Latein hat den Ruf eines elitären Paukfaches. Generationen von Schülern fragen sich, was ihnen Ovid und Cicero im 21. Jahrhundert noch zu sagen haben und warum sie eine Sprache lernen müssen, die keiner mehr spricht. Doch spätestens seit Harry Potter und seinen Zaubersprüchen („Crucio!“) wissen Schüler, dass ein paar Latein-Vokabeln nicht schaden können. Den Band „Stein der Weisen“ gibt es auch in lateinischer Sprache. Er heißt „Harrius Potter et Philosophi Lapis“.
Die Zahl der Lateinschüler in Deutschland steigt seit Jahren an. Von einem Aussterben der bereits toten Sprache kann keine Rede sein: Etwa jeder zehnte Schüler in Deutschland wählt Latein als Fremdsprache. Im vergangenen Jahr waren das laut Statistischem Bundesamt bundesweit mehr als 800.000 Jungen und Mädchen. Mit Spanisch und Italienisch gehört Latein zu jenen Sprachen, die trotz rückläufiger Schülerzahlen immer mehr Interessenten anlocken. Caesar ist mausetot, es lebe Latein.
Gegenpol zur hektischen Welt
„Die Nachfrage ist seit einigen Jahren unglaublich“, sagte der lateinische Philologe Professor Karl Enenkel der Deutschen Presseagentur bei einer Tagung von 300 Neolatinisten in Münster. Die als etwas verschroben und altmodisch geltende Zunft der Lateiner ist über den Zuwachs keineswegs verwundert. In einer Welt, die immer hektischer und unübersichtlicher werde, sei Latein ein Gegenpol für viele Eltern, sagt Enenkel.
„Dahinter steht sicher der Wille der Eltern, ihr Kind besonders gut auszubilden sowie ein gewisses Elitedenken“, sagt Dr. Tuulia Ortner. Die Psychologin an der Universität Salzburg hat sich mit den Mythen und Wahrheiten befasst, derer sich Gegner wie Befürworter des Lateinunterrichts bedienen.
Die Hoffnung, dass Caesar und Co Kinder intelligenter machen, also ihre kognitiven Fähigkeiten steigern, hält die Wissenschaftlerin für nicht haltbar. „Latein mag in seiner Präzision und Komplexität die ’Mathematik unter den Sprachen’ sein. Aber als Wundermittel für logisches Denken hat es sich - ebenso wie andere Methoden - nicht bewährt“, schlussfolgert Ortner, die vor rund einem Jahr diverse Studien zum Lateinlernen verglichen hatte.
Auch der oft angeführte Vorteil für andere Fremdsprachen ist nicht hinreichend belegt. Im Gegenteil: Die Lernforscherin Elsbeth Stern von der ETH Zürich fand vor einigen Jahren heraus, dass Latein sogar leicht negative Auswirkungen haben kann. Bei einem Vergleich von Spanisch-Studenten, die entweder Französisch oder Latein gelernt hatten, schnitten die Lateiner deutlich schlechter ab.
"Sprungbrett für andere Sprachen"
Doch ganz ohne Effekt ist die alte Sprache keineswegs. Es gebe überzeugende Hinweise darauf, dass Lateinlernen die deutsche Muttersprache positiv beeinflusse, sagt Ortner, die früher selbst eine begeisterte Lateinschülerin war.
Diesen Effekt beobachtet der Latein- und Spanischlehrer Andreas Efing (37) aus Telgte auch in seinem Unterricht. Der Pädagoge hat gerade bei Cornelsen das Latein-Lehrbuch „Via Mea“ (Mein Weg) herausgebracht und ist vor Begeisterung über die tote Sprache kaum zu bremsen. „Latein bietet alles: kulturelle Werte, Orientierungswissen und ein Sprungbrett für andere Sprachen“, schwärmt der Lehrer.
Dabei gibt er gern zu, dass nicht alle seine Schüler mit der gleichen Begeisterung dabei sind. „Manche bringen die Voraussetzungen für den Unterricht nicht mit. Latein erfordert viel Einsatz, Disziplin und kontinuierliches Lernen.“
Was viele Schüler abschreckt, zieht eine bildungsbeflissene Elternklientel wie magisch an. Lehrer Efing hält das Fach gerade in Zeiten der schnellen und fehlerbehafteten Kommunikation via SMS, Facebook oder Twitter für einen Entschleuniger und Mittel zum Erhalt der Sprachqualität. „Mit Latein können Schüler wieder lernen, dass Sprache nicht nur schnelle Kommunikation, sondern auch etwas Kunstvolles und Ästhetisches sein kann.“
Moderne Medienkritik mit alten Philosophen
Das Argument, Latein befasse sich nur mit alten Schinken, lässt der Lehrer nicht gelten. Mit den alten Philosophen könne er Themen wie Todesstrafe, Demokratie oder auch die Frage behandeln, ob es einen gerechten Krieg gebe. Efing schafft es sogar, in seinem Lateinunterricht Medienkritik unterzubringen - zum Beispiel mit Seneca und seiner Warnung vor der „Gefahr der Masse“.
Interessant wäre auch die Frage, wie der gebildete Römer es wohl bewertet hätte, dass 28.000 Menschen ihre wertvolle Zeit einem Anti-Latein-Song auf Youtube widmen. Vielleicht hätte er gesagt: „Etiam si omnes - ego non“ (auch wenn alle mitmachen, ich nicht“).
Der Blick in den Weltraum auf ISS, Planeten, Sterne, Monde und die Sonne: Hintergründe, interaktive Grafiken, Fotostrecken und Videos.

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