kalaydo.de Anzeigen

Ratingagenturen: Verpasst ihnen ruhig den Maulkorb

Wenn der EU-Kommissar Barnier Ratingagenturen wie Moody's in die Schranken weist, bekämpft er damit nicht das eigentliche Problem. Trotzdem ist es die richtige Entscheidung, denn manchmal macht auch ein Kampf gegen Symptome Sinn.

EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier.
EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier.
Foto: dpa

Dass ein EU-Kommissar die Ratingagenturen an die kurze Leine nehmen will, weil die EU ihre Probleme nicht in den Griff bekommt, darüber darf man spotten. „Kriminelle planen Verbot der Polizei“, ätzte der Nutzer Korewjew im Forum von Spiegel Online. Es war seine Antwort auf die Meldung, der EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier wolle den Ratingagenturen zeitweise verbieten, kriselnde Länder zu bewerten, solange diese über Finanzhilfen verhandeln. Das sagte ausgerechnet ein Franzose in einer Zeit, in der Frankreich die Herabstufung droht.

Überhaupt bekämpfen solche Verbote vor allem die Symptome, sagen Kritiker. Sie haben recht, weil die Verbote nicht das eigentliche Problem lösen: Länder wie Griechenland, die jahrzehntelang immer weiter Schulden machten, statt Wirtschaftsreformen anzupacken. Auf der anderen Seite Deutschland und die anderen wohlhabenden EU-Länder, die in der Öffentlichkeit keine überzeugende Führungsrolle übernehmen. Die zu lange zögerten, bis sie signalisierten, genügend Geld für den Rettungsschirm bereit zu stellen.

Ein Land, das seine Wirtschaft und die Schulden im Griff hat, muss die Ratingriesen nicht fürchten - Herabstufungen sind lediglich Zeichen dafür, dass es einem Land nicht gut geht. Dass die Bewertungen von Moody’s und Co. zuverlässig und realistisch sind, dafür spricht ihre Bedeutung in der freien Wirtschaft: Gäbe es für die Urteile keine soliden Gründe, würde sich bald kaum mehr ein Aktienhändler dafür interessieren, welche Note die Agenturen gerade welchem Land geben.

Nur die Politik kann heilen

Trotzdem taugen die Ratingagenturen nicht als alleiniges Kontrollinstrument, sie analysieren lediglich und interpretieren, wie sich die Wirtschaft ihrer Ansicht nach entwickelt. Wie Laboranten benennen sie Erreger und Krankheiten, heilen sie aber nicht. Im Gegenteil: Indem sie mit dem Finger auf angeschlagene Länder zeigen, können sie an der Börse Wetten gegen diese auslösen. Damit verschlimmern sie bestenfalls nur die Symptome und im schlimmsten Fall die Krankheit.

Um zu heilen, braucht die europäische Wirtschaft einen Arzt, und weil die Selbstheilungskräfte des Marktes in der Eurokrise nicht funktionieren, kann das nur die Politik sein. Wenn die nicht in der Lage ist, Krankheiten auszumerzen, dann ist das ein Riesenproblem. Trotzdem kann es sinnvoll sein, wenigstens die Symptome zu bekämpfen. In diesem Fall die Hysterie am Markt, die durch die Bewertungen ausgelöst wird.

Es ist deshalb richtig, dass Barnier der Wertpapieraufsicht ESMA mehr Macht über die Rating-Agenturen verleihen will, denn nur ein törichter Arzt verweigert leidenden Patienten ihr Schmerzmittel.

Autor:  Jonas Nonnenmann
Datum:  20 | 10 | 2011
Kommentare:  3
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Faktencheck
Zurück zur Drachme um den Euro zu retten?

Griechenland steht im Ruf, über seine Verhältnisse gelebt zu haben. Mythen über die Ursachen der Krise.

  • 6.339,94 Pkt. +24,05 (+0,38%)
  • 10.196,44 Pkt. -35,08 (-0,34%)
  • 752,47 Pkt. +0,62 (+0,08%)
  • 8.580,39 Pkt. +17,01 (+0,20%)
  • 1,2512 USD -0,0003 (-0,02%)
in Zusammenarbeit mit Finanzen100.de
Ressort

Die Schuldenkrise hat Europa im Griff: Nachrichten zur Eurokrise, Konjunktur, Eurobonds und Ratingagenturen.


Faktencheck
Steigende Beiträge zur Sozialversicherung - die Zukunft?

Was würde passieren, wenn Deutschland ein Sparpaket bewältigen müsste wie Griechenland? Ein erschreckendes Szenario.

Spezial
Tag der Nachhaltigkeit - Für kurze Strecken mit dem Auto gibts ne 6. (Archivbild)

Wie grün ist die Stadt am Main und was muss sie tun, um noch grüner zu werden? Eine Nachhaltigkeitserie über Frankfurt - unterstützt von Siemens Deutschland.

Deregulierung

So sprachen sie vor der Krise

Von Sebastian Dullien | 1 Kommentar
Die großen Deregulierer: Christian Wulff, Peer Steinbrück, Horst Seehofer, Sigmar Gabriel, Olaf Scholz

Heute machen sich die Politiker wieder für Regulierung stark. Die Frankfurter Rundschau erinnert an die Worte von gestern - und veröffentlicht exklusiv den Deregulierungs-Index.  Mehr...

Spezial
Die IG Metall will in Kürze entscheiden, ob sie zu Warnstreiks in der Stahlindustrie aufruft.

Kurzarbeit, Jobabbau - wie sozial unsere Marktwirtschaft noch ist. Und: Hartz IV - Nachwirkungen der großen Sozialreform.

Video

Spezial

Wendige Elektroautos statt schwerer Spritfresser, enges Bahnnetz statt weniger schneller Strecken - wie wir mobil bleiben.