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Weltwirtschaftsforum: Davos diskutiert über heißes Geld

Schon fließt wieder gefährliches Spekulationskapital rund um die Welt - und beult Blasen aus. Die globale Wirtschafts- und Politikelite sucht in Davos nach Rezepten, die nächste Finanzkrise zu vermeiden. Von Hannes Koch

Vorbereitungen auf das große Treffen in Davos.
Vorbereitungen auf das große Treffen in Davos.
Foto: afp

Seit US-Ökonom Nouriel Roubini die Finanzkrise relativ genau vorhergesagt hat, ist er ein gefragter Experte. Die 80 Beschäftigten seines privaten Forschungsinstitut beliefern die Welt täglich mit ökonomischen Nachrichten. Nicht selten ist ein Knaller darunter, der tage- oder wochenlange Debatten auslöst.

Das heiße Thema in diesen Tagen ist das "heiße Geld". Gefährliches Spekulationskapital in Höhe von 60 Milliarden Dollar sei alleine im zweiten Quartal 2009 nach China geflossen. Roubinis Warnung: "Eines Tages wird die neue Spekulationsblase platzen und die größte koordinierte Kapitalentwertung aller Zeiten auslösen."

Forum in Davos
Debatte

Thema: "Rethink, Redesign, Rebuild" (Überdenken, Umgestalten, Erneuern) lautet d Titel des des aktuellen World Economic Forums im Skiort Davos.

Teilnehmer: Erwartet werden 2500 Gäste, darunter 900 Spitzenmanager von Unternehmen und Vertreter von 30 Regierungen. Mit dabei sind EU-Präsident José Manuel Barroso, der mexikanische Präsident Felipe Calderón, Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, Lee Myung-Bak, Präsident von Südkorea und Benjamin Netanyahu, der israelische Ministerpräsident.

Aus Deutschland kommen nach Angaben der Veranstalter Außenminister Guido Westerwelle und Wirtschaftsminister Rainer Brüderle. Den repräsentativen Vorsitz der Veranstaltung hat unter anderem Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann übernommen.

Die Idee: Klaus Schwab, der Gründer und Chef des Forus, erhebt den Anspruch, mit seiner Veranstaltung "den Zustand der Welt zu verbessern". Die Gäste schätzen den Kongress, weil er eine Mischung bietet aus Business-Terminen, politischem Bildungsurlaub und Skilaufen. Das Treffen wird getragen von einer Stiftung, der die tausend größten Konzerne der Welt angehören.

Erst kippen Banken - dann wackelt die Wirtschaft. Nun muss der Staat helfen. Reden Sie mit über

Wege aus der Krise

Obwohl diese Ansage martialisch und übertrieben formuliert ist, trifft sie den Nerv der augenblicklichen Debatte - auch im Weltwirtschaftsforum in Davos. Wenn sich Tausende Manager sowie Dutzende Regierungs- und Staatschefs von Mittwoch an zum alljährlichen Spitzentreffen der Wirtschafts- und Politikelite versammeln, gibt es im Kongresszentrum des Schweizer Skiorts Davos jede Menge Veranstaltungen zur Krise.

Schon der Titel des Treffens "Rethink, Redesign, Rebuild" zeigt, dass die Erschütterungen der vergangenen zwei Jahre in vielen Vorstandsetagen das Bedürfnis ausgelöst haben, die ökonomische Weltordnung zu überdenken und neue Antworten zu suchen. Richard Samans, einer der Mitorganisatoren, bringt es auf diesen Punkt: "Viele meinen, wir seien mit den wirtschaftlichen und politischen Risiken zu selbstgefällig umgegangen".

Die nächste Krise

So erscheint es folgerichtig, dass man in Davos nicht nur über den zurückliegenden Zusammenbruch an den Finanzmärkten spricht. "Die nächste globale Krise", heißt beispielsweise ein Workshop, an dem Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff teilnimmt. "Die globalen Ungleichgewichte nehmen wieder zu", sagt Rogoff, "und es wird zu wenig dagegen getan." Rogoff treiben ähnliche, wenn auch nicht so dramatische Sorgen wie Roubini, der die Auftaktdiskussion am Mittwochvormittag bestreitet.

"Ungleichgewicht" - dieses Ökonomen-Wort beschreibt aber eine hochgefährliche Entwicklung. Aktuell verstehen Wirtschaftsforscher darunter diesen Mechanismus: Die USA betreiben eine Politik des billigen Geldes, um die Banken zu retten und die Wirtschaft vor dem Absturz zu bewahren.

Die Verschuldung des Staates ist gigantisch, die Zinsen liegen nahe Null. Diesen Umstand nutzen viele Investoren aus, indem sie Dollar etwa gegen chinesische Renmimbi tauschen. Weil die Zinsen in China viel höher sind, verspricht der "Carry Trade", die Milliarden-Verlagerung von Niedrigzins- in Hochzinsländer, schöne Gewinne.

Problematisch daran ist, dass sich die schnellen Kapitalimporte ebenso schnell in Kapitalexporte verwandeln können, die eine Finanzwüste hinterlassen. "Carry Trade ist eine üble Erscheinung", sagt Ökonomie-Professor Peter Bofinger, der als Sachverständiger auch die Bundesregierung berät. "Schon jetzt bildet sich in China eine Immobilienblase." Das große Geldangebot treibt die Preise für Grundstücke und Hochhäuser hoch.

Der Währungsfonds braucht Zähne

Die Gefahr: Wenn der Dollar doch wieder an Wert gewinnen oder die USA die Zinsen erhöhen sollten, könnten die Investoren schnell die Lust am chinesischen Immobilienmarkt verlieren, ihr Geld abziehen und so einen ähnlichen Weltfinanzcrash auslösen wie während der Asienkrise 1997.

Nicht nur China verzeichnet einen starken Zustrom heißen Geldes. Dieses Phänomen registrieren unter anderem auch Indien, Südkorea, Indonesien, Taiwan und Brasilien.

Die Frage lautet nun: Was könnte man gegen das Aufblähen der neuen Blase unternehmen? Übereinstimmend sagen viele Ökonomen, dass die Regierungen der mächtigsten Wirtschaftsnationen (G20-Gruppe) und der internationale Währungsfonds (IWF) das Problem der Ungleichgewichte zwar erkannt hätten, jedoch bisher nicht ausreichend aktiv geworden seien.

"Der Währungsfonds braucht Zähne", sagt etwa Roubini. Und Rogoff fügt hinzu: "Der IWF übernimmt nicht genug zur Regulierung der Finanzmärkte." Dabei liegen die möglichen Gegenmaßnahmen auf der Hand. Einige Länder praktizieren sie auch - freilich ohne großen Rückhalt des IWF, der in zu scharfen Kontrollen des Kapitalverkehrs immer noch sozialistisches Teufelszeug sieht.

Vorbild Brasilien

Die brasilianische Regierung allerdings stört sich daran nicht. Das Land ergriff Ende 2009 erste Schritte zur Eindämmung des Imports spekulativen Geldes. Investoren müssen in Brasilien nun eine abschreckende Steuer auf den Kauf von Wertpapieren entrichten. Und auch Taiwan hat Begrenzungen eingeführt. Andere Länder wie Indien und Indonesien dürften folgen.

"Kapitalverkehrskontrollen sind ein vernünftiges Instrument, um spekulative Kapitalimporte zu bremsen", sagt Rogoff. Einen Schritt weiter geht Peter Bofinger. "Die Notenbanken sollten eine koordinierte Wechselkurspolitik betreiben", sagt der Sachverständige.

Beim sogenannten "managed floating" würden sich die Kurse des Dollar, Euro, Yen und Renmimbi weder gänzlich marktgesteuert bewegen noch durch staatliche Festlegung fixiert, wie aktuell im Falle der chinesischen Währung und ihrem Verhältnis zum Dollar. Bofinger meint, durch eine regelmäßige gemeinsam getragene Anpassung ließen sich die globalen Ungleichgewichte verringern.

Man darf aber gespannt sein, was etwa Zhu Min, Vize-Governeur der chinesischen Notenbank, zur Idee einer gemeinsamen Wechselkurspolitik sagt, wenn er in Davos spricht.

Autor:  Hannes Koch
Datum:  25 | 1 | 2010
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