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Schuldenkrise
Die Krise hat Europa im Griff

04. Februar 2012

Schuldenerlass: Wie Griechenland bei der Rettung Deutschlands half

 Von Stephan Kaufmann
Hermann Josef Abs (Mitte) besiegelt die Entschuldung Deutschlands.  Foto: dpa

Nach dem Zweiten Weltkrieg erließen 65 Staaten der Bundesrepublik einen Großteil der Schulden, unter ihnen auch Griechenland. Der Erlass machte das deutsche Wirtschaftswunder möglich.

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Verschoben

Verhandlungen: Der Schuldenerlass für Griechenland zieht sich weiter hin: Ein für Montag geplantes Treffen der Euro-Finanzminister in Brüssel wurde am Freitag wieder verschoben. Die Konferenz könne aber „später in der Woche angesetzt werden“, hieß es. Damit sind die Erwartungen geplatzt, schon am Montag könne das zweite Hilfspaket unter Dach und Fach gebracht werden.
Streitpunkte: Gestritten wird nach wie vor über den Beitrag von privaten Banken und Fonds, über die griechischen Spar- und Reformmaßnahmen sowie über den Anteil der öffentlichen Geldgeber. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hatte am Donnerstag die Forderung aus der EU-Kommission zurückgewiesen, die Euroländer oder die EZB sollten sich an einem Schuldenverzicht für Athen beteiligen.
Gläubiger: Die EZB hält nach Schätzungen Griechen-Anleihen über 50 Milliarden Euro. Da sie diese Papiere unter Nominalwert erworben hat, könnte sie auf die volle Rückzahlung verzichten und damit ohne eigene Verluste Griechenland entlasten.

Die Verhandlungen über einen Schuldenerlass für Griechenland sind in der letzten Runde. Auf 100 Milliarden Euro sollen Athens Gläubiger verzichten. Es ist eine gigantische Pleite. Um einen ähnlich großen Erlass zu finden, muss man 59 Jahre zurückgehen. Damals war die Bundesrepublik Deutschland der Profiteur. Das Londoner Schuldenabkommen vom Februar 1953 – bei dem auch Griechenland verzichtete – ermöglichte den wirtschaftlichen Aufstieg Westdeutschlands.

Finanzminister Fritz Schäffer hatte den deutschen Verhandlungsleiter Hermann Josef Abs gewarnt: Mit den Verhandlungen über die Regelung der Altschulden übernehme er eine undankbare Aufgabe. „Herr Abs“, sagte Schäffer, „wenn Sie es schlecht machen, werden Sie an einem Birnbaum aufgehängt und wenn Sie es gut machen, an einem Apfelbaum.“

Heute ist jedoch klar: Die Bundesrepublik erzielte einen außergewöhnlichen Erfolg, spendiert von den USA. „Seine heutige finanzielle Stabilität verdankt Deutschland Amerika, das nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg auf viel Geld verzichtet hat“, sagt Albrecht Ritschl, Wirtschaftshistoriker an der London School of Economics. Zum einen ging es 1953 um die Regelung der Vorkriegsschulden im Ausland, die zum großen Teil aus nicht geleisteten Reparationszahlungen nach dem Ersten Weltkrieg bestanden.

Bereits in den 20er und 30er Jahren hatten die Gläubiger auf Druck der USA ihre Forderungen um viele Milliarden Mark gesenkt. Dennoch konnte Deutschland nicht zahlen, die nationalsozialistische Regierung beendete ab 1933 den Schuldendienst weitgehend.

Londoner Abkommen reduziert Deutschlands Schulden

Im Londoner Abkommen wurde zunächst die Vorkriegsschuldenlast um 15 Milliarden D-Mark reduziert, indem die Gläubiger auf entgangene Zinszahlungen ab 1934 verzichteten. Es blieben jedoch noch rund 14 Milliarden übrig. Dazu kamen Nachkriegsschulden über rund 16 Milliarden D-Mark. Zusammen ergab sich eine Forderung von 30 Milliarden, der eine Wirtschaftsleistung der Bundesrepublik von 70 Milliarden gegenüberstand. Die daraus resultierenden Belastungen seien „unmöglich zu erfüllen“, so Abs.

Die 65 Gläubigerstaaten hatten ein Einsehen. Am Ende gewährten sie dem Rechtsnachfolger des Dritten Reiches einen Erlass von 50 Prozent der gesamten Auslandsverbindlichkeiten. Dazu kam die massive Senkung der Zinsen. Zum Vergleich: Die gesamten Auslandsschulden Griechenlands dürften durch den derzeit verhandelten Erlass nur um 18 Prozent sinken. Das Abkommen enthielt noch weitere Vorteile. Die Rückzahlung der Schulden wurde gestreckt bis zum Jahr 1988.

Anders als im Fall Griechenlands wurde der Erlass nicht von der Umsetzung von Sparprogrammen abhängig gemacht, sondern sah wachstumsförderliche Maßnahmen vor. Mit ihnen wurde sichergestellt, dass Deutschland die Rückzahlung aus seinen Exporteinnahmen decken konnte und nicht – wie heute Athen – durch die Aufnahme neuer Schulden. Die vom Ausland geforderten Rückzahlungen betrugen in keinem Jahr mehr als 3,5 Prozent der deutschen Exporterlöse. Zum Vergleich: Athen musste 2011 allein für Zinsen rund elf Prozent seiner Exporteinnahmen ausgeben.

Letzte Tranche 1988

In Griechenland haben die Krise und die Sparbemühungen zu einer katastrophalen Schrumpfung der Wirtschaftsleistung geführt. Infolge dessen kann Athen die Forderungen von EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) nicht einhalten – und wird daher von IWF und EU zu immer schärferem Sparen gezwungen. Dies hätte der Bundesrepublik nicht passieren können: Denn laut Abkommen durfte „der Plan die deutsche Wirtschaft nicht aus dem Gleichgewicht bringen“.

Dies hat funktioniert. Angetrieben von Marshall-Plan-Hilfen und globalem Nachkriegs-Boom wuchs die westdeutsche Wirtschaftsleistung nach dem Schuldenschnitt jährlich zwischen neun und acht Prozent. Die Schulden sanken nach der vollen Umsetzung des Abkommens 1958 auf sechs Prozent der Wirtschaftsleistung. 1988 konnte die letzte Tranche zurückgezahlt werden.

Dieser Erfolg war vor allem ein Werk der US-Regierung – die jedoch ihre eigenen Ziele verfolgte: Westdeutschland sollte als Frontstaat im Kalten Krieg aufgebaut werden. Zudem hoffte Washington, das zu jener Zeit den Korea-Krieg führte, dass eine wiederbewaffnete Bundesrepublik einen Beitrag zum Kampf gegen den Ostblock übernehmen würde.

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