Griechenland sei immer ein Sehnsuchtsort für sie gewesen, hat Angela Merkel neulich erzählt. Damals, als sie noch nicht Kanzlerin war, als es die DDR noch gab und für sie am südbulgarischen Pirin-Gebirge Schluss war mit dem Reisen. Griechenland war von dort nicht weit, aber eben nicht erreichbar und Merkel sagt, sie habe gedacht: „Da möchtest du einmal in deinem Leben hin.“ Die künftige Kanzlerin ist mit dieser Sehnsucht nicht alleine gewesen.
Das Wort „Griechenland“ weckte – zumindest nach Ende der Militärdiktatur Mitte der 70er-Jahre – positive Assoziationen: kleine Inseln, antike Stätten, Philosophen, Strände, weiße Häuser, Tavernen, gemächliches Leben. Das hat sich gewandelt: Bei Griechenland dominieren heute, in Zeiten der milliardenschweren Euro-Rettung, negative Vokabeln wie Krise, Korruption, Schulden und Misswirtschaft. Es werden die Geschichten von griechischen Familien erzählt, die für ihren bereits toten Großvater noch Rente bezogen. Deutsche Politiker sagen Sätze wie: „Griechenland darf kein Fass ohne Boden werden.“ Und dass die deutschen Sparer nicht haften dürften für griechische Versäumnisse.
Aus Griechenland schallt es – teils ebenfalls vorurteilsbeladen – zurück. Die Verzweiflung über Sparprogramme, über drastisch gekürzte Renten und Gehälter, über steigende Arbeitslosigkeit ist groß. Da steht in Boulevardmedien und auf Demonstrationen der hässliche Deutsche wieder auf, als Besatzer und Spardiktator. Die Kanzlerin wird in Nazi-Uniform gezeigt, ein deutscher Konsul wird von Demonstranten mit Kaffee bekleckert.
In Iserlohn sprechen die Kinder mit, wenn in der Stadt Schulen umbaut oder Spielplätze schließt. Der 60-köpfige Kinder- und Jugendrat muss vom Stadtrat gehört werden. Als Katrin Brenner das griechischen Kommunalvertretern erzählte, waren die erstmal erstaunt – und dann hochinteressiert. „Ich habe ein unglaubliches Echo bekommen“, sagt Brenner, die das Bildungsressort der Iserlohner Stadtverwaltung leitet. Sie findet, die Iserlohner Kinder machen die Stadtpolitik besser. Ein guter Weg gegen Politikverdrossenheit sei es auch. Sie empfiehlt das anderen deutschen Städten genauso wie griechischen. „Es gibt die Gefahr, dass Jugendliche angesichts der Krise resignieren.“ Mitmachen und Mitentscheiden könne helfen.
Während manche griechische Bürgermeister nun vielleicht über Iserlohn nachdenken, hat Brenner ein anderes Projekt angeschoben. Sie will das „Haus der kleinen Forscher“ nach Griechenland bringen, das Kita-Erziehern und Grundschullehrern naturwissenschaftliche Experimente beibringt. Bei Handelskammern und NRW-Landesregierung hat Brenner um Finanzierung geworben. Spielerisch bekämen die Kinder mehr Problembewusstsein, sagt Brenner. Ihr Sohn Paul hat aus der Kita mal ein Bauwerk aus Papprolle und Alu mit nach Hause gebracht. Als die Sonne drauf schien, drehte sich ein kleines Windrad. Auch Katrin Brenner hat dabei etwas gelernt. (vat.)
Das sind die lauten Töne auf beiden Seiten, die häufig die Nachrichten bestimmen, weil das Drastische meist mehr Aufmerksamkeit bekommt als etwa die Demonstranten, die nur ruhig mitlaufen. Natürlich gibt es auch die. Und in Deutschland gibt es Leute, die bei Griechenland nicht nur an Milliarden denken, sondern von Land und Leuten schwärmen. Die nicht auf Merkel und Brüssel und das nächste Hilfsprogramm warten, sondern selber aktiv werden. Erste Kontakte haben viele über die deutsch-griechische Versammlung geknüpft, bei der sich Bürgermeister, Landräte und Gouverneure beider Länder treffen. Von Know-how-Partnerschaften, bei denen Wissen ausgetauscht wird, spricht die Bundesregierung. Parallel hat sich eine Initiative gegründet, die deutsche und griechische Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs) miteinander verbinden will.
Es sind kleine Projekte, die angesichts der großen Probleme noch kleiner erscheinen. Es gilt, Widerstände zu überwinden und Fingerspitzengefühl zu zeigen: Nicht als Besserwisser auftreten, sondern als Partner. Vermutlich hilft die Überzeugung von Katrin Brenner von der Iserlohner Stadtverwaltung, die daran erinnert, dass auch in Deutschland fast jeder nach Steuerschlupflöchern sucht, und dass die eben einfach nicht so groß seien wie in Griechenland: „Augenbrauenhochziehen können wir uns nicht leisten“, sagt Brenner. Hier fünf Beispiele von Leuten, die die Augenbrauen unten lassen.
Internet-Seite für Städte und Kommunen: Deutsch-Griechische Versammlung – www.grde.eu
Anlaufstelle für Bürgerinitiativen, Verbände, Nicht-Regierungs-Organisationen: Greek-German Civil Society Initative – www.ggcs.eu
Kontakt für Feuerwehrfreunde: Förderverein des griechischen Feuer-, Zivil- und Katastrophenschutzes – www.freunde-esepa.de
Die Schuldenkrise hat Europa im Griff: Nachrichten zur Eurokrise, Konjunktur, Eurobonds und Ratingagenturen.

Heute machen sich die Politiker wieder für Regulierung stark. Die Frankfurter Rundschau erinnert an die Worte von gestern - und veröffentlicht exklusiv den Deregulierungs-Index. Mehr...