Am 13. August beginnt in Hessen das neue Schuljahr 2012/ 2013. Die Zahl der Lehrerstellen steigt auf rund 50.400. Laut Kulturministerium sollen 150 neue Lehrer eingestellt werden, Gymnasien sollen zwischen G8 und G9 wählen können. Kultusministerin Nicola Beer geht davon aus, dass die meisten beim Turbo-Abitur (G8) bleiben werden. Zugleich soll G8 verbessert und geprüft werden. Der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderungen (Inklusion) bekommt keine besondere Priorität. Beer will abwarten, wie sich die Anmeldezahlen an den Förder- und den Regelschulen entwickeln. Beide Systeme sollen nebeneinander bestehen bleiben. Islamunterricht soll laut Beer zum Schuljahr 2013/14 starten. Allerdings seien mit den muslimischen Partnern noch Einzelheiten zum Unterricht zu klären. Wie sieht es in den übrigen Bundesländern aus?
Darin steht kein Land der Europäischen Union dem anderen nach: Ein jedes hat seinen „armen Süden“, Regionen, in denen das Bildungsniveau niedrig ist und das Ausbildungsangebot mager. Deutschlands Süden der Bildung läge – wollte man einer neuen EU-Studie glauben – im Osten.
Dort, wo blühende Landschaften versprochen wurden, machen Schüler und Studenten den kleinsten Anteil unter den Bewohnern aus. Im EU-Vergleich sieht die Quote der Schul- und Hochschulabgänger in Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg nicht besser aus als in bestimmten Regionen Italiens oder Südosteuropas.
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Der gerade erschienenen EU-Studie „Vorsicht Lücke! – Bildungsungleichheit zwischen europäischen Regionen“ geht es neben statistischen Vergleichen auch um Ursachen. „Wir müssen uns mit der geografischen Ungleichheit im Bildungsbereich befassen, wenn wir zu einer ausgewogenen regionalen Entwicklung und sozialem Zusammenhalt kommen wollen“, sagt die EU-Bildungskommissarin Androulla Vassiliou.
Die Landkarte der Bildungsunterschiede zwischen den 271 Regionen in den 27 Mitgliedsstaaten schillert wie eine Chamäleonhaut: Betrachtet man alle Bildungsabschlüsse zusammen, erscheinen Brandenburg oder Sachsen-Anhalt kaum besser gerüstet als die spanische Randregion Asturien oder Sardinien.
Isoliert man hingegen den Anteil der Jugendlichen mit mehr als zehn Schuljahren, glänzen viele ostdeutsche Regionen: In Chemnitz etwa ist nur bei einem von zehn Schülern nach der Regelschule Schluss, über 60 Prozent haben einen Gymnasial- oder vergleichbaren Abschluss. Mit knapp 30 Prozent Hochschulabsolventen liegt Dresden im deutschen Vergleich ganz vorn, aber immer noch weit hinter London mit einem Bachelor- und Masteranteil von 40 Prozent.
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„Der Zweck dieser geografisch aufgesplitterten Daten ist die Stärkung der Verantwortung auf lokaler Ebene“, sagt Adam Tyson, Leiter der Hochschulabteilung des EU-Direktorats für Bildung und Kultur. Die Anstöße, die die EU-Studie gibt, variieren. Sachsen-Anhalt etwa weist mit den anderen neuen Bundesländern die niedrigste durchschnittliche Bildungsbeteiligung in Deutschland auf, nämlich knapp 17 Prozent – gegenüber 19 in Berlin, 20 in Hamburg oder 22 in Bremen. Das betrifft den Anteil der in Schule oder Hochschule Lernenden an der Gesamtbevölkerung.
Das Wissenschaftsministerium in Magdeburg ist allerdings der Ansicht, dass dieser Durchschnittswert „nur einen geringen Aussagewert“ habe. Die Bildungssysteme in Deutschland und Europa seien zu unterschiedlich, als dass daraus ein Rückschluss auf ein Politikversäumnis gezogen werden könne.
Man sehe vielmehr eine erfreuliche Entwicklung bei den Studienanfängerzahlen mit Zuwanderung aus anderen Bundesländern und dem Ausland. In der Tat, bei den Studierendenzahlen erreicht Sachsen-Anhalt genau den deutschen Mittelwert von 42 Prozent und damit mehr als Bayern.
Einen anderen Aspekt der EU-Studie hebt Dominic Orr hervor, der im Hochschulforschungsinstitut HIS in Hannover seit Jahrzehnten europäische Studentenforschung betreibt: die Entfernung zum Hochschulort.
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Deutschland gehört, zusammen mit den Niederlanden und Großbritannien, zu den EU-Ländern, in denen bis zu 97 Prozent der Lernenden weniger als 60 Minuten von der nächsten Hochschule entfernt leben. Aus dieser Perspektive relativiert sich die niedrige Studentenquote Brandenburgs – mit 32 Prozent um mehr als die Hälfte niedriger als in Bremen mit 74 Prozent – durch die Nähe zu Berlin mit seinen drei großen Universitäten und vielen Hochschulen.
Orr weist auch auf den amerikanischen Autor Richard Florida hin, der in der EU-Studie erwähnt wird. Er liefere „ein Hauptargument dafür, warum Berlin so viele Hochschulen hat und ausbaut, obwohl man nachher keine Jobs für diese Leute hat“. Florida sage, da wo die coolen Leute wohnen, passierten coole Sachen.
„Seine Idee ist im Prinzip, dass man das steuern kann.“ Das tun die Unis und die Stadt, indem sie Gründer fördern. An der FU gab es 75 Ausgründungen seit 2006, allein acht in diesem Jahr. Drei Viertel, so die Gründungsförderung „Profund“, überlebten. Zwischen zehn und 20 Prozent der jungen Firmen stellten Mitarbeiter ein.
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Das ist, was die EU-Studie bezweckt: eine fruchtbare Auseinandersetzung. Doch letztlich weist sie auf soziale Ursachen für Bildungsungleichheit zurück. Deshalb, so Dimitris Ballas, Leiter des Forschungsteams, reicht Bildungspolitik nicht aus. „Maßnahmen, die die Armut und verwandte Aspekte der Benachteiligung bei der Wurzel packen, sind wahrscheinlich wirksamer als rein bildungspolitische Interventionen.“
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