie in Frieden lässt. In solch einer Welt sind Systemkrisen nicht vorgesehen.

Dieses Bild der Wirtschaft hat in den vergangenen Jahrzehnten die Politik bestimmt – mit sehr realen Folgen. Steuern für Unternehmen wurden gesenkt, Staatseigentum privatisiert, Finanzmärkte liberalisiert. Davon haben einige profitiert. Ihnen hat die herrschende Lehre in die Hände gespielt.

„Die ökonomische Wissenschaft wird erst frei sein, wenn sie sich unabhängig macht von den mächtigen Interessen der Welt – genauso wie es den Naturwissenschaften einst auch gelungen ist“, sagt Robert Johnson, Finanzinvestor und INET-Direktor.

Kritik zieht besonders das ökonomische Gesellschaftsbild auf sich. Es wird bevölkert von Menschen, die ihren Nutzen maximieren, vollständig informiert sind und ihre Entscheidungen rational auf Basis quantifizierbarer Eintrittswahrscheinlichkeiten fällen. „Menschen handeln nicht rein materiell und nutzenmaximierend“, rügt Dennis Snower, Chef des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel. „Die Welt ist kein Marktplatz.“

Weiter: Die Zukunft ist offen, die Modelle nicht

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