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Schule

23. November 2011

Philip Oprong Spenner: Vom Straßenkind zum Lehrer

Lehrer ist Philip Oprong Spenners Traumberuf. Foto: Gerald von Foris

In Kenia wuchs er mit Armut, Hunger und Gewalt auf – er musste befürchten, von einem Lynchmob erwischt zu werden, weil irgendwo eine Ziege verschwunden war. Heute ist Philip Oprong Spenner Lehrer und will seine Schüler zum Aufstieg motivieren.

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Bildung in Kenia

Als Vorsitzender des Vereins Kanduyi Children setzt sich Philip Oprong Spenner auch heute noch für Kinder in Kenia ein. Erst 2003 hat die Regierung in dem ostafrikanischen Land die Gebühren für Grundschulen abgeschafft. 1,5 Millionen Kinder mehr gingen danach zur Schule. Unterrichtsmaterial, Schuluniformen und Tische zum Lernen müssen die Eltern aber selbst bezahlen.
Nach Angaben der Vereinten Nationen kommen von 100 Kindern, die in die Grundschule gehen müssten, nur 79 zum Unterricht. Noch weniger Kinder besuchen später weiterführende Schulen: Von 100 Kindern, die die Grundschule abschließen, gehen nur 12 Jungen und 13 Mädchen auf diese Schulen. Zudem gibt es zu wenige Lehrer. Auf einen Lehrer kommen 50 bis 100 Schüler.



Philip Oprong Spenner unterrichtet heute Gesamtschüler an einer Hamburger Brennpunktschule. Geboren wurde der 32-Jährige aber in Kenia, wo er als Kind ums Überleben kämpfte. Er ist Lehrer für Englisch, Sport und Philosophie – derzeit noch im Referendariat.

Herr Oprong Spenner, wie war es, als sie zum ersten Mal als Lehrer vor einer Klasse standen?

Es ist nicht zu übersehen dass ich ein dunkelhäutiger Lehrer bin. Das kennen die Schüler nicht. So einen wie mich haben sie noch nie als Lehrer gehabt. Manche sagten gleich: Hey Gangster. Gib mir Fünf, als wäre ich ein Rapper oder sowas.

Sie haben auch eine besondere Geschichte. Wo waren Sie, als Sie im Alter Ihrer Schüler waren?

Als ich neun Jahre alt war, ließ mich meine Tante an einer Straßenecke in Nairobi stehen. Die Stunden vergingen. Ich wartete und wartete, aber sie kam nicht zurück. Ab da war ich ein Straßenkind.

Warum hat ihre Tante das getan?

Meine Eltern sind bei einem Unfall ums Leben gekommen. Meine Tante musste sich danach um mich kümmern, war aber so arm, dass sie kaum ihre eigenen Kinder versorgen konnte. Es war eine Qual, weil man nie wusste, wann man das nächste Mal etwas zu essen bekommt. Zu Hause war ich verachtet, weil ich das Stiefkind war. Sie schlug mich auch, weil ich die Vaterrolle nicht so übernehmen konnte, wie sie gehofft hatte.

Sind Sie zur Schule gegangen?

Ja, zumindest eine Zeit lang. Dafür bin ich meiner Tante sehr dankbar. Das war mein einziger Lichtblick. Ich musste nur aufpassen und mir alles merken, um mich zu behaupten. Irgendwann war ich Klassenbester. Die Schule war die Quelle meines Selbstbewusstseins. Ich habe gesehen: In mir steckt etwas. Die Schule war mein Himmel.

Damit war es als Straßenkind aber vorbei.

Ja, ich lebte vom Betteln und Klauen und schlief mit meiner Gang am Straßenrand. Die Nächte waren das Schlimmste. Ständig hatten wir Angst vor einem Lynchmord. Manchmal lief ganz plötzlich eine große Menge auf uns zu und prügelte auf uns ein, weil irgendwo eine Ziege oder ein Stück Seife verschwunden war. Wenn sowas passierte, waren natürlich immer die Leute am Rande der Gesellschaft schuld. Ich hatte aber immer das Ziel, wieder in die Schule zu gehen. Ich wusste, das ist meine einzige Chance, da rauszukommen. Das hat mich am Leben gehalten.

Werden Sie da nicht manchmal wütend, wenn ein deutscher Schüler vor Ihnen sitzt, der einfach keinen Bock auf Schule hat?

Natürlich gibt es manchmal Situationen, in denen ich denke: Was tut der da? Er kann doch nicht seine ganzen Chancen vergeuden. Aber sie sind noch Kinder. Sie sind ganz anders geprägt als ich. Ich versuche ihnen zu zeigen, dass die Schule trotz ihrer Macken eine einzigartige Chance ist, die ihnen selbstverständlich offen steht. Etwas, wovon Millionen anderer Kinder in der Welt nur träumen können.

Und verstehen deutsche Schüler das?

Natürlich hat es ein armes Kind hier immer noch besser als ein Straßenkind in Kenia. Darauf kommt es aber nicht an. Ich habe viele Schüler, die aus schwierigen Verhältnissen kommen. Ihre Gefühle sind ähnlich, wie die, die ich erlebt habe, wenn ich drei Tage nichts zu essen hatte. Es ist das Gefühl, etwas nicht bekommen zu können, weil die eigenen Eltern nicht genug Geld haben. Emotional ist das vergleichbar.

Wie haben Sie es damals geschafft, von der Straße wegzukommen?

Als 11-Jähriger wurde ich von der Polizei aufgegriffen und kam in ein Waisenhaus. Dort konnte ich wieder zur Schule gehen. Ein deutscher Kinderarzt übernahm meine Patenschaft und ermöglichte mir, eine bessere Schule zu besuchen. Nach dem Abschluss habe ich in Nairobi Jura studiert. Dann adoptierten mich meine Pateneltern und ich kam nach Hamburg, wo ich Deutsch lernte und Lehramt studierte.

Wollten Sie immer schon Lehrer werden?

Ich hätte auch einen anderen besser bezahlten Job bei einer internationalen Organisation machen können, aber Lehrer ist mein Traumberuf. Meine eigene Geschichte hilft mir dabei, an der Lebensrealität der Kinder nah dran zu sein. Ich unterrichte Schüler aus armen Verhältnissen, denen ich zeigen kann, dass ihre Herkunft keine Ausrede sein darf für mangelnden Willen oder Interesse. Das Beste, was ich mit meinem Hintergrund machen kann, ist ihnen zu zeigen, dass sie da rauskommen können, wo sie sind.

Wie machen Sie das?

Viele meiner Schüler kommen aus einem Milieu, wo sie keine Vorbilder haben, die sie motivieren. Ihre Eltern haben Jobs, die in der Gesellschaft nicht so gut angesehen sind. Wenn sie mich sehen, denken sie: Wenn der es geschafft hat, dann kann ich auch mal Lehrer oder Rechtsanwalt werden. Auch in Deutschland entscheidet die Herkunft maßgeblich über die Zukunft von Kindern. Das heißt aber nicht, dass sie nicht intelligent sind. Ich sage ihnen: Lasst es nicht zu, dass später Leute, die weniger schlau sind als ihr, über euch entscheiden, nur weil sie bessere Startbedingungen hatten.

Erzählen Sie den Schülern auch aus Ihrer Kindheit?

Ab und zu. Die meisten kennen meine Geschichte aber gar nicht. Ich habe viele Schüler mit Migrationshintergrund. Wenn sie sehen, da steht einer, der spricht nicht perfekt Deutsch, der macht hier und da grammatikalische Fehler, hat es aber trotzdem geschafft, macht ihnen das Mut. Ich kann sie emotional erreichen. Das ist sehr, sehr wichtig. Ich lebe das, was ich sage. Das gibt auch Verlässlichkeit. Es ist einfach authentisch.

Sie tanzen mit den Schülern auch HipHop. Warum?

Jeder Schüler kann irgendetwas sehr gut. Sei es nun Tanzen, Beatboxen oder Rappen. Ich sage meinen Schülern: Wenn du gut tanzen kannst, dann kannst du auch auf anderen Gebieten erfolgreich sein. Überleg dir, welche Strategien dazu geführt haben, dass du beim Tanzen solche Leistungen vollbringst. Worauf kam es an? Du kannst diese Strategien auch auf andere Fächer übertragen. Du bist super im Rappen? Dann kannst du auch gut in Mathe sein.

Sie tanzen zur Belohnung für gute Mitarbeit auch manchmal den Moonwalk. Haben Sie keine Angst um Ihre Autorität?

Ich bin in der Schule so, wie ich auch sonst im Alltag bin, ich verstelle mich auch nicht. Ich bin für positive Energie. Jeden Freitag küre ich deshalb den Schüler der Woche. Am Nachmittag rufe ich bei den Eltern des Ausgezeichneten an, um sie über die guten Leistungen ihres Kindes zu informieren. Die meisten waren gewohnt, dass Ärger ansteht, wenn die Nummer der Schule auf dem Telefondisplay aufleuchtet. Sie meldeten sich dann schon ganz erschrocken und besorgt; um so schöner ist es, wenn sie nach dem Gespräch glücklich und lachend wieder auflegen.

Sie sprechen sehr positiv von Ihrer Arbeit. Viele deutsche Lehrer sind frustriert oder leiden unter Burn-out, auch wenn sie anfangs hohe Ideale hatten.

Im Moment genieße ich meinen Job. Was mir nicht gefällt ist, dass Lehrer hier in Deutschland immer zuerst als Sündenböcke betrachtet werden. Man sieht nicht, wie viel Gutes sie auch tun. Damit schadet man auch den Schülern und der Zukunft unserer Gesellschaft. Wenn Lehrer ständig hören: ,Ihr seid nicht gut genug. Ihr kriegt das alles nicht hin’ – wie sollen sie dann den Schülern ein positives Gefühl mitgeben? Wenn wir Lehrer mehr wert schätzen, geben sie diese Wertschätzung auch an ihre Schüler weiter.

Bekommen Lehrer in Kenia denn mehr Anerkennung?

Oh, ja. In Kenia gab es damals keine Schulpflicht. Eigentlich konnte keiner Eltern zwingen, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Wenn aber ein Lehrer nach Hause kam und sagte, sie sollten ihr Kind sofort in die Schule bringen, wagte keiner zu widersprechen. Lehrer haben eine große Autorität. Dank solcher Intervention von Lehrern konnte ich selbst überhaupt irgendwann aus dem Kinderheim wieder zur Schule gehen. Und ich war immer gut in der Schule, weil ich sehr viel Wertschätzung von meinen Lehrern erfahren habe.

Das Gespräch führte Alice Ahlers

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