Gewalt in der Pädagogik – so lautet das Thema des Erziehungswissenschaftlers Benno Hafeneger. Es gehe weit über die bekannt gewordenen Fälle von körperlichen Übergriffen und Missbrauch in Internaten oder Heimen hinaus, sagt er. Frühere Formen seien durch neue ersetzt worden.
Sie sagen, dass Pädagogik heute noch immer durch Gewalt geprägt ist. Wie zeigt sich das?
Die alte körperlich strafende Zucht- und Prügelpädagogik ist gesellschaftlich weitgehend geächtet und rechtlich sanktioniert. Aber das heißt nicht, dass es in der Pädagogik keine Gewalt mehr gibt. Die heutigen Gewaltphänomene sind subtiler. Sie liegen vor allem im verbalen und psychischen Bereich. Kinder und Jugendliche erfahren in pädagogischen Einrichtungen unterschiedliche Formen von Beschämungen. Das geht von Gleichaltrigen, aber auch von Pädagogen aus.
Wie erkennt man subtile Formen der Gewalt?
Es gibt hier fließende Grenzen und eine Grauzone. So sind die subtilen Gewaltformen nicht immer leicht zu erkennen. Zu ihnen gehören vor allem abfällige und geringschätzige Bemerkungen, verletzende oder entwertende Worte, beleidigende Ausdrücke oder die Zuschreibung von negativen Eigenschaften sowie Kommentierungen der Herkunft. Schüler hören dann: „Mathematik wirst du nie begreifen“, „Hier hast du keine Chance“, „Jetzt zeig’ mal an der Tafel deine großartige Leistung“, „Da fehlt dir einfach die Begabung“ oder „Wo soll es auch herkommen“.
Gibt es Studien zum Ausmaß dieses Verhaltens?
Nach einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen aus dem Jahr 2009 gibt ein Viertel der befragten Schüler an, von Lehrern lächerlich gemacht beziehungsweise gemein behandelt worden zu sein. Weitere 2,5 Prozent der Befragten berichten von körperlichen Übergriffen durch eine Lehrkraft.

Benno Hafenegerwurde 1948 geboren und ist Professor für Erziehungswissenschaft an der Philipps-Universität Marburg. Er lehrt und forscht zu Jugend- und Bildungsfragen, aktuell vor allem zu Gewalt und Rechtsextremismus in der jungen Generation sowie zur pädagogischen Professionalität.
Seine letzte Publikation zum Thema: Strafen, prügeln, missbrauchen. Gewalt in der Pädagogik. Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2011. 14,90 Euro.
Müsste es weitere Studien geben?
Es gibt noch erhebliche Erkenntnislücken zu allen Gewaltformen. So müsste weiter nach Schulformen, dem Alter und Geschlecht der Pädagogen sowie der Schüler differenziert werden. Wir wissen noch wenig über Motive und Prozesse, die Kinder zu Opfern machen, sowie über die Folgen. Auch liegen über viele Bereiche der Kinder- und Jugendhilfe wie etwa der Heimerziehung kaum Erkenntnisse vor. Zudem bedarf es der weiteren empirischen Klärung über die Rolle der medialen Gewaltformen.
Ist jede ironische Abwertung eines Schülers seitens eines Lehrers schon Gewalt?
Wenn Ironie mit Abwertung verbunden ist, dann ist das eine Form von Gewalt. Da muss man auf die Grenzen achten. Vereinzelte ironische Bemerkungen gehören nicht per se zur verbalen Gewalt. Sie werden im pädagogischen Alltag von den Schülern durchaus verstanden und können entspannend und deeskalierend wirken. Studien zeigen auch, dass Schüler zwischen einer pädagogisch gerechtfertigten Strafe und einer ungerechtfertigten Verletzung oder Kränkung unterscheiden können. Anders sieht es aber bei zynischen oder sarkastischen Äußerungen aus, die immer verletzend und diskriminierend sind.
Warum beschämen Lehrer die Kinder?
Pädagogische Verhältnisse sind immer auch institutionelle und kommunikative Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse, die für beide Seiten belastend und anstrengend sind. Beschämende Gewaltformen sind ein unangemessener Weg und ein Sanktionsmittel, mit dem versucht wird, kommunikative Überlegenheit und erzieherische Autorität zu demonstrieren. Die Ursachen für schlechte Leistungen oder die Schuld an Störungen werden ausschließlich den Schülern zugeschrieben. Diese und nicht die Lehrer oder die Schule müssen sich verändern. Man schottet sich und die Institution gegen Kritik ab, erhofft sich erzieherische Wirkungen. Oftmals erfolgt beschämendes Handeln aber auch aus Hilflosigkeit und Resignation, weil es nicht gelingt, die pädagogischen Herausforderungen zu bewältigen.
Geschieht das systematisch?
Grundsätzlich können zwei Strategien unterschieden werden, wenn es auch noch weiteren Forschungsbedarf gibt. Wenn Beschämungen zum festen und ritualisierten Bestandteil pädagogischen Handelns gehören, verweist dies auf einen Lehrertypus, der sie systematisch einsetzt. Dann gibt es oftmals situative Reaktionen, die keinem festen Muster folgen. Dieser Lehrertypus reagiert hin und wieder in überfordernden und belastenden Situationen mit beschämenden Äußerungen und Verhaltensweisen.
Wie lässt sich Beschämung dauerhaft verhindern?
Das Lernen und Leben in der Schule kann nur gelingen, wenn es gemeinsam ausgehandelte und transparente Regeln und Vereinbarungen gibt. Das gilt auch für die Austragung von Konflikten mit Argumenten. In einer von Lehrern, Schülern und Eltern gemeinsam getragenen Schulkultur müssen die Integrität und Würde des Kindes sowie ein Verständnis von Schule als gewaltfreiem Raum im Mittelpunkt stehen. Zu einer demokratischen Schulkultur gehört auch, dass jegliche Beschämungsformen abgelehnt und vermieden werden. Es sind zunächst solche grundlegenden Überlegungen, über die sich Schulen verständigen müssen.
Welche Mittel haben Schüler und Eltern?
Es sind vor allem drei Mittel und Wege, die mit der eben skizzierten Schulkultur verbunden sind. Erstens ermöglicht nur ein positives und Mut machendes Schulklima, dass Beschämungen nicht resigniert und widerstandslos hingenommen werden. Damit ohne Angst vor negativen Folgen über beschämende Gewalterfahrungen geredet werden kann, bedürfen die Kinder und Jugendlichen zweitens vertrauensvoller Personen, an die sie sich wenden können. Das muss drittens mit einem Zuhause korrespondieren, in dem sie bereit und in der Lage sind, über Beschämungserfahrungen zu reden.
Mobben nicht auch manche Schüler ihre Lehrer?
Ja, es gibt auch solche Phänomene, die mehr als Einzelfälle beschrieben werden und Lehrer zunächst hilf- und ratlos machen. Aber hier mit Beschämung zu reagieren, würde zu einem Machtkampf führen, in dem es Gewinner und Verlierer gibt. Das wäre eine pädagogische Kapitulation.
Wird nicht auch die Pädagogik öffentlich beschämt?
Es kommt vor, dass Politik und Gesellschaft die Pädagogik herablassend beschimpfen und abschätzig kommentieren. Das Ansehen von Pädagogen wird denunziert. Sie werden für alles verantwortlich gemacht, was angeblich in der jungen Generation schief läuft. Die negative öffentliche Thematisierung des anstrengenden Lehrerberufes ist mit überhöhten Ansprüchen und Vorwurfshaltungen verbunden. Diese sind immer auch ein Ablenkungsmanöver und verweisen auf fehlende politische und gesellschaftliche Problemlösungen. So werden komplexe soziale Probleme der Schule aufgebürdet und pädagogisiert. Es ist ein Versuch von Politik und Gesellschaft, sich zu entlasten und ihrer Verantwortung zu entziehen.
Wie könnte eine stärkende, fördernde Kultur der Ermutigung an der Schule aussehen?
In einer vertrauensvollen Schule geht es um die Entwicklung einer Anerkennungskultur, die sowohl die Heterogenität von Lerngruppen und Klassen, als auch die Gleichwertigkeit ihrer Mitglieder in den Mittelpunkt stellt und wertschätzt. Das gilt für die Leistungen und Lebensstile der Schüler sowie für respekt- und taktvolle Rückmeldungen über ihre Leistungen, Stärken und Schwächen, die sie auch im Vergleich mit anderen erhalten. Schulen brauchen eine Kultur des produktiven Umgangs mit Fehlern, Irrtümern und Schwächen.
Was müsste geschehen, dass solch eine Kultur erreicht wird?
Das Thema Beschämung müsste im Studium, in der Fort- und Weiterbildung und in der Kommunikation zwischen Lehrkräften aufgenommen und etabliert werden. Dabei geht es unter anderem um Sensibilisierung und Veränderung von Strukturen, die Beschämungen begünstigen. Dazu gehört die Vergegenwärtigung eigener Stärken und Schwächen. Der Lehrer darf kein Beschämungspädagoge, sondern er muss ein Anerkennungspädagoge sein.
Das Gespräch führte Torsten Harmsen.
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