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Schule

06. September 2012

Gegen G8: Kritik am Turbo-Abi

 Von Luisa Rische
Lernen in der Ganztagschule. Viele Eltern fordern das für ihre Kinder.Foto: dapd

Eltern-Ohrfeige für die Bildungspolitik: Eine neue Studie zeigt, dass Mütter und Väter die Schulzeitverkürzung ablehnen. Dafür fordern ein Großteil Ganztagsschulen.

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Mütter und Väter von Schulkindern kritisieren das deutsche Schulsystem massiv. Der Bielefelder Erziehungswissenschaftler Klaus-Jürgen Tillmann spricht sogar von einer Ohrfeige für Bildungspolitiker aller Parteien. In einer neuen Studie, die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde, sprechen sich die Eltern mehrheitlich für die Ganztagsschule aus und lehnen die Schulzeitverkürzung an Gymnasien ab.

Für die repräsentative Jako-o-Bildungsstudie waren im Januar 2012 bundesweit 3 000 Eltern vom Sozialforschungsinstitut Emnid befragt worden.

Die Eltern kritisieren vor allem die Schulzeitverkürzung. Obwohl das Abitur nach zwölf Jahren – das sogenannte G8-Modell – mittlerweile in fast allen Bundesländern Standard ist, hat es unter Eltern keinen guten Ruf. 79 Prozent sprechen sich für die Rückkehr zu einer 13-jährigen Schulzeit bis zum Abitur aus, das sogenannte G9-Modell. Gleichzeitig jedoch könnten sich 59 Prozent mit einer kürzeren Lernzeit anfreunden, wenn die Lehrpläne angepasst würden.

Leistungsdruck abbauen

Überrascht haben diese Zahlen in erster Linie den Bundeselternrat. Mit einer derartigen Ablehnung hatte man nicht gerechnet. „Das Ergebnis der Studie war natürlich ein Schock“, sagt die Bundeselternsprecherin Ursula Walther. „Wir werden aber nicht zu G9 zurückkehren, da wir die strukturellen Verhältnisse nicht ständig verändern können.“ Stattdessen will sich der Bundeselternrat für „ein deutlich besseres G8 mit ganz neuem Lernkonzept einsetzen“.

Die breite Ablehnung des Turbo-Abis resultiert offenbar auch aus dem Wunsch, den Leistungsdruck abzubauen. Die Bildungsstudie verdeutlicht, dass nur 28 Prozent Leistung im Vordergrund sehen. Stattdessen legen die Befragten Wert auf soziales Verhalten (84 Prozent), gleiche Bildungschancen (84 Prozent) und eine umfassende Allgemeinbildung (80 Prozent). „Im Rahmen der Befragung haben wir festgestellt, dass nur die Hälfte der Eltern Deutschland für kinderfreundlich hält“, sagt Klaus-Peter Schöppner vom Emnid-Institut.

Zugleich ist der Wunsch nach Ganztagsschulen gestiegen. 70 Prozent der Eltern würden ihre Kinder bevorzugt dorthin schicken, wenn es genug Plätze gäbe. Bei der ersten Jako-o-Bildungsstudie vor zwei Jahren waren es noch 59 Prozent.

Gemeinsames Lernen

Genauso viel Wert legen Mütter und Väter auf eine längere gemeinsame Lernzeit. Die sechsjährige Grundschule, wie sie in Berlin und Brandenburg Standard ist, wird von 60 Prozent bevorzugt. 15 Prozent sprechen sich sogar dafür aus, Kinder erst nach der neunten Klasse zu trennen. Der Wunsch nach Bildungsgerechtigkeit spiegelt sich auch in den Zahlen zur Inklusion wider. 89 Prozent sprechen sich für das gemeinsame Lernen mit körperlich beeinträchtigten Kindern aus, 46 Prozent für das Lernen mit geistig behinderten Kindern.

Immerhin attestieren die Eltern den Lehrern ihrer Kinder fachliche Kompetenz. Sie kritisieren zugleich, dass die Lehrkräfte nur selten auf sie zukämen, um mehr über die Kinder zu erfahren.

Welchen Einfluss die Studie haben wird, ist unklar. Man dürfe nicht naiv sein, Bildungspolitik brauche Entwicklungszeit, sagt Tillmann. Bettina Peetz vom Kinderwaren-Versand Jako-o will dennoch an der Studie festhalten. „Wir möchten den Eltern repräsentativ ein Stimme geben.“

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