Sie heißen Timss, Pisa, Iglu, Kess oder Vera. Hinter den klingenden Namen verbergen sich Studien immer anderer Autorenteams. Sie bescheren uns seit zwölf Jahren ähnliche Ergebnisse. Die Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen schneiden bei Viert- und Neuntklässlern stets schlechter ab als die süddeutschen Flächenländer. Zwar kommen die Studien auch zu dem Schluss, dass mit den deutschen Schulen langsam alles besser wird. Dennoch werden bei allen Rankings „Äpfel mit Birnen verglichen“, denn die Bedingungen der Länder unterscheiden sich sehr stark.
Selbst qualifizierte Erziehungsfachleute widersprechen sich, wenn die Frage zu beantworten ist, worauf es vor allem in der Erziehung ankomme. Kaum jemand kann wirklich sagen, was gute Schulen ausmacht, zumal für ein konkretes Kind eine ganz andere Schule gut ist als für das nächste.
Junge Menschen tragen etwa 500 verschiedene Leistungsfähigkeiten in sich, von denen meist nur die Kompetenzen Lesen, Schreiben, Rechnen, Naturwissenschaften und Fremdsprachen gemessen werden. Von dem, was sie insgesamt können, wird also regelmäßig nur ein ganz kleiner Anteil ermittelt. So verwundert es nicht, dass bei wirtschaftlichen Kompetenzen eher Sachsen und Baden-Württemberg oben stehen, bei sozialen aber Nordrhein-Westfalen und Bremen.
Schulformen, die alljährlich von der Robert-Bosch-Stiftung den Deutschen Schulpreis erhalten, sind durchweg Integrierte Gesamtschulen und Grundschulen. Sie haben oft jahrgangsübergreifende Klassen, sie sind meist gebundene Ganztagsschulen, sie arbeiten individualisierend, mit einem Wechsel von Anspannung und Entspannung, sie bündeln die bisherigen vielen Fächer zu wenigen Lernbereichen, und sie halten Noten nicht für ganz so wichtig, weil sie mehr Wert auf Können als auf Wissen legen. Vor allem sorgen sie aber dafür, dass ihre Schüler mit vielen Materialien voneinander lernen, so dass Lehrkräfte frei sind, sich einzelnen Schülern mit Lern- oder Verhaltensproblemen zuwenden zu können.
Wenn Grundschüler mit Migrationshintergrund einen Sprachentwicklungsrückstand von mehr als einem Jahr haben, dann wird offenbar, dass die seit Jahrhunderten bewährte Arbeitsteilung, mit der die Familie erzieht und die Schule bildet, heute bei mehr als 60 Prozent der Großstadtkinder nicht mehr funktioniert. Schule muss also auf fünffache Weise erzieherisch gestärkt werden, damit sie ihren Bildungsauftrag wieder erfüllen kann:
1. Unsere Kinder sollten wie die in den Niederlanden und in Luxemburg erzieherisch früher erfasst werden. Mit dem dritten Lebensjahr beginnend gibt es dort eine zweijährige obligatorische Vorschule, in der bereits zwei Fremdsprachen spielerisch, also sprechend, singend und mit Rhythmik, eingeführt werden. „Auf den Anfang kommt es an“, sagen dazu die viermaligen Pisa-Weltmeister aus Finnland.
2. Die Einschulung muss mit dem fünften Lebensjahr stattfinden, weil immer mehr Kinder durch ihre Eltern frühgefördert sind und zugleich immer mehr Kinder vernachlässigt in die Schule kommen.
3. Ein längeres gemeinsames Lernen schafft deutliche mitreißende Effekte gegenüber schwachen Schülern. Die Guten lernen nämlich durch Erklären viereinhalb mal so viel wie durch Zuhören; und da Schüler von anderen Schülern doppelt so viel lernen wie durch Lehrkräfte, lernen also beide Gruppen mehr.
4. Zwei große Studien belegen, dass Eltern von Ganztagsschülern sich abends, am Wochenende und in den Ferien viel mehr um ihre Kinder kümmern als Eltern von Halbtagsschülern. Ganztagsschulen stärken also die Familien erzieherisch erheblich.
5. Vor fünfzehn Jahren waren meine Lehramtsstudenten noch nicht begeistert, wenn ich mit ihnen über Hausbesuche und Elternstammtische zu Erziehungsthemen (in Kanada sind sie als „parent raps“ selbstverständlich) sprechen wollte. Das sei nicht Aufgabe von Schule, merkten sie an.
Geboren 1942 ist Struck seit 1979 Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg. Er studierte Pädagogik, Biologie und Kriminologie, war selbst über längere Zeit Lehrer und Schulgestalter. Für eine Zeitschrift saß er als Experte 20 Jahre lang am Schulsorgentelefon.
Eine seiner Thesen lautet: Die gute Erziehung eines Kindes gelingt nur mit einem Netzwerk von etwa 500 Bausteinchen, die sich, was Effekte anbelangt, wechselweise bedingen. Nur wenige kommen in der Schule zum Tragen.
„Die 15 Gebote des Lernens – Schule nach Pisa“ heißt eines der vielen Bücher, die er in mehr als drei Jahrzehnten schrieb. Es erschien – auch als Hörbuch – im Primus Verlag, Darmstadt.
Heute wissen die Hamburger Lehramtsstudenten bereits vor ihrem 1. Semester, dass sie nie und nimmer im „Raubtierkäfig Schule“ klarkommen werden, wenn sie auf beides verzichten. Lehrkräfte müssen also künftig über ihre Fächerkompetenzen hinaus auch zu Erziehungshelfern gegenüber Eltern, zu diagnostischen und therapeutischen Fachleuten gegenüber „verhaltensoriginellen“ Kindern und zu Managern der Beschaffung sinnvoller Lernmaterialien ausgebildet werden.
Wenn Deutschland mit seinem Beitritt zur entsprechenden UN-Konvention seine Sonderschulen weitgehend abschaffen will, dann braucht es viermal so viele Sonderschullehrer wie heute. Erst dann ließe sich die zur Zeit umgesetzte Billiglösung der Inklusion, mit der man einer Grundschullehrerin zwei Behinderte dazugibt, während sich an ihren sonstigen Bedingungen nichts ändert, effizient überwinden. Die „Lehre von den sinnvollen Größen“ sagt eindeutig: Die optimale Klassenfrequenz betrage 18 Schüler, bestehend aus zwei Jahrgängen, zwei Behinderten und bis zu 30 Prozent Migrantenkindern, in zwei Räumen mit zwei Pädagogen. Erst dann könnten wir eine gesellschaftliche Integration, wie sie über die finnischen Schulen möglich geworden ist, erreichen.
Die Belastung deutscher Lehrkräfte ist im europäischen Vergleich gesehen extrem groß. Bis zu 29 Wochenstunden müssen sie in dem noch vorherrschenden Modell Halbtagsschule unterrichten. In Skandinavien müssen sie nur 16 Wochenstunden in einer Ganztagsschule geben, können aber durch Zusatztätigkeiten (Nachhilfe, Hausbesuche) ihr Gehalt erhöhen. Die deutsche Halbtagsschule vermag weder für die Schüler noch für die Lehrkräfte Lebensmittelpunkt zu sein. Eine Ganztagsschule ist dies hingegen für beide Gruppen automatisch.
In Finnland stehen Lehrkräfte, anders als hierzulande, im Ansehen stets auf Platz 1, und die besten Abiturienten wollen dort Lehrer werden. Weil man nur einen von zehn Bewerbern aufnehmen kann, kommt man nur nach einem langen Gespräch mit zwei Professoren ins Studium und nicht wie bei uns aufgrund einer Abi-Durchschnittsnote, mit der man gewiss nicht unbedingt gute Pädagogen erhält.
Bereits Grundschüler haben heute völlig andere Hirnvernetzungen, mit denen sie anders lernen als frühere Generationen. Vor allem bringt der Umgang mit Fernsehgerät, Playstation, Computer und Smartphone eine sehr ergiebige Fehlerkultur mit sich. Durch Spielen wird das Belohnungssystem im Hirn gestärkt. In ihm sitzen Neugier, Kreativität und die Fähigkeit, in kritischen Situationen sinnvolle Auswege zu finden. Wenn man diesen neugierigen, kreativen und konfliktkompetenten Kindern aber bereits ab Klasse 2 oder 3 Noten gibt, beeinträchtigt man dieses Belohnungssystem wieder.
Gibt man Kindern früh Noten, lernen sie für Noten zu lernen, aber nicht für die Sache, für sich und für ihre Zukunft. Ab 14 Jahren muss man Jugendlichen übrigens Noten geben. In Norwegen und Schweden beginnen die Noten daher erst in Klasse 9 und in Dänemark in Klasse 8.
Sehr wichtig ist, dass erfolgreiche Schulen immer einen Konsens im Lehrerkollegium haben. In 15 Jahren Lehrerfortbildung in ganz Europa fällt mir immer wieder auf: Frauen jeden Alters und junge Männer stimmen den neuen, uns weiterbringenden Lernweisen häufiger zu als ältere Männer. Aber diejenigen, die zustimmen, sind fast in jedem Kollegium in der Minderheit. Eltern stimmen hingegen mehrheitlich den notwendigen Veränderungen der Lernweisen zu, wenn man ihnen 90 Minuten lang etwas über Hirnforschung erzählt hat.
Kinder, die nicht gut reden können und zugleich ein geringes Selbstwertgefühl zeigen, werden am häufigsten sowohl Opfer als auch Täter von Gewalt. Das gilt auch für die Lernfähigkeit: Bei gleicher Intelligenz lernen selbstbewusste Kinder etwa doppelt so viel wie Kinder mit zahlreichen Niederlagen in ihrem Leben. Durch nichts aber lässt sich der Selbstwert besser erhöhen als durch Theaterspielen, Musikmachen und durch Dritte, also Menschen aus dem wirklichen Leben wie Künstler, Sportler oder Handwerker. Gute Schulen arbeiten nicht nur mit Berufspädagogen.
Abschließend sei noch bemerkt, dass Schulen, die mit Klasse 4 oder 6 enden, nur selten sehr erfolgreich sind, weil ihre Lehrkräfte keine Verantwortung bis zum Abitur und zum Abschluss der Berufsschule übernehmen müssen. Und Schulen, die erst mit Klasse 5 oder 7 beginnen, werden auch selten gut, weil es für das neue erfolgreiche Lernen längst viel zu spät ist.
Die allerbesten deutschen Schulen, die zum Abitur führen, also die Jenaplanschule in Jena, die Montessori-Gesamtschule in Potsdam und die neue Max-Brauer-Stadtteilschule in Hamburg, haben daher dafür gesorgt, dass ihr Bildungsplan in der eigenen Grundschule beginnt.
Der Blick in den Weltraum auf ISS, Planeten, Sterne, Monde und die Sonne: Hintergründe, interaktive Grafiken, Fotostrecken und Videos.

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