kalaydo.de Anzeigen

Schuldenkrise
Die Krise hat Europa im Griff

22. März 2012

Schlechte Arbeitsbedingungen in Europa: Sinkende Löhne, höheres Rentenalter

 Von Stephan Kaufmann
Harte Schläge: Firmen in Italien, Griechenland und Portugal sollen sich künftig nicht mehr an Tariflöhne halten müssen Foto: BLOOMBERG NEWS

Tarifverträge in Europa verlieren an Verbindlichkeit Wie die Löhne gesenkt werden und welche Arbeitsmarkt-Reformen in den betroffenen europäischen Ländern geplant sind – hier ein paar prägnante Beispiele

Drucken per Mail
Entschuldungs-Plan

Ziel: Laut Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) soll die Schuldenlast Athens durch den Schuldenschnitt bis zum Jahr 2020 auf 120 Prozent der Wirtschaftsleistung sinken.

Annahmen: Ob Griechenland dies schafft, hängt jedoch von einigen Annahmen ab. Vor allem soll laut IWF-Plan die Wirtschaft bis 2020 um durchschnittlich 0,9 Prozent jährlich wachsen. Ist das Wachstum jedoch um jährlich 0,5 Prozentpunkte niedriger, so liegt die Verschuldung 2020 eher bei knapp 130 Prozent. Ähnliches gilt, wenn das Haushaltsdefizit höher liegt als geplant.

Griechenland: Die meisten Lohnzuschüsse werden abgeschafft. Damit sinkt beispielsweise der Lohn eines Angestellten im Handel von 1375 auf 962 Euro. Lohnsteigerungen sollen erst wieder möglich sein, wenn die Arbeitslosigkeit auf zehn Prozent fällt (aktuell: 20,8 Prozent). Kollektive Lohnvereinbarungen verlieren an Verbindlichkeit. Künftig sollen Tarife auf Unternehmensebene ausgehandelt werden. Der Mindestlohn in der Privatwirtschaft sinkt von 750 auf 590 Euro, für Beschäftigte unter 25 Jahren auf 500 Euro. Gekoppelt an den Mindestlohn ist das Arbeitslosengeld. Es sinkt von 460 auf 320 Euro pro Monat.

Spanien: Abfindungszahlungen für Entlassene sinken und erhalten eine Obergrenze. Der Kündigungsschutz wird aufgeweicht. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten – also aktuell – und bei Umstrukturierungen können Firmen ohne Zustimmung der Gewerkschaften die Löhne senken und die Arbeitszeit verändern. Für kleine und mittlere Unternehmen wird ein neuer Arbeitsvertrag eingeführt, der eine Probezeit von einem Jahr vorsieht. Das Rentenalter wird hochgesetzt. Die geplante Erhöhung des Mindestlohns hat die Regierung abgesagt.

Italien: Firmen wird es erlaubt, weniger Lohn zu zahlen als der Tarifvertrag vorsieht. Kleine Betriebe müssen weniger Sozialabgaben zahlen. Vorgesehen ist eine Lockerung des Kündigungsschutzes. Lohnverhandlungen sollen stärker auf Unternehmensebene verlagert werden, um die Lohnentwicklung zu bremsen. Der Einsatz von Praktika soll verstärkt werden. Das Rentenalter steigt.

Portugal: Die Lohnkürzungen im öffentlichen Dienst dürften die Löhne im Privatsektor bremsen. Vier Feiertage und drei Urlaubstage entfallen. Entlassungen werden einfacher. Abfindungszahlungen sollen sinken. Unternehmen dürfen von Tarifverträgen abweichen und weniger Lohn zahlen. Durch niedrigere Überstundenzuschläge und andere Arbeitszeitregelungen soll der Einsatz von Arbeitskräften flexibilisiert und verbilligt werden.

Frankreich: Frankreich ist zwar nicht aktuell in der Krise. Doch Präsident Nicolas Sarkozy plant eine Lockerung des Kündigungsschutzes, eine Senkung des Mindestlohns und eine Aufweichung der Tarifverträge, die derzeit noch 90 Prozent der Arbeitnehmer schützen. Die Firmen sollen weniger Sozialabgaben zahlen müssen. Das Rentenalter steigt.

Jetzt kommentieren

Wirtschaft-Spezial

Die Schuldenkrise hat Europa im Griff: Nachrichten zur Eurokrise, Konjunktur, Eurobonds und Ratingagenturen.


Videonachrichten Wirtschaft

Deregulierung

So sprachen sie vor der Krise

Von Sebastian Dullien | 5 Kommentare
Die großen Deregulierer: Christian Wulff, Peer Steinbrück, Horst Seehofer, Sigmar Gabriel, Olaf Scholz

Heute machen sich die Politiker wieder für Regulierung stark. Die Frankfurter Rundschau erinnert an die Worte von gestern - und veröffentlicht exklusiv den Deregulierungs-Index.  Mehr...

Faktencheck
Steigende Beiträge zur Sozialversicherung - die Zukunft?

Was würde passieren, wenn Deutschland ein Sparpaket bewältigen müsste wie Griechenland? Ein erschreckendes Szenario.