Die Commerzbank freut sich. Durch die stille Einlage des deutschen Staates steigt ihre Kernkapitalquote auf über zehn Prozent. Jetzt sei sie ähnlich gut kapitalisiert wie das Gros der europäischen Wettbewerber, die die Teilverstaatlichung schon hinter sich haben. Das sei für die Kunden, Mitarbeiter und die Bank gut. So weit, so wahr. Bevor wir verstehen, was eine Kernkapitalquote ist, und warum diese so wichtig ist, müssen wir uns auf eine Reise durch die Bankbilanz begeben.
Wie schaut die Bankbilanz aus?
Erst kippen die Banken - dann wackelt die Weltwirtschaft. Nun wird die Finanzbranche umgebaut. Analysen und Kommentare, Fotostrecken und Abstimmungen im neuen Spezial: Banken im Umbruch.
Wie bei jeder Bilanz gibt es eine Aktiv- und eine Passivseite. Auf der Aktivseite werden alle Forderungen gebucht, etwa Kredite an Unternehmen und Häuslebauer. Die spannendere Seite ist die Passivseite. Hiermit finanziert die Bank ihre Geschäfte. Grob lässt sich die Passivseite in Stammkapital, Zwitterkapital, Fremdkapital sowie Einlagen von Kunden gliedern.
Welches Kapital ist relevant?
Diejenigen, die der Bank Kredite gewähren und die sie beaufsichtigen, wollen wissen, wie viel Kapital als Puffer zur Verfügung steht. Als Puffer, bevor die Bank den gewährten, unbesicherten Kredit oder die Einlagen nicht mehr bedienen kann. Deshalb fragen Gläubiger und Aufsicht sowohl nach der Kernkapitalquote als auch der gesamten Kapitalquote. Quote deshalb, weil alle von der Bank ausgereichten Kredite, die Aktiva also, in Relation zum Kapital der Bank betrachtet werden müssen.
Was verlangt die Aufsicht?
Grundsätzlich gilt, dass jede Bank ihr Kapital maximal 12,5mal verleihen darf, also eine gesamte Kapitalquote von acht Prozent vorweisen muss, davon vier Prozent als Kernkapital. Soweit die internationalen Regeln.
Was ist Kernkapital?
Das wird national bestimmt. Als unumstritten gilt, dass das Eigenkapital sowie die Gewinnrücklagen der Bank dazugehören. Deshalb hat sich in der Krise auch der Begriff "festes Kernkapital" eingebürgert. An dieses feste Kapital hat im Ernstfall niemand als die Bank selbst einen verbindlichen Anspruch. Eigenkapital weist drei Hauptmerkmale auf: Es ist erstens auf ewig gewährt und der Aktionär hat zweitens keinen verbindlichen Anspruch auf irgendeine Zahlung, denn Dividenden können ausfallen. Drittens haftet das Eigenkapital immer zuerst, vor allen anderen Finanzierungsformen. Abhängig von nationalen Regeln zählt aber auch Zwitterkapital zum Kernkapital. Zwitterkapital, auch hybrides Kapital genannt, steht zwischen Fremd- und Eigenkapital. Je unbegrenzter es gewährt wird und je eindeutiger die Bank das Recht hat, das Zwitterkapital zu bedienen und/oder zurückzuzahlen, desto eher zählt es zum Kernkapital.
Was kommt bei der Berechnung des gesamten Kapitals hinzu?
Nachranganleihen etwa. Das ist zwar Fremdkapital, also auf Zeit geliehenes Geld mit verbindlichen Ansprüchen der Geldgeber an Zinszahlungen und Tilgung. Allerdings werden aus der Konkursmasse im Pleitefall erst alle anderen Verbindlichkeiten, wie unbesicherte Anleihen oder die Einlagen der Kunden bedient. Wenn dann noch Geld übrig ist, kommen die Nachranganleihen an die Reihe, jedoch vor dem Kernkapital.
Was ist nun eine stille Einlage?
Eindeutig Kernkapital, kein Eigenkapital, sondern ein Zwitter. Die stille Einlage kann nur von der Bank gekündigt werden, sprich steht ihr theoretisch ewig zur Verfügung. Das macht sie zum Kernkapital. Sie soll zwar ordentlich verzinst werden. Doch was passiert, wenn die Bank nächstes Jahre einen großen Verlust ausweist, bleibt dahingestellt. Zahlt die Commerzbank indes für das Geschäftsjahr 2010 wieder eine Dividende, bekommt der Staat auf die Kupons einen Aufschlag. Damit wird die stille Einlage vorrangig vor dem echten Eigenkapital bedient. Das ist der Preis dafür, dass die stille Einlage keine Stimmrechte erhält und so der Anteil der Aktionäre nicht verwässert wird.
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