Was hat Bayern, was Bremen nicht hat? Warum bringt Sachsen die meisten seiner Viertklässler zu guten Leistungen, während in Berlin mehr als 20 Prozent kaum einen ganzen Satz lesen können? Diese Fragen stehen wieder im Raum, seit am 5. Oktober ein neuer deutscher Grundschüler-Leistungsvergleich veröffentlicht wurde. Durchforstet man die 300-seitige Studie, findet man durchaus interessante Erklärungsansätze.
Ein Beispiel: Berlins Migrantenkinder liegen beim Lesen um 70 Punkte – gut ein Schuljahr – hinter Nicht-Migrantenkindern zurück. In Nordrhein-Westfalen sind es nur 48 Punkte. Das liegt gewiss zunächst an sehr unterschiedlichen Startbedingungen. So wird bundesweit in 34 Prozent der Familien, in denen beide Eltern aus dem Ausland kommen, „immer Deutsch“ gesprochen.
In Berlin allerdings geben das nur 18,4 Prozent an! Damit hat die Hauptstadt eine sehr schlechte sprachliche Ausgangslage. Denn gute Deutschkenntnisse sind die wichtigste Voraussetzung für den Bildungserfolg.
In Nordrhein-Westfalen sprechen 35,5 Prozent der Familien mit zwei Migranteneltern „immer Deutsch“. In Bayern sind es gut 38 Prozent. „Nie Deutsch“ sprachen übrigens in Berlin mit fast 7 Prozent auch überdurchschnittlich viele Familien. In Nordrhein-Westfalen sind es nur 3,2 Prozent.
Alle Bundesländer haben einiges dafür getan, Nachteile der Herkunft auszugleichen. Sie legten Schularten zusammen, führten Sprachtests für Vierjährige ein, flexibilisierten die ersten Schuljahre, gründeten Ganztagsschulen. Doch offenbar nützen all diese Reformen wenig, wenn Lehrer überlastet sind, von Klasse zu Klasse hetzen. Eine Formel, die die neue Studie so deutlich wie selten zuvor enthält, könnte in Abwandlung eines bekannten Fußballspruchs lauten: „Wichtig ist im Klassenraum“.
Die Leistungen der Viertklässler hängen stark davon ab, ob sie von Fachlehrern unterrichtet werden. Das wirkt sich besonders bei den fünf Prozent der Leistungsschwächsten aus. Jene zum Beispiel, die in Mathe von Fachlehrern unterrichtet werden, sind um 58 Punkte besser als jene ohne Fachlehrerunterricht. Das entspricht dem Lernfortschritt von einem Dreivierteljahr. Beim Lesen ist es ein Drittel des Schuljahres.
Etwa 27.000 Schüler der vierten Klassen mussten im Jahre 2011 verschiedene Tests absolvieren. In jeweils 80 Minuten sollten sie ihre Fähigkeiten in Mathe und Deutsch unter Beweis stellen. Auch gutes Zuhören war gefragt. Die Aufgaben orientierten sich an den von den Kultusministern verabschiedeten Bildungsstandards.
In einer Skala von 1 bis 5 bedeuteten die Regelstandards (Stufe 3) das, was von den Schülern durchschnittlich erwartet werden kann. Diese Stufe erreichten bundesweit im Lesen 67 Prozent der Viertklässler, in Mathematik 68 Prozent.
Die Ergebnisse unterscheiden sich von Land zu Land. Den Regelstandard im Lesen erreichten etwa in Bayern 74 Prozent der Schüler. In Berlin waren es 54, in Sachsen 72, in Brandenburg 66 und in Bremen 52 Prozent.
Schaut man sich nun die deutsche Spitzengruppe an, dann sieht man: In Bayern beträgt der Anteil fachfremder Lehrer in Deutsch nur 2,5 Prozent. In Sachsen sind es 2,9 und in Sachsen-Anhalt 5,1 Prozent. Die Schlusslichter der Studie, die Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen, haben dagegen mit 20 bis 30 Prozent einen hohen fachfremden Anteil. In Mathe sogar bis zu 48 Prozent.
Wie ist es nun mit der sozialen Herkunft? Große Bewunderung hat das Land Sachsen geerntet, weil es ihm gelingt, Unterschiede am besten auszugleichen. Allerdings heißt es in der Studie, dass sich in Sachsen die Viertklässler hinsichtlich ihrer sozialen Herkunft, verglichen mit anderen Ländern, besonders wenig unterscheiden. Hier gibt es offenbar nicht allzu viel auszugleichen.
Hinzu kommt ein fast zu vernachlässigender Migrantenanteil von 6,6 Prozent. Die Stadtstaaten dagegen haben 36 bis 43 Prozent. Allerdings gehört Sachsen auch zu den bundesweit vier Ländern, die angeben, dass mehr als 60 Prozent der Viertklässler in Ganztagsschulen lernen. Auch das wirkt sich aus, wie ebenso der große Anteil des Fachunterrichts. Sächsische Schüler erhalten in den ersten vier Jahren 1.026 Stunden Deutsch. In den anderen Ländern sind es 760 bis 988.
Besonders groß sind die sozialen Unterschiede in den Großstädten. Zum ersten Mal haben die Forscher bundesweit 17 Großstädte mit über 300.000 Einwohnern gesondert betrachtet. In „urbanen Ballungsräumen“ hängen die Lese-Leistungen der Viertklässler besonders stark von der sozialen Herkunft ab – also davon, ob ein Kind aus einer Arbeiterfamilie stammt oder in einem Bildungsbürger- oder Beamtenhaushalt aufgewachsen ist. Es ist das gleiche Problem wie in den Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg – nur noch ausgeprägter.
Am Ende schaffen es die Großstädte dennoch, im Länderranking nicht ganz hinten zu stehen. Aber das liegt höchstwahrscheinlich am hohen Anteil des Bildungsbürgertums in vielen Städten – etwa München oder Stuttgart. Dieses schickt seine Kinder auf bessere Schulen. In manchen Stadtteilen deutscher Großstädte und in Ostdeutschland lernen bereits mehr als zehn Prozent der Grundschüler auf Privatschulen.
Leider werden die Großstädte nicht weiter differenziert. Dabei wäre es interessant, einmal zu sehen, ob etwa die Probleme in Köln denen von Berlin entsprechen.
Zum Beispiel zeigen Viertklässler türkischer Herkunft unter allen Migrantenkindern in Deutsch, Mathe und Zuhören die geringsten Kompetenzen – egal, ob ein oder zwei Elternteile im Ausland geboren wurden. Besser schneiden Kinder von Familien aus dem ehemaligen Jugoslawien und der früheren Sowjetunion ab.
Die Leistungen polnischer Kinder wiederum zeigen keine großen Unterschiede zu denen Nicht-Eingewanderter. Alle anderen Länder wurden unter Sonstige zusammengefasst. Hier bringen Kinder mit nur einem im Ausland geborenen Elternteil oft sogar überdurchschnittliche Leistungen.
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Foto: imagoWas das schlechtere Abschneiden türkischer Kinder betrifft, spürt man die Erklärungsnot der Forscher – was angesichts von Debatten à la Sarrazin auch verständlich ist. In türkischen Familien herrschten oft hohe Bildungserwartungen, aber auch ein Mangel an Information der Eltern, „welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, um bestimmte Ziele im deutschen Bildungssystem zu erreichen“. Hinzu kämen negative Stereotype in der Gesellschaft, die den Erfolg türkischer Kinder im Bildungssystem weiter erschweren könnten.
Eine wichtige Aussage der Studie ist, dass ganz besonders die Lesekompetenz durch familiäre Anregung und soziale Lebensverhältnisse geprägt wird. Das bedeutet: Die Bildung muss in die Familien hinein. Man muss die Eltern erreichen. Die Erfolge nicht weniger türkischer Migrantenkinder – die Politiker, Unternehmer oder Publizisten werden – zeigen, dass hier soziale Hintergründe ganz stark mit entscheiden. Wie bei allen anderen Kindern auch.
Wie sieht’s mit den Geschlechtern aus? Bundesweit liegen die Mädchen im Lesen vor den Jungen. Und die Jungen haben einen leichten Vorsprung in Mathe. Einige Länder schaffen es, den Abstand geringer zu halten. Dazu gehören Baden-Württemberg und Mecklenburg-Vorpommern. Allerdings falle das statistisch kaum ins Gewicht, sagen die Forscher. Die Unterschiede innerhalb der Geschlechter seien wesentlich größer als zwischen Jungen und Mädchen. Die große Jungenkrise wird also von der Studie nicht bestätigt.
Eher lenkt sie die Aufmerksamkeit auf Details. So liegen Jungen dort vorne, wo sie offenbar geschlechtsbedingte Vorteile haben: „im räumlichen Denken“, in Bereichen wie „Größen und Messen“ und „Muster und Strukturen“. Mädchen wiederum sind in Orthografie besser.
Aber auch hier wäre es wichtig, sich einzelne Regionen besonders anzuschauen. Warum sind zum Beispiel die Jungen ausgerechnet in den Stadtstaaten deutlich besser in Mathe? Wie wirken hier Geschlechterrollen? All das wären Fragen für weitere regionale Vergleichsstudien.
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