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Rettung der Finanzwelt: Die große Glaubenskrise

Verzweifelt kämpfen die USA um die Rettung der Finanzwelt, wie wir sie kennen. Die Zeit der Beschwichtigungen ist vorbei - und kein Ghostbuster in Sicht. Von Rouven Schellenberger

Smog über der Stadt am Main. Nun will Frankfurt gemeinsam mit anderen europäischen Städten einen nächsten Schritt im Klimaschutz gehen.
Smog über der Stadt am Main. Nun will Frankfurt gemeinsam mit anderen europäischen Städten einen nächsten Schritt im Klimaschutz gehen.
Foto: ap

Peer Steinbrück kommt gleich zur Sache. Es ist kurz nach neun Uhr am Donnerstagmorgen, als der Bundesfinanzminister im Bundestag seine Regierungserklärung beginnt. Steinbrück könnte jetzt die Gelegenheit nutzen, um die Menschen inmitten der weltweiten Finanzkrise zu beruhigen. Er könnte dunkle Vorahnungen in weiche Formulierungen verpacken. Er könnte die dramatischen Worte relativieren, mit denen US-Präsident George W. Bush in der Nacht die Welt überrascht hat. Keiner würde ihm das übelnehmen. Steinbrück aber sagt: "Die Welt wird nicht wieder so werden wie vor der Krise."

Von einem Erdbeben spricht der Finanzminister und davon, dass die USA ihren Status als Supermacht des Weltfinanzsystems verlieren werden. Ungeheuerliche Worte sind das aus dem Munde eines Finanzministers der größten europäischen Volkswirtschaft.


Foto: FR-Infografik

Worte, die nur deshalb nicht mehr ungeheuerlich erscheinen, weil sich die Wortwahl der führenden Politiker, Banker und Ökonomen dieser Welt in den vergangenen Wochen verschoben hatte, erst langsam, Woche um Woche, dann schneller, Tag um Tag. Nun aber ist die Zeit der Beschwichtigungen endgültig vorbei.

Noch vor kurzem galt bei den politisch Handelnden die Sprachregelung, die amerikanische Hypothekenkrise sei schmerzhaft, aber im Griff, es gebe nur noch vereinzelte unentdeckte Risiken. Dann verbreiteten sich die schlechten Nachrichten wie ein Virus über den Globus, Misstrauen macht sich breit, Banken mochten sich kein Geld mehr leihen, die Wall Street taumelte.

Die Investmentbanken Bear Stearns, Lehman Brothers, Morgan Stanley, Goldman Sachs, Merrill Lynch - entweder pleite, verkauft oder in normale Geschäftsbanken umgewandelt. Das Herz der Wall Street: es schlägt nicht mehr. Eine ganze Branche: ausgelöscht. Die verbleibenden Risiken: unkalkulierbar.

Auch vor dem noch immer mächtigsten Mann der Welt macht die Depression nicht halt. Rund sechs Stunden vor Steinbrück steht in Washington George W. Bush vor der Fernsehkamera und redet zur besten Sendezeit an die Nation. Er schien seltsam verschwunden in den letzten, dramatischen Tagen. Jetzt will er zeigen, dass er wieder da ist. Es ist ein wohlüberlegter Auftritt, mitten im Wahlkampf um seine Nachfolge, mitten in der tiefsten Nachkriegskrise der US-Wirtschaft.

Die Amerikaner sehen in diesen Minuten einen blassen Präsidenten, der ernst und entschlossen wirken will, dem zur Entschlossenheit aber die Kraft fehlt. "Unsere gesamte Wirtschaft ist in Gefahr", sagt Bush. "Der Markt funktioniert nicht richtig, es hat einen umfassenden Vertrauensverlust gegeben und weite Teile des amerikanischen Finanzsystems drohen zusammenzubrechen." Millionen Amerikaner könnten ihren Arbeitsplatz verlieren.

Bushs Rede enthält eine offene und eine verklausulierte Botschaft. Offen bittet der US-amerikanische Präsident um Zustimmung für ein 700 Milliarden Dollar (in Zahlen: 700 000 000 000 Dollar) teures staatliches Rettungspaket, mit dem die Regierung das US-Finanzsystem stabilisieren will. Verklausuliert räumt er ein: Die Krise ist groß, vielleicht sogar größer als wir alle.

Zuerst aber muss Bush die störrischen Demokraten zur Zustimmung zur Finanzhilfe bewegen, er braucht die Unterstützung des politischen Gegners. Ohne das Hilfspaket, so Bush, sei eine lange und tiefe Rezession unausweichlich. Aus diesem Grund lädt der Präsident die zentralen Figuren des politischen Spiels für Donnerstag zum Krisengipfel ins Weiße Haus - inklusive seiner möglichen Nachfolger Barack Obama und John McCain.

Den Demokraten Obama ruft Bush unüblicherweise gar persönlich an. Beide Kandidaten sagen sofort zu. Noch ungewöhnlicher: Obama und McCain bereiten mit einer gemeinsamen Erklärung den Weg für ein schnelles Ja zum Rettungspaket, wo sie sich doch im Wahlkampf gerade erbittert duellieren. Doch was ist noch normal in diesen Tagen? Wie die Gesetze des Marktes, so scheinen auch die politischen Gepflogenheiten außer Kraft gesetzt. So groß ist die Krise, dass sie nach einem überparteilichen Ansatz verlangt.

Die Börsianer frohlocken in diesen Stunden, in Frankfurt startet der Deutsche Aktienindex Dax wenige Stunden nach Bushs Rede positiv und hält sich über den Tag im Plus. Die Händler glauben fest an das Rettungspaket, an eine gute Nachricht für den Markt. Es ist eine Momentaufnahme, die Hoffnung macht. Aber eben nur eine Momentaufnahme, wie es sie schon so oft gab in den letzten Wochen, zwischen all den Rettungspaketen, Pleiten und Milliardenspritzen der Notenbanken.

Am Donnerstagnachmittag meldet sich die Krise wieder. Der US-Traditionskonzern General Electric (GE) kündigt eine Gewinnwarnung an. Wegen der "jüngsten dramatischen Entwicklungen an den Finanzmärkten", sagt GE-Chef Jeff Immelt.

In all den kleinen Nachrichten und Neuigkeiten scheint der Subtext der Bush-Rede unterzugehen. Wann hat zuletzt ein US-Präsident ernsthaft die gesamte amerikanische Volkswirtschaft in Gefahr gesehen? Und vorm Zusammenbruch des Finanzsystems gewarnt? Und eingeräumt, dass der Markt, an den die Amerikaner so sehr glauben, nicht mehr wirklich funktioniert? Es ist der mächtigste Mann der Welt, der hier sprach. Derselbe Mann, der noch im Sommer von der "starken amerikanischen Wirtschaft" und soliden Finanzmärkten schwärmte.

Er sprach von einem Land, das nur sehr ungern eine Schwäche eingesteht. Einem Land, das seit Jahren zwei teure, blutige Kriege führt, in Afghanistan und im Irak. Einem Land, das so ungern an sich selbst zweifelt, dass Bushs gesäte Zweifel mehr sein müssen als Teil eines politischen Wettbewerbs.

Man ahnt in diesen Momenten, dass selbst das gigantische amerikanische Rettungspaket das Misstrauen womöglich nicht aus den Märkten vertreiben kann. Dass gerade die Statik des Weltfinanzsystems infrage gestellt wird. Dass das Spiel vielleicht völlig neue Regeln braucht - weil an die alten Regeln keiner mehr glauben mag.

Autor:  Rouven Schellenberger
Datum:  26 | 9 | 2008
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