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Schuldenkrise
Die Krise hat Europa im Griff

13. Juli 2012

Wirtschaftswissenschaftler Max Otte: „Finanzmärkte sind ein moderner Fetisch“

Hedge-Fonds und Finanzinvestoren verdienen an den Schwankungen der Börsen, sagt Ökonom Max Otte.  Foto: dpa

Mit Sparauflagen, Rettungsschirmen und Reformen kämpft die Politik gegen die Euro-Krise. Dennoch wird das Desaster noch ein paar Jahre weitergehen, prophezeit Wirtschaftsprofessor Max Otte. Sein Argument: Es gibt viele, die an dieser Krise verdienen.

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Mit Sparauflagen, Rettungsschirmen und Reformen kämpft die Politik gegen die Euro-Krise. Dennoch wird das Desaster noch ein paar Jahre weitergehen, prophezeit Wirtschaftsprofessor Max Otte. Sein Argument: Es gibt viele, die an dieser Krise verdienen.

Herr Otte, Sie haben 2006 einen „Finanz-Tsunami“ vorhergesagt – und Recht behalten ...

Und ich habe schon im April 1998 in einem Vortrag in den USA gesagt, dass die Euro-Zone in zehn Jahren ein großes Problem bekommen wird.

Max Otte spekuliert nicht auf den Absturz.
Max Otte spekuliert nicht auf den Absturz.
 Foto: Alex Kraus/FR

Damit gelten Sie als Prophet. Also sagen Sie uns jetzt bitte: Wann ist die Euro-Krise vorüber? Möglichst ein genaues Datum.

Ich bin heilfroh, dass ich kein Wirtschaftsforschungsinstitut leite. Denn dann müsste ich jedes halbe Jahr eine Prognose machen – und das kann nichts werden. Menschliche und soziale Verhältnisse lassen sich kaum vorhersagen, schon gar nicht regelmäßig. Ich hingegen darf sparsam mit meinen Prognosen sein und gebe nur welche ab, wenn sich Hinweise verdichten.

Ist das Ihre Art zu sagen: Ich weiß auch nicht, wann die Euro-Krise vorüber ist?

Das weiß ich tatsächlich nicht. Aber ich kann sagen: Das ganze Drama wird sich noch zwei bis drei Jahre im Prinzip wie bisher fortsetzen. Denn es gibt zu viel Interesse daran, dass es sich fortsetzt. Zu viele Parteien verdienen an der Krise.

Wer profitiert?

Hedge-Fonds und Finanzinvestoren verdienen an den Schwankungen der Börsen. Firmenaufkäufer verdienen daran, dass viele Aktienkurse im Keller sind und Firmen daher billig gekauft werden können. Oder sie kaufen preiswert Staatsunternehmen, die privatisiert werden. Und schließlich verdienen die Gläubiger der Staaten.

Aber die Banken haben doch große Verluste gemacht?

Wo denn? Sicher, der Schuldenschnitt für Griechenland hat sie einiges gekostet. Aber gleichzeitig kassieren die Gläubiger der Euro-Staaten laufend die teilweise extrem hohen Zinsen auf Staatsanleihen. Die Politik tut alles dafür, dass diese Zinszahlungen weiter fließen. An den Bevölkerungen wird gespart, das Lohnniveau gedrückt, die Steuern werden erhöht, damit genug Geld für Zinsen da ist. Auch die sogenannten Hilfspakete für Griechenland helfen ja nicht den Griechen, das Geld fließt direkt an die Gläubiger. Den Preis bezahlen die Bürger Europas.

Zur Person

Max Otte ist Ökonom und seit 2001 Professor für allgemeine und internationale Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule Worms. Seit dem vergangenen Jahr hat der 47-Jährige zudem eine Professur am Institut für Unternehmensführung und Entrepreneurship der Universität Graz. Otte ist außerdem mit einer Beteiligung von 50 Prozent Hauptgesellschafter der Privatinvestor Vermögensmanagement GmbH.

„Der Crash kommt“ heißt das Buch, mit dem Otto weiträumig bekannt wurde. Darin prognostizierte er bereits 2006 die internationale Finanzkrise. Seitdem ist Otte ein gefragter Interview-Partner und in den Talk-Shows Deutschlands zu Hause. Seine jüngste Streitschrift heißt „Stoppt das Euro-Desaster!“.

Die Euro-Zone steht vor dem Zusammenbruch – wer sollte daran Interesse haben?

Die Konstellation der Kräfte auf dem Spielfeld ist so, dass niemand Interesse an einem Totalabsturz hat. Es hat aber auch keiner Interesse oder die Kraft, das Drama zu lösen.

Wann könnte man sagen, dass die Euro-Krise gelöst ist?

Kern der Krise ist die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit Süd-Europas, hervorgerufen durch die Einführung des Euro: Die Länder produzieren zu teuer und können dies nicht mehr kompensieren, indem sie ihre Währung abwerten.

Daher werten diese Länder nun quasi ihre Arbeitnehmer ab: Über Reformen wird das Lohnniveau gesenkt, um so Kostenvorteile auf dem Weltmarkt zu erlangen. Das ist doch auch ein Weg?

Aber nicht für alle Länder. So radikal kann man ein Land wie Griechenland nicht umbauen. Man kann den Druck auf ein Land nicht ewig erhöhen. Irgendwann explodiert es.

Sie sagen, das Grundproblem sei die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit Süd-Europas. Das Problem scheint doch aber eher von den Finanzmärkten auszugehen. Diese fordern von vielen Euro-Staaten hohe Zinsen für neue Kredite. Der US-Regierung hingegen leihen sie billig, obwohl die USA mehr Schulden machen. Das scheint irrational.

Die sogenannten Finanzmärkte gibt es nicht als handelndes Subjekt, das ist ein moderner Fetisch. An den Finanzmärkten gibt es Akteure mit Interessen. Und wir haben hier einen Interessensgegensatz: angelsächsisches Finanzkapital gegen kontinentaleuropäisches, eher industriegebundenes Kapital.

Das Finanzkapital, das an und in der Krise verdient, kommt doch aber nicht nur aus den USA und Großbritannien, sondern aus der ganzen Welt, auch aus Europa.

Mit angelsächsisches Finanzkapital meine ich auch eher ein ökonomisches Prinzip, nicht so sehr die nationale Herkunft der Anleger. Es ist ein Konflikt zwischen kapitalmarktbasierten Systemen und eher bankenbasierten Systemen. Mittlerweile stülpen wir unserem System, das eher auf langfristigen Krediten beruht, die Regeln der kurzfristig agierenden Börse über. Wir bauen unser System um, leider nicht zum Guten.

Europa ist ein unschuldiges Opfer ausländischer Prinzipien? Wie passt das zu Ihrer Diagnose, das Grundproblem seien die nicht wettbewerbsfähigen Süd-Länder?

Europa mag als Gesamtheit zwar besser dastehen als die USA. Gleichzeitig aber haben einige Euro-Staaten wie Griechenland natürlich große Probleme. Sie müssen raus aus dem Euro. Zudem hat die Euro-Zone ein politisches Problem, das die Finanzanleger ausnutzen können: Sie ist keine Einheit. Wir müssen daher einen einheitlichen Wirtschaftsraum Europa schaffen. Wir hätten eine Chance, wenn wir die Vereinigten Staaten von Europa auf föderaler und demokratischer Basis bilden. Das sagen die Politiker ja auch, wenn sie von Fiskalunion und mehr Europa sprechen. Aber der Fiskalpakt allein bringt da nichts, der ist Schwachsinn.

Weshalb? Mit ihm verpflichten sich die Staaten zu sparsamer Haushaltsführung.

Nehmen wir das Beispiel USA: Amerikas Zentralbank hat die Leitzinsen stark gesenkt und drückt über Anleihekäufe das Zinsniveau weiter. Gleichzeitig macht der Staat weiter hohe Schulden, um die Konjunktur zu stützen. In Europa wiederum machen wir ebenfalls eine sehr lockere Geldpolitik zur Subventionierung der Banken und zugleich eine restriktive Fiskalpolitik zur Bestrafung der Bürger. Das ist doch schizophren. Da ist mir Amerika lieber. Dort setzt man ganz offensiv auf Inflation, also auf die Entwertung der Staatsschulden.

Der Sparzwang wird hierzulande damit begründet, dass andernfalls die Finanzmärkte ihr Vertrauen in Europa verlieren und die Zinsen weiter in die Höhe treiben.

Die undifferenzierten Spardiktate schwächen Europas Wirtschaft, wir müssen sie abschaffen, mindestens aufweichen. Im Sinkflug sollte man nicht auch noch den Bremsfallschirm ziehen, sonst stürzt man ab. Außerdem brauchen wir den Euro-Rettungsschirm ESM – aber nur, wenn gesichert ist, dass die privaten Gläubiger sich immer über Forderungsverzicht an Rettungsaktionen des ESM beteiligen. Wenn der ESM Spanien 20 Milliarden Euro gibt, müssen die Gläubiger 20 Milliarden abschreiben. Damit beteiligen wir automatisch die Finanzvermögen.

Nochmal: Die Beteiligung der Investoren wird abgelehnt mit dem Argument, dies würde die Investoren verunsichern. Und sie zu beruhigen ist das ganze Ziel des Rettungsschirms …

In Griechenland hungern Menschen, in Spanien hat jeder zweite Jugendliche keinen Job – und den Investoren gibt man Sicherheit. Das ist doch pervers.

Aber wenn man sich nun einmal von ihnen abhängig gemacht hat?

Die Politik läuft der Finanzoligarchie hinterher. Die Lobbyorganisationen haben da gute Arbeit geleistet. Es ist doch so: Hätte die Bundesregierung im Frühjahr 2010 nicht Milliarden dafür ausgegeben, Griechenland im Euro zu halten, sondern stattdessen die Hilfe an einen radikalen Forderungsverzicht der Gläubiger gekoppelt, dann hätten wir heute kein Problem.

Ihr Name steht unter dem Aufruf von 170 Ökonomen, die sich gegen die jüngsten EU-Beschlüsse zu einer Bankenunion wenden. Die Bürger Europas dürften nicht für die Risiken spanischer oder griechischer Banken haften, heißt es dort. Sie distanzieren sich mittlerweile von dem Text. Warum?

Der erste Satz des Aufrufs lautet: Die Entscheidungen, zu denen sich die Kanzlerin auf dem Gipfeltreffen der EU-Länder gezwungen sah, waren falsch. Das trifft so nicht zu. Denn der Gipfel hat den Weg zu einer europäischen Bankenaufsicht geebnet. Außerdem war es richtig, die Sparzwänge für Italien und Spanien abzumildern. Andere Sätze sind unglücklich formuliert. Und ich finde auch, dass der ESM Banken retten können soll – wenn er im Gegenzug für seine Hilfe etwas erhält, zum Beispiel Anteile an der Bank. Es kommt also alles auf das Wie an.

Sie sagen in dem Aufruf auch: Banken müssen scheitern dürfen. Steuerzahler, Rentner und Sparer der bislang soliden Länder Europas dürften für die Absicherung der gigantischen Bankschulden nicht in Haft genommen werden. Klingt vernünftig. Anderseits hat die Lehman-Pleite doch gezeigt, welche verheerenden Folgen eine Bankpleite haben kann.

Lehman war ein Sonderfall, auf den niemand vorbereitet war. Er wird als Schreckgespenst gerne herumgezeigt. Natürlich gibt es systemrelevante Banken, die gerettet werden müssen. Aber Griechenland oder irgendeine spanische Bank mit Lehman gleichzusetzen, das ist Panikmache mit dem Zweck, weitere Mittel für die Finanzoligarchie zu mobilisieren.

Sie schimpfen auf die Finanzoligarchie. Sind Sie als Gesellschafter der „Privatinvestor Vermögensmanagement“ nicht selbst Teil dieser Oligarchie?

Ich profitiere zwar von den starken Schwankungen an der Börse. Gleichzeitig versuche ich aber, seriös anzulegen und nicht zu zocken. Also keine Derivate. Ich spekuliere nicht auf Absturz, ich setze auf steigende Kurse, und das ist mir auch lieber so. Abgesehen davon fühle ich mich als Finanzanleger zu Unrecht bei der Steuer bevorteilt, wenn meine Kapitalerträge geringer besteuert werden als ein Arbeitseinkommen. Deswegen plädiere ich für höhere Steuern – insbesondere für eine Finanztransaktionssteuer und für hohe Erbschaftssteuern. Wenn jemand 50 Millionen Euro erbt, dann gibt es keinen Grund, warum der Staat davon nicht 90 Prozent einziehen sollte.

Das Gespräch führte Stephan Kaufmann.

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