Das Erkennen von Stärken und Schwächen gehört - völlig unabhängig von standardisierten und teils umstrittenen IQ-Messungen- zu den zentralen Aufgaben von Pädagogen. Besonders talentierte Kinder werden jedoch häufig nicht erkannt oder nur unzureichend gefördert, weil besondere Begabung nicht immer mit guten Schulleistungen einhergeht.
Hochbegabung spiele in der Lehrerausbildung bislang fast keine Rolle, kritisiert der Begabungsforscher Ernst Hany von der Universität Erfurt. Zwar hätten viele Pädagogen „einen erstaunlich guten Blick“ für die Talente ihrer Schüler. Aber von einer systematischen Förderung besonders Begabter sei man in Deutschland noch weit entfernt.
Kritiker der Hochbegabtenförderung führen unter anderem an, dass diese Kinder „es sowieso schaffen“ - und deshalb keine Förderung bräuchten.
Doch Wissenschaftler bestreiten diesen Effekt. Der Glaube, dass besonders begabte Kinder sich in jedem Fall ohne fremde Hilfe und gegen widrige Umstände durchsetzten, sei häufig ein Irrtum, heißt es in dem vom Bundesforschungsministerium 2010 herausgegebenen Ratgeber über begabte Kinder: „Fähigkeiten, die nicht in Anspruch genommen werden, entwickeln sich nur unvollkommen und können auch verkümmern.“
Modellprojekte wie etwa die „Impulsschulen“ der Karg-Stiftung in Frankfurt wollen das ändern. Es gebe keinen Anlass, zwischen der Förderung benachteiligter und begabter Kinder einen Gegensatz zu sehen, so die Experten. Allerdings räumen auch sie ein, dass durch Personalknappheit in der schulischen Praxis daraus durchaus Gegensätze entstehen können.
Fragt man Lehrer, welches ihrer Kinder sie als ganz besonders begabt einschätzen, dann liegen die Pädagogen oft falsch. Zwar können sie die Fleißigen und Einserschüler problemlos identifizieren. Aber die Besten nach Noten sind nicht immer die Begabtesten. Und die Begabtesten sind nicht automatisch diejenigen mit den besten Schulleistungen.
Das stellte bereits einer der Pioniere der Begabtenforschung, der US-amerikanische Psychologe Lewis M. Terman, Anfang des 20. Jahrhunderts fest. Ein Junge namens William Shockley wurde ihm vom Lehrer zwar als besonders begabt vorgeschlagen. Doch er verfehlte den für Termans Studie vorgegebenen Intelligenz-Quotienten (IQ) nach dem Stanford-Binet-Test. 1956 erhielt der für die Studie Ausgemusterte (und später wegen seiner Ansichten zum Thema Rasse und Intelligenz umstrittene) Naturwissenschaftler Shockley den Nobelpreis für Physik.
Jene Schüler, die es in Termans Hochbegabtengruppe geschafft hatten, erreichten später solche Spitzenleistungen nicht. Allerdings waren auch sie beruflich außerordentlich erfolgreich.
Trotz zahlreicher methodischer Mängel und Kritik am Auswahlverfahren der Probanden, gilt die Terman-Studie bis heute als „goldene Datenbank“ für die Forscher, denn der Psychologe war einer der ersten, der Hochbegabung in einer Langzeitwirkung erforschte. Termans Ausgangsthese jedoch, dass Intelligenz der ausschlaggebende Faktor für Erfolg oder Misserfolg im Leben sei, wurde durch seine eigenen Daten und spätere Forschungen klar widerlegt: Hohe Intelligenz allein führt nicht automatisch zu Höchstleistungen oder Kreativität. Mindestens ebenso wichtig sind Motivation, Selbstvertrauen, das soziale Umfeld sowie eine angemessene Förderung.
„Begabung ist wie ein Muskel, der ständig trainiert werden muss“, sagt Dr. Michael Wolf, Psychologe am Hoch-Begabten-Zentrum Rheinland in Brühl. Es ist eines von zahlreichen Förderstellen, die in den vergangenen Jahrzehnten bundesweit entstanden sind – Tendenz steigend.
Das Brühler Zentrum hat keine elitären Wurzeln oder Anliegen, wie es der Begabtenförderung von Kritikern oft unterstellt wird. Das Zentrum ging aus der Regionalen Schulberatungsstelle und dem Schulpsychologischen Dienst des Rhein-Erft-Kreises hervor. Seit mehr als zehn Jahren berät und fördert es Kinder mit besonderen Begabungen. Für seine Bemühungen um die sogenannten „Minderleister“, die aus ganz unterschiedlichen Gründen ihre Möglichkeiten nicht ausschöpfen können, hat das Zentrum kürzlich einen Preis der Frankfurter Karg-Hochbegabten-Stiftung erhalten.
In seiner Einzelberatung arbeitet das Brühler Psychologenteam hauptsächlich mit jenem kleineren Teil der Hochbegabten, die in Schule oder Familie negativ auffallen und die deshalb in den Medien besonders präsent sind. Doch die zahlreichen Berichte über die sozial unverträglichen Sonderlinge mit dem Einstein-IQ verzerren das Bild: „Die meisten hochbegabten Kinder und Jugendlichen sind unauffällig – und melden sich deshalb auch nicht in unserer Beratung“, sagt Wolf.
Die Praxis-Erfahrung der Psychologen deckt sich mit den Forschungsergebnissen. So hatte der Marburger Hochbegabten-Experten Detlef Rost bereits in den 80er-Jahren mit dem Vorurteil aufgeräumt, dass weit überdurchschnittlich intelligente Kinder besonders häufig sozial auffällig sind. Auch die Autoren Olaf Steenbuck, Helmut Quitmann und Petra Esser werben in ihrem aktuellen Buch über „Inklusive Begabtenförderung in der Grundschule“ für einen unvoreingenommenen Blick auf die „Genies“: „Sie sind ganz normale Kinder, die mehr können, als sie altersgemäß müssten.“ Genau an diese Kinder versuchen die Mitarbeiter des Hoch-Begabten-Zentrums in Brühl neben ihrer Einzelberatung heranzukommen – beispielsweise im Rahmen eines flächendeckenden „Potenzialchecks“ in der achten und neunten Klasse.
Zu den „unauffälligen“ begabten Grundschülern gehört beispielsweise der achtjährige Ben*. In seinem Steckbrief an der Wand des Klassenzimmers gibt er an, dass er in der Schule „alle Fächer liebt“. Später würde er gern mal Günther Jauch beerben und „Wer wird Millionär“ moderieren. Wie er da so selbstbewusst an seinem Tisch sitzt und Gedichte schreibt, traut man ihm das ohne weiteres zu. Genauso wie man sich Malte (8) als Super-Informatiker vorstellen kann, weil er schon jetzt „alles über den PC weiß“.
Die Kinder nehmen am Förderkurs „Deutsch und Philosophie“ sowie „Mathematik und Naturwissenschaften“ in Bedburg teil. Sie gehören zu einer Gruppe von 13 Schülern aus den umliegenden Schulen, die den Lehrern im Unterricht als besonders begabt und motiviert aufgefallen sind.
Bevor sie mit der auf zwei Jahre angelegten Förderung beginnen können, werden sie von Psychologen des Hoch-Begabten-Zentrums Rheinland gestestet – nicht, um Kinder mit einem möglichst hohen Intelligenzquotienten herauszufiltern, wie die Psychologen versichern, sondern um eine Überforderung zu vermeiden.
Damit nicht nur Kinder der Mittel- und Oberschicht von der Förderung profitieren, spielt die soziale Herkunft bei der Auswahl eine große Rolle. Da es immer mehr Bewerber als Plätze gibt, bekommt das Kind aus der Migrantenfamilie eher den Zuschlag als ein Mitschüler, der bereits im Elternhaus viel Förderung erhält.
Rund 200 Familien pro Jahr berät das Hoch-Begabten-Zentrum, darunter auch jene, die auf den ersten Blick dem klassischen Klischee entsprechen: sie fallen in der Schule auf, haben Konflikte mit Lehrern und Mitschülern oder ecken zu Hause an.
Markus (14) ist so ein Fall: Mit viereinhalb fing er an, am Frühstückstisch die Werbung auf der Milchtüte zu entziffern. Dann las er Texte in Bilderbüchern. Im Kindergarten habe man zwar seine besonderen Fähigkeiten registriert, erinnert sich der Vater. Doch in den Vorschulkurs habe man ihn trotzdem nicht aufnehmen wollen. Begründung: auffälliges Sozialverhalten.
Schließlich wurde Markus schon mit fünf Jahren eingeschult, seine Leistungen waren überdurchschnittlich gut, doch der im Kindergarten begonnene Konflikt zog sich wie ein roter Faden durch seine Schulkarriere. Es gab immer wieder Ärger, weil Markus unaufmerksam war, sich mit Mitschülern stritt und mit seinem Verhalten aneckte. Dann begann die Leistungsverweigerung. Einmal gab Markus bei einer Matheklausur einfach das leere Blatt ab. Im Biounterricht malte er Drachen. Kein Bock auf Schule.
„Wir sahen unsere Felle davon- schwimmen“, sagt der Vater heute. Die schlechten Noten seines Sohnes machten ihm zu schaffen. Bis heute kann er seinen Zorn auf die Schule und jene Lehrer nicht verbergen, die seiner Ansicht nach versagt haben. Das Hoch-Begabten-Zentrum vermittelte zwischen Schule und Familie, gab Hilfestellung für den Umgang mit dem Hochbegabten zu Hause.
Die Schule, so der Eindruck des Vaters, habe nun regelrecht auf eine Krankheits-Diagnose gewartet. Doch die kam nicht. Das Begabtenzentrum fand zwar heraus, dass Markus hochbegabt ist und es Konflikte innerhalb der Familie gab, dass er klare Regeln brauchte. Aber für eine Therapie habe es keine Indikation gegeben, sagt der Psychologe Christian Zimmermann. „Hätte ich gesagt, der Junge hat ADHS, dann hätten sich vielleicht alle entspannt. Aber das war nicht der Fall.“
Seit kurzem lernt Markus an einer Privatschule, die sich auf Hochbegabte spezialisiert hat. Der Vater hofft, dass er dort besser klar kommt. Doch es ist zu früh, um Bilanz zu ziehen.
* Namen aller Kinder geändert
Der Blick in den Weltraum auf ISS, Planeten, Sterne, Monde und die Sonne: Hintergründe, interaktive Grafiken, Fotostrecken und Videos.

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