Sein Spitzname lautet Mister Pisa, und tatsächlich hat Andreas Schleicher wie kein anderer die Geschichte der Internationalen Schulleistungsstudie geprägt. Seit zwölf Jahren leitet der 48-jährige Statistiker die Untersuchung, bei der mathematische, naturwissenschaftliche und sprachliche Kompetenzen von 15-Jährigen getestet werden. Pisa findet alle drei Jahre in den Mitgliedsstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) statt. Kürzlich haben die Tests für die nächste Runde in Tausenden Schulen begonnen.
Herr Schleicher, warum dieser große Aufwand?
Pisa lässt uns erkennen, wie gut unsere Jugend für die Zukunft gerüstet ist.
Auf welche Fähigkeiten kommt es künftig an?
Vor allem die Kompetenz, Informationen aus den unterschiedlichsten Bereichen so zu verknüpfen, dass etwas Neues entsteht – eine neue Erkenntnis, eine Entdeckung oder ein neues Produkt.
Was ist verzichtbar?
Fachwissen, das sich abfragen lässt. Es veraltet viel zu schnell.
Und doch kommen die besten Ideen oft von denen, die viel im Kopf haben.
Natürlich ist Wissen entscheidend. Aber heute lässt sich fast jede Multiple-choice-Aufgabe mit Hilfe eines Smartphones in Sekundenschnelle lösen. Wenn wir wollen, dass unsere Kinder nicht nur fast so gut wie ein Smartphone sind, dann müssen wir die Ziele höher stecken.
Schluss also mit dem Vokabelpauken?
Nein, darum kommen wir nicht herum. Aber das ist auch kein Problem in einer Schule, die ich als zukunftsweisend bezeichne. Denn dort lernt der Schüler, weil er es selbst will und nicht, weil der Lehrplan es vorschreibt.

Andreas Schleicher kam 1964 in Hamburg zur Welt. Er studierte Physik und Mathematik. Seit 1992 ist er als Bildungsforscher tätig.
Im Jahr 1994 begann seine Tätigkeit für die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) in Paris, heute ist er dort Vizedirektor für Bildung. Der 48-Jährige konzipiert unter anderem die Schulleistungsstudie Pisa und koordiniert sie in den 30 OECD-Ländern. Andreas Schleicher ist verheiratet und hat drei Kinder.
Das klingt fast zu schön.
Und doch ist es möglich, Wir sehen es ja in Ländern wie Finnland, das bei Pisa immer Spitzenplätze belegt.
Was ist das Geheimnis der Finnen?
Sie schaffen es, hervorragende Lehrer für die Schule zu gewinnen – trotz mittelmäßiger Gehälter. Schulen in Finnland haben ein professionelles Management, das ist ein ganz wichtiger Punkt. Die Lehrer haben vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten, aber auch die Verantwortung für die Lernergebnisse. Ein Drittel der Unterrichtszeit findet außerhalb der Schule statt. Die Atmosphäre ist kreativ, die Arbeit macht Spaß, auch den Schülern.
Und doch sind Finnland und Kanada beim letzten Pisa-Test von Shanghai und Korea überholt worden. Siegt also letztlich der asiatische Drill?
Das ist ein klassisches Vorurteil. In diesen Ländern wird gepaukt, keine Frage, aber es wird auch Wert auf kreatives Problemlösen und auf Diskussion gelegt. Ich habe das dort oft im Unterricht beobachtet. Mit Auswendiglernen allein hätte sich das bei Pisa auch sehr erfolgreiche Singapur nie derart vorarbeiten können: In den 60er-Jahren konnten nur zwei Prozent der Bevölkerung lesen und schreiben, jetzt steht Singapur bei Pisa auf Platz 5.
Dann sollte es doch auch bei uns klappen.
Ja, aber es muss sich viel ändern in Deutschland. Wir praktizieren über weite Strecken noch den Unterrichtsstil des Industriezeitalters. Es geht darum, die Schüler auf mehr oder weniger gleiche Lebensläufe vorzubereiten. Und darum, die guten von den schlechten Schülern zu trennen. Für die Wissensgesellschaft reicht das nicht.
Dennoch funktioniert Deutschland ziemlich gut.
In vielen Bereichen hat Deutschland seine Hausaufgaben gemacht. Außerdem trägt die Wirtschaft erheblich mit dazu bei, dass Angestellte und Arbeiter die richtigen Fähigkeiten und Fertigkeiten haben und diese effizient einsetzen. Zudem haben sich auch die Schulleistungen im vergangenen Jahrzehnt deutlich verbessert. Dennoch reichte es auch bei Pisa 2009 nur für einen Platz im Mittelfeld.
Also ist Gefahr im Verzug?
Wir dürfen uns nicht ausruhen. Ein Hochlohnland muss gegenüber der Konkurrenz so viel besser sein wie es teurer ist.
Der wirtschaftliche Erfolg Deutschlands habe viel mit der hier üblichen dualen Ausbildung zu tun, heißt es im Ausland. Ist diese Verbindung von betrieblicher Lehre und theoretischem Unterricht in der Berufsschule ein Zukunftsmodell?
Ja, die duale Ausbildung ist eine ganz wichtige Stärke des deutschen Bildungssystems. Aber auch dieser Bereich muss offener werden, und die Abschlüsse müssen so gestaltet werden, dass sie auf Wunsch überleiten in eine akademische Ausbildung.
Heute haben 29 Prozent der Deutschen einen Hochschulabschluss. Wie hoch sollte dieser Anteil im Jahr 2030 sein?
In einigen OECD-Staaten liegt dieser Anteil jetzt schon bei mehr als 50 Prozent. Aber eine Diskussion über Quoten allein führt nicht weiter. Hätte man vor hundert Jahren gefragt, wie viele Menschen einen Schulabschluss brauchen, hätten wohl viele gesagt: 30 Prozent reichen aus. Heute haben junge Leute ohne Schulabschluss keine Chance mehr. Ich bin sicher, dass im Jahr 2030 die überwiegende Mehrheit einen Hochschulabschluss oder eine berufliche Ausbildung auf vergleichbarem Niveau besitzen wird.
Wird es im Jahr 2030 noch Noten geben?
Sicher. Aber ich hoffe, Klassenarbeiten und Zensuren dienen dann nicht mehr primär dem Zweck, Leistungen zu zertifizieren oder den Zugang zu Bildungsangeboten zu rationieren. Sie sollten vielmehr motivierende Rückmeldungen sein, auf denen die nächsten Lernschritte aufbauen können.
Und was ist mit denen, die schlechte Noten bekommen?
Die brauchen individuelle Förderung. In der Schule der Zukunft werden Schüler nicht mehr ausgesondert, weil sie Defizite haben. Ziel muss vielmehr sein, das Potenzial aller zu mobilisieren.
Der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in den westlichen Industrienationen wird vermutlich weiter wachsen. Welchen Einfluss hat das auf das Bildungsniveau?
Pisa lässt keinen Zusammenhang zwischen Schulleistung und Migrationshintergrund erkennen. Wenn es Unterschiede gibt, dann haben sie mit der sozialen Schicht der Kinder zu tun. Und die Abhängigkeit zwischen Elternhaus und Schulerfolg ist in Deutschland bekanntlich besonders groß.
Sehen Sie auch Gutes im deutschen Bildungssystem?
Ja, es gibt zahlreiche Schulen, die vorbildlichen Unterricht machen – mit fachübergreifendem Projektunterricht, Gruppenarbeit und individueller Förderung. Doch insgesamt sind die Unterschiede im System viel zu groß.
Was sicher auch mit der deutschen Kleinstaaterei zu tun hat. Wie zukunftsfähig ist der Bildungsföderalismus?
Entscheidend ist, und das zeigen erfolgreiche Systeme anderer Länder, dass die einzelnen Schulen größere Freiräume bekommen und mehr Verantwortung übernehmen. Ob der Bund oder die Länder das Sagen haben, spielt letztlich kaum eine Rolle.
Die Schulleistungsstudie Pisa bewertet die Fertigkeiten einzelner Schüler in bestimmten Fächern. Zu Ihrer Vision von Schulen, in denen die Schüler vernetzt arbeiten, will das nicht recht passen.
Stimmt. Und deshalb versuchen wir erstmals im Jahr 2015, das gemeinsame Problemlösen im Schülerteam zu bewerten. Das ist nur ein Anfang, weitere Anpassungen an das, was für Menschen in Zukunft wichtig ist, werden folgen. Wir überlegen etwa, wie wir eine Form der Zivilkompetenz, die sogenannte Global Citizenship, erfassen können. Es geht um die Frage, wie man sich in einer globalisierten Welt einbringen kann.
Welche Rolle spielt das Online-Lernen in Zukunft?
Eine viel größere als heute, denn es fördert selbsttätiges Lernen. Und es ist aktueller als Schulbücher, die nicht selten 20 Jahre alt sind. Vorbilder sind Korea und Singapur, wo das Curriculum fast vollständig digitalisiert ist und Online-Lernen zur täglichen Routine gehört. Die Schüler können sich überall und jederzeit mit dem Stoff beschäftigen. Schule ist nicht mehr nur dann, wenn alle im Klassenzimmer sind und ein Lehrer anwesend ist.
Interview: Lilo Berg
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