Abgehetzt stürmt David in die Klasse. „Warum kommst du denn schon wieder zu spät?“, will die Lehrerin wissen. „Ich habe verschlafen.“ – „Was, zu Hause schläfst du auch?“
Psychologen der Johns Hopkins University zeigten, wie man mit humorvollen Anweisungen auf Prüfungszetteln Angst abbauen kann: „Schreiben Sie in Blockschrift Ihren Namen, Ihre derzeitigen Blutdruckwerte, Ihren Cholesterinspiegel und die Nummer Ihres Testhefts in die rechte Ecke.“
Empfohlen wird auch, zur Auflockerung trockener Unterrichtsstunden mit Cartoons, komischen Reimen oder albernen Top-Ten-Listen zu arbeiten, zum Beispiel „10 Dinge, die mehr Spaß machen als Mathe“: Die Weisheitszähne gezogen zu bekommen, Dudelsackmusik zu hören, bei 40 Grad im Schatten zu joggen und so weiter.
Ein Chemielehrer erzählt, wie er eine Sicherheitsbelehrung durchführte: „Als Einstieg in die Wiederholungsstunde habe ich die Lerngruppe aufgefordert, aufmerksam das von mir demonstrierte Verhalten zu beobachten: Zunächst packte ich genüsslich ein imaginäres Pausenbrot aus und begann mit dessen Verzehr. Dann imitierte ich einen experimentierenden Lehrer, der vor lauter Zerstreutheit ganz offensichtlich das Aufsetzen seiner Schutzbrille vergessen hatte. Schließlich gab ich vor, im Reagenzglas eine Flüssigkeit vor den Augen des Publikums mit dem Gasbrenner zu erhitzen, wobei ich natürlich darauf achtete, deutlich auf einzelne Schüler zu zielen.“
Aus der verschwommenen Erinnerung an die Schulzeit vor dreißig Jahren ragt er einsam hervor: ein alter, weißhaariger Deutschlehrer mit gütigem Gesicht. Er hatte ein Ritual. Jedes Mal, wenn er Schüler zum Gedicht-Vortragen auswählte, schlug er das Klassenbuch auf, strich mit der Hand sanft über die Namen, zog heiter eine Augenbraue hoch und rezitierte aus Goethes „Faust“: „Greift nur hinein ins volle Menschenleben!/ Ein jeder lebt’s, nicht vielen ist’s bekannt/ Und wo ihr’s packt, da ist’s interessant.“ Dann piekte sein Finger theatralisch auf einen Namen. Der ausgewählte Schüler ging nach vorn, zum Vortrag, und der alte Deutschlehrer nahm ihm die Beklemmung, indem er ihn mit gütig-humorvollen Kommentaren begleitete.
Erkennbar sind hier die zwei wichtigsten Seiten, die einen guten Lehrerhumor ausmachen: Entkrampfung einer belastenden Situation, gepaart mit Menschenliebe und Güte. Wenn diese Grundhaltung vorhanden sei, die Bertolt Brecht einmal das „Selbstbewusstsein, von dem andere profitieren“ nannte, dann könne ein Lehrer auch alle Register des Humors ziehen – von feiner Ironie bis zum trockenen Sarkasmus. So etwa drückt es die Kabarettistin, Sängerin und Pädagogin Gerlinde Kempendorff-Hoene in ihrer Einladung zu einem Berliner Lehrer-Seminar aus, das im kommenden Mai stattfinden soll.
Lernfördernd, angstabbauend
Humortraining sucht man in der Lehrerbildung meist vergebens. Wenn es angeboten wird, dann von Privaten, zum Beispiel dem Coaching-Unternehmen Lachfalte Münster, dem Deutschen Institut für Humor in Leipzig oder der Cornelsen-Akademie. Dabei nimmt der Humor in der Schule eine zentrale Stellung ein. Schüler lachen ständig, vor allem in den Pausen, auf den Schulhöfen. Dort finde eine „Humorschule fürs Leben“ statt, sagt die Psychologin Marion Bönsch-Kauke, die acht Jahre lang Grundschüler in Berlin beobachtet und dabei mehr als 6 100 Szenen gesammelt hatte. Ihr Ergebnis, grob zusammengefasst: Die Schulzeit ist eine Zeit, in der das Sozialverhalten trainiert und Gefühle ausgeprägt werden – und zwar vor allem auf dem Weg des Witzelns, Neckens, Lachens, Lästerns, Kampelns, Nachäffens, kreativen Blödelns.
Im Unterricht dagegen scheint das Lachen oft nichts zu suchen zu haben. Dabei könnte hier der Hang zum Humor gezielt genutzt und gelenkt werden. Denn Humor findet immer statt, oft unbewusst. Auch viele Lehrer besitzen ihn – oder das, was sie dafür halten. Soeben erst haben Leipziger Psychologen eine Studie mit 340 sächsischen Jugendlichen und ihren Lehrern in 16 Klassen vorgelegt. Darin untersuchten sie die Wirkungen der verschiedenen Humorformen. Eines der wichtigsten Ergebnisse ist: Aggressiver Lehrerhumor kann Schüler vom Mobbing abhalten. „Was wir aggressiven Humorstil nennen, ist eigentlich als negativer klassifiziert“, sagt die Psychologin Tabea Scheel, Leiterin der Studie, der Berliner Zeitung. Er drücke sich darin aus, dass man Witze über andere reiße, sich über andere lustig mache. Diese Form werde Studien zufolge von Lehrern am häufigsten verwendet. Zum Beispiel, wenn Mathearbeiten ausgeteilt werden und der Lehrer zu einem Schüler sagt: „Für dein Niveau ganz gut. Fünf!“
Was von Schülern oft als demütigend erlebt werde, könne allerdings in einer sehr milden Form, als kleine Stichelei, positive Wirkungen haben. „Lehrer können – ehe sie ein vernichtendes Feedback über das Verhalten von Schülern abgeben – mit humorvoll verpackten Seitenhieben, Ironie und leichtem Spott das Verhalten der Schüler einfacher lenken“, sagt Tabea Scheel. Dort, wo in der Leipziger Studie solcher Humor auftrat, beobachteten die Forscher ein besseres Klassenklima und weniger Mobbingfälle.
Allerdings kommt es auf die Dosis an. „Mit den ausgeprägt aggressiven Humorformen sind langfristig gesundheitliche Probleme verbunden. Je mehr negativen Humor ich anwende, desto mehr ist meine psychische Gesundheit in Gefahr“, sagt Scheel. Es sei wichtig, Lehrer aufzuklären, dass sie mit wirklich fiesen Sprüchen Schüler demotivieren, dem Klassenklima und sich selbst schaden können. Die Forscher fordern aus diesem Grund auch, dass der Humor in der Lehrerbildung eine größere Rolle spielen soll.
Richtig eingesetzt, kann Humor nämlich viel bewirken. Er fördert die Erinnerung und das Lernen, er baut Angst ab. Das ergaben verschiedene internationale Studien in den letzten Jahrzehnten. Wie der Psychologe Avner Ziv von der Universität Tel Aviv belegte, weisen Lernende bessere Prüfungsergebnisse vor, wenn Lehrende regelmäßig Humor einsetzen. Aber nur, wenn die Beispiele für den Unterrichtsinhalt relevant sind und einen Bezug zu den Testinhalten haben. Eine andere Studie ergab, dass drei bis vier „Humordosen“ pro Stunden optimal seien. Mehr davon ließe den Lehrenden als Clown dastehen.
Kann jeder Lehrer Humor einsetzen? Dazu gibt es verschiedene Auffassungen. Manche Lehrern würden bei Schüler eher Befremden auslösen, wenn sie plötzlich Witze machten oder Grimassen schnitten. Aus diesem Grund empfiehlt eine Studie, die an der University of Georgia in Athens entstand, dass Lehrer sich zunächst einmal selbst analysieren sollen: Welche Präsentationsfähigkeiten besitze ich und welchen Humorstil? Welchen Bezug hat der Humor zum Lerninhalt? Wie sind meine Schüler drauf?
Jeder Lehrer könne in einem gewissen Rahmen die Fähigkeit zum Humor trainieren, sagt Andreas Dickhäuser, der selbst an der Universität Essen Chemielehrer ausbildet. Er gibt Beispiele, wie man gerade in schwierigen Fächern den Schülern die Beklemmung nehmen kann. Da wird im Chemieunterricht das Atom vermenschlicht („Was ist der Sinn des Lebens eines jeden Atoms?“). Der Lehrer beruhigt einen aufgeregten Schüler vor einem Vortrag, indem er über den Schweißabdruck erzählt, den er einst selbst als Referendar auf der Overhead-Projektor-Folie hinterlassen hatte. Und die Sicherheitsbelehrung im Chemielabor geschieht über eine Pantomime, in der alles Erdenkliche falsch gemacht wird.
Humor verbinde, entkrampfe und helfe, schwierige Situationen zu bewältigen, sagen Forscher. Auch die jüngste Leipziger Studie entdeckte, dass im Alltag positive Humorstile überwiegen. Lehrer und Schüler gaben mehrheitlich an, dass in ihren Schulen der soziale Humor überwiege, gefolgt vom selbstaufwertenden. „Sozialer Humor ist im Prinzip alles, was man mit anderen an Humor teilt: Wortgeplänkel, sich Witze erzählen, sich gemeinsam über Situationen erheitern“, sagt die Psychologin Tabea Scheel. Der gesündeste Humor mit den meisten positiven Effekten sei der selbstaufwertende Humor, bei dem es einem gelinge, komische Situationen heiter und souverän zu meistern. Beispiel: Einer Lehrerin fällt die Kaffeetasse um, der Kaffee fließt über die Arbeitsblätter, und sie sagt: „So ist der Unterrichtsstoff wenigstens nicht so trocken!“ Dort, wo selbstbewusste Lehrer es schaffen, sogar bei Stress eine humorvolle Perspektive zu behalten, entdeckten die Forscher das beste Leistungsklima.
Gefährliche Selbstabwertung
Hüten sollten sich Lehrer – neben aggressiven Formen – allerdings vor selbstabwertendem Humor. Damit ist keine gesunde Selbstironie gemeint, sondern ein systematisches Über-sich-selbst-Lustigmachen, um Lacher zu ernten. Lehrer nehmen damit eine Opferhaltung ein. Tabea Scheel erzählt: „Wir haben den Schülern zum Beispiel ein Video gezeigt, in dem eine Lehrerin einen Fehler an der Tafel macht. Die Schüler entdecken ihn, und die Lehrerin sagt: ,Selbst, wenn man nicht schreiben kann, kann man immer noch Lehrer werden.‘“ In Tests nach dem Anschauen dieses Videos seien sowohl die Rechenleistungen als auch die Kreativität der Schüler schlechter gewesen, so negativ habe es aufs Klima gewirkt.
Humor ist also eine Gratwanderung. Hinzu kommt, dass keine der bisherigen Studien wirklich repräsentativ sind. Denn von den naturgemäß freiwilligen Umfragen würden all jene Lehrer nicht erfasst. „die stark unter Burn-out leiden oder schon ihre Schüler aufgegeben haben“, sagt Tabea Scheel. Vielleicht hätte hier eine rechtzeitige Aufklärung nützlich sein können.
Oder wie es in der Einladung zu einem Seminar heißt: „Wir rufen bei Problemen in der Schule nach dem Konfliktbeauftragten, in Schwedens Schulen gibt es Humorbeauftragte.“
Der Blick in den Weltraum auf ISS, Planeten, Sterne, Monde und die Sonne: Hintergründe, interaktive Grafiken, Fotostrecken und Videos.

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