BERLIN. Es lag nicht nur an der frühen Stunde, dass die Stimmung im Kabinett gespannt war. Ausgesprochen "schädlich" sei der Querschläger aus Frankfurt, hatte sich Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) schon im Vorgespräch mit Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) erregt. Als dann die gesamte Ministerrunde um 8.30 Uhr im Kanzleramt zusammenkam, ergriff Kanzlerin Angela Merkel selbst unmissverständlich das Wort: "Extrem bedenklich" und "inakzeptabel" finde sie die Einlassungen. Es sei für sie "nicht nachvollziehbar", was in den Mann gefahren sei.
Die CDU-Regierungschefin wetterte nicht über einen vorlauten Gewerkschaftsfunktionär, sondern über den prominenten Vorstandschef des größten hiesigen Geldinstituts: den Deutsche-Bank-Boss Josef Ackermann. Seit Ausbruch der Weltfinanzkrise hatte Merkel stets einen ganz engen Draht zu dem forschen Schweizer gehalten. Zusammen mit Bundesbankpräsident Axel Weber, Martin Blessing und Klaus-Peter Müller von der Commerzbank sowie Paul Achleitner von der Allianz gehörte Ackermann zu den wichtigsten externen Beratern der Kanzlerin. Doch mit seinen jüngsten Interviewäußerungen hat Ackermann die Regierungschefin schwer in Rage gebracht.
Schon die großzügige Ankündigung des Bank-Managers, er werde angesichts des drohenden Kollaps des Finanzsystems auf seinen diesjährigen Bonus verzichten, stieß Politikern aller Couleur, die für ein Bruchteil von Ackermanns Bezügen seit Anfang des Monats Tag und Nacht schuften, um das Schlimmste zu verhindern, ziemlich sauer auf. Doch dann brüstete sich der Manager in der "Bild am Sonntag" auch noch: "Die Deutsche Bank benötigt kein Kapital vom Staat". Laut "Spiegel" erklärte er zudem: "Ich würde mich schämen, wenn wir in der Krise Staatsgeld annehmen würden." Das brachte im Regierungslager das Fass zum Überlaufen. Ein "Hohn" sei Ackermanns Verzicht auf seinen Bonus, kritisierte bereits am Sonntagabend Norbert Röttgen, der Parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion, im ARD-Fernsehen: "Wir argumentieren, dass wir eine Bankenkrise haben, die im Grunde die Welt in den Abgrund führt, und er glaubt auch noch, einen Anspruch auf einen Bonus zu haben." Stattdessen, so der revolutionärer Umtriebe unverdächtige CDU-Politiker, gehöre das gesamte Bonus-System der Banken "in den Mülleimer".
Einen "weiteren schweren Fehler" machte Röttgen in Ackermanns Ankündigung aus, keine staatlichen Hilfen in Anspruch zu nehmen. Damit, so lautet die Kritik aus Berlin, versuche der Manager, seine Wettbewerber zu stigmatisieren. Möglicherweise, so Röttgen, erzeuge er gerade dadurch eine Bankinsolvenz, die durch das Hilfspaket des Staates verhindert werden sollte: "Er hätte besser geschwiegen."
In der Kabinettsrunde am gestrigen Morgen war Röttgens Auftritt wichtigstes Gesprächsthema. "Großartig" habe der Rechtsanwalt argumentiert, lobten Vertreter von Union und SPD. Merkel zeigte sich besonders verärgert, weil Ackermann das Banken-Hilfspaket selbst mit entwickelt hat, das er nun diskreditiert. Noch vor der Kabinettssitzung am vergangenen Montag informierte ihn die Regierungschefin persönlich über die letzten Details. Insofern habe Merkel geglaubt, "zumindest die Philosophie des Rettungspakets wäre verstanden worden", ließ die Kanzlerin gestern ihren Regierungssprecher spitz erklären.
Angesichts des ungewöhnlichen Streits zwischen Merkel und einem der höchsten Repräsentanten der deutschen Wirtschaft hielt sich die SPD gestern mit Kritik betont zurück. Er wolle "nicht unnötig Öl ins Feuer gießen", erklärte Parteichef Franz Müntefering. Für die Genossen ist Ackermann seit seinem Victory-Zeichen im Mannesmann-Prozess ohnehin ein Lieblingsfeind. Sie dürften den Schlagabtausch mit der CDU-Kanzlerin daher still genießen.
Ackermann selbst reagierte gestern nicht. Ein Bank-Sprecher erklärte, bei dem Spiegel-Zitat handele es sich um "reine Kolportage".
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