Die Abwerbung von Pädagogen hat zwischen den Bundesländern immer wieder für Unmut gesorgt. So lockte unter anderem Hessen 2008 mit einer Werbekampagne junge Lehrer auch ganz gezielt aus anderen Ländern an seine unterbesetzten Schulen: mit besserer Besoldung und Aussicht auf Verbeamtung. Vor allem das Nachbarland Rheinland-Pfalz protestierte. Auch Baden-Württemberg warb massiv um junge Lehrer aus anderen Ländern, vor allem aus Berlin.
Die Kultusministerkonferenz (KMK) sah sich gezwungen, zu reagieren. Zwar konnte sie sich nicht zu einem Verbot durchringen. Doch in der „Stralsunder Erklärung“ mahnte die KMK, genug Pädagogen im eigenen Land auszubilden – und nicht auf „Potenziale“ der Nachbarn zu schielen.
Bei den Erziehern führt der bundesweite Ausbau der Kleinkindbetreuung zu Engpässen. Nach einer Studie des Deutschen Jugendinstituts werden im Jahr 2013 etwa 25 000 Erzieher fehlen. Das Institut geht davon aus, dass dann bundesweit für etwa 40 Prozent der Kinder zwischen einem und drei Jahren ein Betreuungsplatz zur Verfügung
stehen soll. Die Krippenplatzgarantie
gilt ab 1. Juli 2013.
Es war vor knapp einem Jahr, als der hessische Sozialminister Stefan Grüttner (CDU) in einer Wiesbadener Kindertagesstätte um Nachwuchs für den Erzieherberuf warb. Ein neues Kinderbuch („Mein Onkel Malte, der ist Erzieher“) sollte ihm dabei helfen. Doch bislang kann weder Onkel Malte noch die hessische Imagekampagne „Große Zukunft mit kleinen Helden“ die Lücke von rund 4000 Erzieherstellen schließen, die sich aufgetan hat.
Anderen Bundesländern geht es ähnlich. Vor allem in den Großstädten wissen die Kita-Träger nicht, wie sie den Bedarf an Frühpädagogen künftig schließen sollen. Denn von 2013 an haben alle Kinder bereits ab dem zweiten Lebensjahr einen Anspruch auf Betreuung. Doch der Mangel an Fachkräften droht den familienpolitischen Vorstoß scheitern zu lassen.
Deshalb wirft mancher Minister oder Kita-Träger begehrliche Blick gen Osten, wo man junge Fachkräfte auf einem weitgehend gesättigten Markt vermutet – meist zu Unrecht, denn auch dort tun sich Lücken auf.
Vor der Nase weggeschnappt
München, wo der Erzieher-Mangel besonders eklatant ist, wirbt seit Jahren nicht nur mit Kampagnen in Bayern, sondern auch mit Postkarten, Anzeigen und Rekrutierungs-Veranstaltungen in anderen Regionen, etwa in Berlin. Sonderzulagen inklusive.
Jetzt macht auch Hessen die Finger lang. Der Sozialminister möchte an die Erzieher-Fachschulen in Thüringen ran. Doch mit seiner Anfrage im Bildungsministerium in Erfurt hat er seinen Amtskollegen Christoph Matschie (SPD) verärgert. „Wir werden das dankend ablehnen. Unsere Erzieherinnen und Erzieher sollen auf eine Zukunft in Thüringen bauen, nicht in Hessen“, sagt Matschies Sprecher der FR.
Hintergrund ist, dass Thüringen selbst großen Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften hat. Dort haben Kinder schon ab einem Lebensjahr den Rechtsanspruch auf Betreuung – anders als im Rest der Republik und bereits seit 2010. Dafür braucht das Land etwa 2 500 zusätzliche Erzieher. Das wäre laut Bildungsministerium noch in diesem Jahr zu schaffen, allerdings nicht, wenn andere Länder dem Land die Fachleute vor der Nase wegschnappen. Denn viele ältere Erzieherinnen und Erzieher in Thüringen gehen demnächst in Rente. Für Norbert Hocke, Kita-Experte der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), ist das Tauziehen der Länder nichts Neues. In manchen Stellenanzeigen werde sogar mit gemeinsamen Wohnungsbesichtigungen am neuen Ort geworben, sagt er. Laut der GEW Thüringen werden Erzieher in hessischen Großstädten mittlerweile in die Entgeltstufe E9 eingruppiert – drei Stufen höher als in Thüringen. Das Abwandern lohnt sich also.
„Das ganze Hin und Her wäre gar nicht nötig, wenn die Länder rechtzeitig ihre Hausaufgaben gemacht hätten“, kritisiert Norbert Hocke. Anstatt den Erziehermangel früh anzugehen, versuchten sie nun, „die gemachten Fehler zu kompensieren“. Dazu zählt der Experte, dass an den Hochschulen nicht schon in den 90er-Jahren grundständige Studiengänge etabliert worden seien. Gleichzeitig hätte man in den Kitas mehr Teilzeit- in Vollzeitstellen umwandeln müssen.
Gar nicht erkannt haben Länder und Kita-Träger nach Ansicht Hockes das Potenzial junger Leute mit Migrationshintergrund. Zwar habe die Bundesregierung erst kürzlich wieder auf dem Integrationsgipfel um mehr Migranten im öffentlichen Dienst sowie an Schulen und Kitas geworben, doch dafür fehlten die Rahmenbedingungen, sagt Hocke: Anstatt alle neuen Studiengänge, die für den Erzieherberuf qualifizieren, auf Deutsch und Englisch festzulegen, müsste es bilinguale Studiengänge mit Türkisch, Polnisch und Russisch als zweiter Sprache geben. Genau diese Experten würden in den Kitas gebraucht.
700 Euro in der Ausbildung
Eine andere Lösung für den Fachkräftemangel hat Baden-Württemberg parat, das vor drei Jahren selbst in anderen Bundesländern wilderte – allerdings ging es damals um junge Lehrer. Das Kultusministerium in Stuttgart will im Sommer gemeinsam mit dem Städte- und Gemeindetag eine „dualorientierte Ausbildung“ starten, um die Lücken in Kitas und Horten zu schließen. Anders, als es bei der klassischen Ausbildung an einer Fachschule üblich ist, erhalten die angehenden Erzieher in diesem Modellprojekt bereits im ersten Ausbildungsjahr rund 700 Euro monatlich.
Das könnte sogar ein paar mehr Männer für den Beruf begeistern. Diese schreckt das geringe Gehalt bislang ab – außer Onkel Malte natürlich.
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