Was im nächsten Frühling in den Gärten wachsen oder zu drei Euro das Bund im Blumenladen verkauft wird, kam im 16. Jahrhundert auf dem Schiffsweg von Konstantinopel nach Europa. Von Wien aus gelangten die Tulpen in die Niederlande. Weil sie mit dem Mosaikvirus befallen waren, kam es zu Mutationen und damit zu Hunderten verschiedener Sorten.
Die schönste, teuerste und prächtigste von allen war die Semper Augustus, eine rot-weiß geflammte, im Handel heute nicht mehr erhältliche Sorte. Der von Blattläusen übertragende Virus war unberechenbar. Er förderte mal einfarbige, dann wieder mehrfarbige Blüten hervor. Für Züchter ein Segen, für Spekulanten ein riskantes Geschäft.
Der polnische Essayist und Lyriker Zbigniew Herbert hat nicht mehr erleben können, was sich dieser Tage ereignet. In seinem wunderbaren Text "Der Tulpen bitterer Duft" erzählt er von der holländischen Spekulationsblase im 17. Jahrhundert. Man handelte sogar mit Zwiebeln, die in der Erde steckten, das heißt, ohne die Blüte zu kennen. Arme und Reiche verfielen dem Handel mit virtuellem Wert in Form von Blumenzwiebeln.
Handwerker verkauften ihr Werkzeug für eine Zwiebel, die sie im Wirtshaus wieder zum Verkauf anboten. Herbert schreibt "Wir wissen sehr gut, Holland war ein Land lesender Menschen, kluger Autoren, gebildeter Buchhändler und aufgeklärter Verleger. Doch was half es, der Staat war liberal, die öffentliche Meinung differenziert, folglich erschienen neben vernünftigen Stimmen auch Schriften, die eine Art praktische Einführung in die Prinzipien der Tulpenspekulation darstellten, Prolegomena des Wahns, Handbücher für den Selbstunterricht im Irrsinn."
Was am Ende herauskam? "Die Bilanz war zweifellos tragisch. Tausend ruinierte Vermögen, zehntausend Menschen ohne Arbeit. Und schließlich, was keine Statistik erfasst, die lange Liste der unschuldigen, aller Existenz beraubten Familien, die zum Elend verdammten oder auf die öffentliche Wohltätigkeit angewiesenen Kinder und die zerbrochenen Karrieren der Männer, ihr zerstörter Ruf, ihre vernichtete Reputation."
Zbigniew schließt mit dem Gedanken: "Wenn die Tulpenmanie eine Art psychischer Epidemie war, dann besteht die an Gewissheit grenzende Wahrscheinlichkeit, dass sie uns eines Tages in dieser oder jener Form wiederum heimsucht. In irgendeinem Hafen des Fernen Ostens geht sie gerade an Bord."
Ich habe schon vor Jahren zu meinem Bankberater gesagt, dass er sich seine Aktien und den ganzen Krimskrams an den Hut stecken kann. Doch nur, weil ich wusste, was die Türken und Perser mit den Tulpen machten, außer sie zu besingen und bedichten. Sie steckten sich die Blumen an den Turban. Den Handel überließen sie anderen. Ausgerechnet die Orientalen, die, wenn sie für etwas bekannt sind, dann für den Basar mit der dazugehörenden Folklore der nicht vorhandenen Preisbindung.
Das Thema dieser Kolumne ist nicht die aktuelle wirtschaftliche Lage, sondern der Aufruf zum vermehrten Konsum von Literatur. Nächste Woche beginnt die Frankfurter Buchmesse. Anlässlich des Themenschwerpunkts Türkei möchte ich mein türkisches Lieblingssprichwort verkünden: Wer den Esel vor sich hertreibt, muss seinen Furz ertragen! Ehrlich, mir geht es ums Lesen!
Ihre von Zedernwuchs und Wangen rot wie Tulpen gesegnete Mely Kiyak.
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