Gute Noten haben Macht. Sie öffnen Türen, bieten Chancen und machen sozialen Aufstieg möglich. Doch Arbeiterkinder haben es an deutschen Schulen schwer. Auch wenn sie die gleiche Leistung bringen wie ihre Mitschüler aus bessergestellten Familien, bekommen sie schlechtere Noten. Das ist das Ergebnis einer Studie deutscher Bildungsforscher im Auftrag der Vodafone Stiftung, die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde.
„Kinder aus Akademikerfamilien werden weniger streng benotet“, sagt Kai Maaz, Professor für Bildungswissenschaften an der Universität Potsdam. „Bei einer sozial gerechten Notenvergabe würden mehr Schüler als jetzt aufs Gymnasium gehen“. Der Forscher und seine Kollegen werteten die Ergebnisse jüngster Schulleistungsuntersuchungen aus.
So verglichen sie Schulnoten mit den Ergebnissen eines standardisierten schriftlichen Tests, der Kenntnisse in Mathematik, Naturwissenschaften und Sprache abfragt. Dabei stellten sie einen deutlichen Zusammenhang zwischen Schulnoten und dem sozialen Status fest, der sich nicht alleine auf schlechtere Leistungen der Arbeiterkinder zurückführen lässt. Denn bei gleicher Leistung bekamen sie schlechtere Bewertungen als Kinder aus sozial bessergestellten Familien.
Ungerecht gehe es dann vor allem beim Übergang auf die weiterführenden Schulen zu. Am Ende der Grundschule entscheiden Lehrer über den weiteren Weg ihrer Schüler. Sie sortieren, wer künftig auf das Gymnasium und wer auf die Haupt-oder Realschule gehen wird. Doch nur etwa zur Hälfte lasse sich die schlechtere Empfehlung des Grundschullehrers tatsächlichen mit der Leistung eines Schülers erklären.Ein Viertel werde dagegen durch die Schichtzugehörigkeit beeinflusst, weil Lehrer die soziale Herkunft – womöglich auch unbewusst – bei der Benotung mitdenken. Bei gleicher Leistung trauen sie Kindern, deren Eltern Akademiker sind, eher eine erfolgreiche Laufbahn auf dem Gymnasium zu als Arbeiterkindern. Viele gehen davon aus, dass diese Familien ihren Kindern mehr Rückhalt geben und sie besser fördern.
Soziale Unterschiede verfestigen sich aber auch durch die Entscheidungen der Eltern am Ende der Grundschulzeit. Akademikereltern haben auch höhere Bildungsambitionen. Sie wollen ihren Nachwuchs eher auf dem Gymnasium sehen und setzten sich dafür auch stärker ein.
Verschenkte Talente
Arbeiter schicken ihre Kinder dagegen häufig auf die Real-oder Hauptschule, weil es ihrem eigenen Bildungsweg entspricht. Auch finanzielle Schwierigkeiten spielten eine Rolle. „Viele Eltern trauen sich nicht zu, eine höhere Schulbildung für ihre Kinder anzustreben“, sagt Franz Baeriswyl, Professor für Pädagogik am Institut für Lehrerbildung in Freiburg. „Diese Eltern müssen schon am Anfang der Grundschulzeit beraten werden.“ Denn auch hier blieben Kinder auf der Strecke die eigentlich gymnasialfähig seien.
Besonders auffällig sei dieser Effekt in Baden-Württemberg, wo Lehrer wesentlich mehr Empfehlungen für das Gymnasium aussprechen, als am Ende tatsächlich wahrgenommen werden. „Es kann nicht sein, dass begabte Kinder vorzeitig ausscheiden“, sagt Ulrich Trautwein, Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Tübingen. „Wir verschenken wichtige Ressourcen“. Der Analyse zufolge könnte sich der Anteil der Arbeiterkinder, die ein Gymnasium besuchen, von derzeit 19,2 Prozent auf 28, 5 Prozent erhöhen, wenn Lehrer sie bei gleicher Leistung auch gleich benoten würden wie ihre Klassenkameraden aus bessergestellten Familien.
Soziologen der Universität Mainz kamen bei einer Untersuchung aller Viertklässler an staatlichen Grundschulen in Wiesbaden zu ähnlichen Ergebnissen. Betrachteten sie alle Schüler mit der Durchschnittnote 2.0, dann bekamen Kinder aus der niedrigsten Einkommensgruppe nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 76 Prozent eine Gymnasialempfehlung, während in der höchsten Einkommensgruppe fast alle – 97 Prozent nämlich – eine Empfehlung fürs Gymnasium bekamen.
Zensuren sind relativ
„Noten sind generell weder objektiv noch vergleichbar“, sagt Hans Brügelmann, Professor für Pädagogik und Didaktik an der Universität Siegen. Empirische Studien, die er und seine Kollegen ausgewertet haben, ergaben, dass sie von vielen Dingen abhängen, die gar nichts mit der Leistung zu tun haben. Legte man etwa dieselbe Klassenarbeit verschiedenen Lehrern vor, kamen ganz unterschiedliche Bewertungen dabei heraus. Die Zensuren variierten auf einer Skala von Eins bis Fünf - und das nicht nur beim Deutschaufsatz, sondern auch in Mathematik, je nachdem, was der Lehrer für Maßstäbe an die Bewertung setzte. Hat er besonders hohe Ansprüche? Arbeitet er in einem Stadtteil mit ungünstigen oder günstigen Bedingungen, schaut er nur aufs Ergebnis oder bewertet er den Lösungsweg mit?
Legte man Lehrern darüber hinaus eine Arbeit zusammen mit einem Schülerporträt vor – Junge oder Mädchen, Oberschicht oder Unterschicht – kam es ebenfalls zu Verzerrungen. Brügelmann plädiert deshalb für die Abschaffung der Ziffernnoten zugunsten von schriftlichen Beurteilungen, die Leistung stärker ausdifferenzieren.
Bei der Notengebung orientiert sich der Lehrer am Durchschnitt der Klasse. Was in der einen Klasse eine Eins ist, kann in einer anderen Gruppe eine Drei sein. Nicht alle Kinder aus einer Klasse können aufs Gymnasium gehen. Je mehr gute Schüler in einer Klasse sind, desto unwahrscheinlicher wird also eine Gymnasialempfehlung. „Das ist ein Fehler in unserem System“, sagt Ulrich Trautwein. „Es fehlt Lehrern an Informationen darüber, wo ihre Klasse im Vergleich zu anderen steht“.
Außerdem fanden die Wissenschaftler durch die aktuelle Untersuchung heraus, dass auch das Geschlecht Lehrer bei der Notenvergabe beeinflusst. Jungen erhielten demnach bei gleicher Leistung schlechtere Zensuren als Mädchen. Diese bekämen bessere Noten, weil sie insgesamt in der Schule gewissenhafter und anstrengungsbereiter sind als Jungen, berichten die Wissenschaftler.
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