Iris Portius hat klare Vorstellungen von dem, was Schule vermag und was nicht. „Schule kann nicht alles leisten. Die Kinder brauchen auch Zeit für Freunde, Hobbys oder einfach mal, um aus dem Fenster zu schauen“, sagt die Leiterin des Eutiner Carl-Maria-von-Weber-Gymnasiums. Deshalb hätten Eltern, Lehrer und Schüler sich im letzten Sommer praktisch auf Anhieb dafür entschieden, zum „alten“ G9-Modell, dem Abitur nach neun statt acht Jahren, zurückzukehren.
Der hohe Zulauf bestätigt diese Entscheidung: Für das kommende Schuljahr verzeichnet das Gymnasium 107 Anmeldungen. Am konkurrierenden Johann-Heinrich-Voß-Gymnasium, das den achtjährigen Weg anbietet, sind es 43, also nicht einmal halb so viele. Von einer „Abstimmung mit den Füßen“ spricht die Fachdienstleiterin Annette Rudolph von der Eutiner Schulbehörde. Die Stimmung für G9 sei aber „schon länger spürbar“ gewesen.
Die Schulleiterin Iris Portius nennt die Gründe dafür: „Die Antwort auf unsere schnelllebige Zeit kann nicht Beschleunigung lauten, sondern muss Entschleunigung heißen.“ Die Argumente der Kritiker, eine „Rolle rückwärts“ zum neunjährigen Gymnasium bringe nur wieder neue Unruhe in den Schulbetrieb, kann Iris Portius nicht nachvollziehen: „Es war überhaupt kein hoher Aufwand, zurückzukehren.“ Die Einführung des Abiturs nach acht Jahren sei dagegen ein „Riesenaufwand“ gewesen und habe sehr viel Unruhe mit sich gebracht. Aber wenn man am Ende „aus pädagogischen Gründen“ zu dem Ergebnis komme, dass der längere Weg richtig sei, habe sich auch dieser Aufwand gelohnt. Nur müsse man auch die richtigen Konsequenzen ziehen, meint die Pädagogin.
Von einer möglichen Wettbewerbsbenachteiligung ihrer Schüler will Iris Portius nichts wissen: „Ich will den Arbeitgeber sehen, der sagt: Ich stelle dich nicht ein, weil du ein Jahr länger zur Schule gegangen bist.“ Wenn der Kandidat auf die Stelle passe, sei das völlig egal. „Die Persönlichkeit entscheidet letztlich, und die muss ausgereift sein.“In Schleswig-Holstein wurde eine Rückkehr zum G9-Modell möglich, weil der dortige Bildungsminister Ekkehard Klug (FDP) sich für die Wahlmöglichkeit der Gymnasien im Land stark gemacht hatte: Sie sollten selbst entscheiden dürfen, ob sie in acht oder in neun Jahren zum Abitur führen wollen. Die heimische CDU wetterte zwar heftig dagegen, allen voran ihr damaliger Landesvorsitzender Christian von Boetticher. Doch der ist nach der Affäre mit einer 16-Jährigen längst ausgeschieden. Und so darf sich das Bildungsministerium nun kurz vor der Landtagswahl am 12. Mai rühmen, zumindest an der Turbo-Front einen Schulfrieden erreicht zu haben.
Denn der Trend im Land sei klar, sagt Thomas Schunck, Sprecher des Bildungsministers: 15 von 99 Gymnasien des Landes bieten inzwischen das G9-Modell oder die Wahl zwischen G8 und G9 an. Die meisten dieser Schulen melden Zuwächse. Obwohl die Zahl der Anmeldungen für das neue Schuljahr demografisch bedingt um etwa acht Prozent sank, verzeichnen die G9-Schulen einen Anstieg um anderthalb Prozent, die G8-Schulen dagegen ein Minus von neun Prozent.
G9 und G8 sind bildungspolitische Kürzel für zwei Modelle. G8 steht für das achtjährige Gymnasium. In den meisten Bundesländern verlassen die Kinder nach der 4. Klasse die Grundschule. Am Gymnasium lernen sie dann bis zur 12. Klasse – also acht Jahre. Das Kürzel G8 steht zugleich für eine Reform: die bundesweite Ablösung von G9, also des bis dahin in den meisten Ländern üblichen neunjährigen Lernens im Gymnasium bis zur 13. Klasse.
Reformgrund war, dass Deutschlands Abiturienten im internationalen Vergleich angeblich zu alt seien. Durch die Umstellung von G9 auf G8 gibt es doppelte Abiturjahrgänge: 2012 in Baden-Württemberg und Berlin, 2013 in Nordrhein-Westfalen sowie in Hessen, das seine Schulen schrittweise umstellte.
Auffällig ist auch der Trend beim traditionsreichen Flensburger Fördegymnasium. Die Schule war bis vor kurzem Modellschule der Stiftung der Deutschen Wirtschaft und des Bundesbildungsministerium – zweier Institutionen, die sich eigentlich für die verkürzte Schulzeit stark gemacht haben. „Aber die Wirtschaft sieht das inzwischen ja auch wieder etwas anders“, sagt der Schulleiter Winfried Wellmann. „Das Problem sind nicht die ein Jahr zu alten, sondern die persönlich nicht ausgereiften Bewerber.“
Am Fördegymnasium wollte man im vergangenen Sommer beide Möglichkeiten anbieten: G8 und G9. Aufgrund der zu geringen Anzahl an G8-Anmeldungen habe man diese Variante aber wieder aufgegeben – und sich fortan für das reine G9-Modell entschieden. Das traf offenbar einen Nerv, denn in diesem Jahr verzeichnet das Gymnasium einen regelrechten Boom. Den 78 Bewerbungen im Vorjahr stehen nun 116 gegenüber. Das ist eine Steigerung um 50 Prozent. An der Flensburger Goetheschule mit acht Jahren bis zum Abitur waren es dagegen nur 54 Anmeldungen.
Auf der Homepage des Fördegymnasiums kann man nachlesen, wie das zusätzliche Schuljahr sich in den Lehrplänen spiegelt. Im Deutschunterricht der siebten und achten Klassen bleibt jetzt genügend Zeit für den Besuch einer Zeitung und einer Druckerei, für Klassen- und Schulzeitungsprojekte. Man widmet sich auch der Gestaltung von Theater- und Hörspielen. Die zehnte Klasse nimmt an Debattierclubs teil oder produziert Filme. In Mathematik behält man den G8-Lehrplan bei, gewinnt aber mehr Zeit für die Vertiefung, Anwendung und das Experimentieren.
Auch Schulleiter Winfried Wellmann bestreitet, dass der Aufwand, zum neunjährigen Abi-Weg zurückzukehren, zu hoch sei. Diejenigen, die das Festhalten am G8-Modell mit dem Argument eines „Schulfriedens“ einfordern, wollten in Wirklichkeit einen „römischen Frieden“ verordnen, sagt er. „Auch die Römer haben ihren Untergebenen einen Frieden zu ihren Bedingungen aufgedrückt.“Ob Schleswig-Holstein mit seiner „Rolle rückwärts“ zum G9-Modell tatsächlich bundesweiter Vorreiter oder doch nur einsamer Ausreißer bleiben wird, ist noch nicht ausgemacht. Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) machte sich jedenfalls gerade dafür stark, wieder den neunjährigen Weg zu erlauben. Und er erntete prompt Beifall vom Deutschen Philologenverband. Die Schulen sollten selbst entscheiden, meint dessen Vorsitzender Heinz-Peter Meidinger.
„Wer ständig von Bürgerbeteiligung und Partizipation redet, der sollte auch in dieser Frage den Eltern- und Schülerwillen ernstnehmen“, sagte Christian Ude. Seine Landtagsfraktion habe schon vor zwei Jahren ein Wahlrecht für Schulen gefordert, ob sie in der Oberstufe auch eine 13. Klasse haben wollen.
Aber dem bayerischen Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) fällt zur Zeit nichts anderes ein, als das Angebot, schwachen Schülern in der Mittelstufe ein freiwilliges Wiederholungsjahr zu erlauben. „Wir wollen dem Einzelnen mehr Zeit für sich einräumen“, sagte er. Einer Wahlmöglichkeit zwischen G8 und G9 erteilte er eine strikte Absage, das sei „bildungspolitischer Dilettantismus“.
In Baden-Württemberg stellte Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD) soeben die Liste derjenigen Schulen vor, die ab dem kommenden Schuljahr sowohl G8 als auch G9 anbieten dürfen. 51 Gymnasien hatten sich beworben, 22 erhielten den Zuschlag. Maßgeblich für die Auswahl waren pädagogische und regionale Aspekte.
In Nordrhein-Westfalen läuft ein G9-Modellversuch, für den sich aber nur 13 von 620 Gymnasien im Land entschieden haben. Zehn Schulen bieten den reinen neunjährigen Weg an. Drei Schulen wiederum stellen die Wahl zwischen G8 und G9. „Das ist jedoch nicht das alte G9“, sagt eine Ministeriumssprecherin, „die Schüler haben dort eine höhere Wochenstundenzahl als früher.“
Das dürfte für die meisten wohl doch nicht so attraktiv gewesen sein. Schließlich ging es den Turbo-Gegnern vor allem um mehr Zeit der Kinder für Freunde oder Hobbys. Oder einfach nur, um aus dem Fenster zu gucken.
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