Die bisherigen Reformbemühungen in Griechenland gelten als gescheitert. Das Land schafft es nicht, seine Verwaltung und Wirtschaft zu modernisieren und die Auflagen der Europartner zu erfüllen. Aber soll die EU den Hellenen einen Sparkommissar vor die Nase setzen, wie Unionsfraktionschef Volker Kauder fordert? Soll die EU die „Führung und Überwachung“ übernehmen, wie es Wirtschaftsminister und FDP-Chef Philipp Rösler in der „Bild“ verlangt?
Der Proteststurm gegen das deutsche Vorpreschen ist enorm. Auch in Berlin selbst. Eine Alternative bringt der deutsch-griechische EU-Abgeordnete Jorgo Chatzimarkakis ins Gespräch: Statt des Spardiktators aus Brüssel will er eine Hellenen-Kampftruppe entsenden: 2.500 Griechen arbeiten teils seit Jahrzehnten in der EU-Kommission in Brüssel. Aus der EU-Elite solle eine Truppe rekrutiert werden, um in Athen das Ruder herumzureißen, sagte er am Montag.
Die Bundesregierung hat den anderen Euro-Ländern ein Papier übergeben mit Vorschlägen, um die griechische Regierung zur Einhaltung von Spar- und Reformzielen zu zwingen. „Informationen der Troika zufolge hat Griechenland im Jahr 2011 sehr wahrscheinlich wieder Schlüsselziele des Programms verfehlt. Insbesondere ist das Haushaltsdefizit nicht gesunken im Vergleich mit dem Vorjahr“, heißt es in dem Papier zu Angaben der Experten von EU-Kommission, Internationalem Währungsfonds (IWF) und Europäischer Zentralbank (EZB), die in Athen die Fortschritte prüfen.
Die schleppende Umsetzung der Spar- und Reformmaßnahmen in Griechenland bringt die Pläne zur Rettung des Landes in Gefahr. Griechenland müsse in Zukunft die Erfüllung der vereinbarten Ziele verbessern, fordert daher die Bundesregierung in dem Dokument. Andernfalls werde die Eurozone das geplante zweite Hilfspaket nicht mehr verantworten können. Mit anderen Worten: Griechenland wird der Geldhahn zugedreht, dem Land würde die Pleite drohen. Daher müsse Griechenland den folgenden zwei Neuerungen zustimmen.
„Griechenland muss sich rechtlich dazu verpflichten, der Schuldenrückzahlung absoluten Vorrang zu geben“, heißt es in dem deutschen Vorschlag. Nach einer Zustimmung des Parlaments in Athen sollten „Einnahmen des Staates zuallererst für die Schuldenbezahlung verwendet werden“, nur überbleibende Einnahmen soll die Regierung in Athen demnach anderweitig verwenden dürfen. So könne Griechenland das Vertrauen von privaten und öffentlichen Gläubigern wiedergewinnen.
Deutschland fordert, den Griechen die Kontrolle über ihren Haushalt zu nehmen und auf einen „Haushaltskommissar“ zu übertragen. Angesichts der „enttäuschenden“ Umsetzung vereinbarter Sparmaßnahmen „muss Griechenland es akzeptieren, die Hoheit über den Haushalt für einen bestimmten Zeitraum auf europäische Ebene abzugeben“. Der von der Eurogruppe eingesetzte Kommissar soll demnach die griechische Haushaltspolitik überwachen, ein Veto gegen Entscheidungen der Regierung in Athen einlegen können und den Vorrang der Schuldenrückzahlung durchsetzen. (afp)
Westerwelle „sehr unglücklich über den Ton“
Bundesaußenminister und Rösler-Parteikollege Guido Westerwelle ist um Schadensbegrenzung bemüht. „Ich bin sehr unglücklich über den Ton in dieser Debatte“, grummelte er auf Staatsbesuch in Kairo. „Wenn wir wirklich etwas erreichen wollen, sollten wir eine Ermutigungsdebatte führen, keine Entmutigungsdebatte.“ Auch der FDP-Politiker hält die momentane Lage für verfahren, weil Regierungschef Lukas Papademos keine vernünftige Mannschaft zusammenhabe.
Finanzminister Venizelos musste gerade sein Vermögen offenlegen, und dabei zeigte sich, er ist Millionär. „Einige Regierungsmitglieder haben selbst Geld im Ausland angelegt“, sagt Chatzimarkakis. Die Hoffnung auf diese Personen zu setzen hieße „von einem Frosch zu erwarten, dass er den Sumpf trockenlegt“. Und er verweist auf eine OECD-Studie, wonach 95 Prozent der griechischen Beamten schlicht überflüssig seien.
„Die Hälfte ist bereit zu gehen“
Chatzimarkakis Strategie: Der Aufbau einer hellenischen Kampfgruppe aus Brüssel zur „Verwaltungssoforthilfe“: 500 der 2.500 Brüsseler EU-Beamte mit griechischer Nationalität will er für zwei bis fünf Jahre zurück in die Heimat entsenden, finanziert von der EU. „Das würde die griechische Verfassung erlauben.“ Und Papademos selbst könnte das Heft in der Hand behalten. Chatzimarkakis hat schon vorgetastet und eine Kerntruppe zusammengetrommelt. „Die Hälfte ist bereit zu gehen.“
Auch bei Mitgliedern der Bundesregierung stößt die Idee auf Unterstützung. Denn auch in Berlin ist klar, dass ein Weiterwursteln politisch und finanziell nicht länger durchzuhalten ist. Die Einsetzung eines Sparkommissars sei nur einer „von verschiedenen Vorschlägen und Papieren“, erklärte das Finanzministerium am Montag. Die Diskussion stehe erst am Anfang.
Auf dem EU-Gipfel am Montag sollte Griechenland offiziell nicht auf der Agenda stehen. Doch ohne Konzept für das Südland droht im März die Pleite. Und das könnte noch immer zum Auseinanderbrechen der Eurozone führen.
Pro und Contra Sparkommissar
Pro:
Contra:
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