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Schule

25. November 2011

Schule: Fragen stellen, statt Köpfe füllen

 Von Peter Monnerjahn

Wie findet und fördert man das Potenzial der Schüler? Gedanken eines Vertretungslehrers zum Schulsystem.

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Lehrer auf ZEIT
        

Privat

Peter Monnerjahn ist freier Journalist, seit acht Jahren Dozent an akademischen Institutionen im In- und Ausland und promoviert an der Freien Universität (FU) Berlin in Politischer Philosophie über Poppers „Offene Gesellschaft“. In diesem Jahr arbeitete er dreieinhalb Monate als Vertretungslehrer für Politik, Geschichte, Englisch und Spanisch an einem Berliner Kolleg – einer Vollzeit-Oberstufe für den zweiten Bildungsweg.

Nach Jahren der Lehre mit Studenten und Doktoranden und der Beschäftigung mit Bildungsfragen hatte ich in diesem Jahr die Gelegenheit, als Vertretungslehrer in einer Berliner Schule zu unterrichten. Es war eine relativ kurze Zeit – aber einige Schlussfolgerungen, was sich in Schule und Bildung ändern sollte, kann man doch daraus ziehen.

Einer der ersten Eindrücke, die man von einer Schülergruppe bekommt, ist der einer bestimmten internen Hierarchie. Die „Streber“ kommen fast schon mit erhobenem Finger in den Raum, weil sie es gewohnt sind, auf so gut wie jede Frage des Lehrers eine Antwort zu haben. Eine zweite Gruppe sind die „Zurückhaltenden“, die seltener in Erscheinung treten, und wenn, dann meist mit vorsichtigen Fragen, ob sie den Lehrer richtig verstanden hätten. Zu guter Letzt gibt es noch die „Hoffnungslosen“, die auf Fragen nur ihre Unwissenheit zu Protokoll geben oder mit ihr kokettieren.

Kübeltheorie gegen Freiheit

Einer der zweiten Eindrücke, die man bekommt, wenn man dann ausgewählten Kandidaten aus den einzelnen Gruppen ein bisschen Zeit gibt, sich mit einem Problem zu beschäftigen, ist dieser: Die scheinbar so stabilen Untergruppen sind ein bloßes Artefakt. Die Situation, die die Schüler zu Klischees werden lässt (an die sie auch noch selbst glauben), ist relativ einfach gefunden: Der Lehrer als Quelle „richtigen Wissens“ stellt Fragen, auf die er „die Antwort“ bereits weiß. Die Schüler sind dazu da, dieses Wissen aufzunehmen und (bestenfalls neu verpackt) wiederzugeben. Sind diese Bedingungen vorhanden, stellt sich die beschriebene Hierarchie ganz von selbst ein.

Mit echten Problemen konfrontiert, sehen die „Streber“ dagegen, dass ihre pauschalen Antworten nicht wirklich auf die konkreten Fragen passen; die „Zurückhaltenden“ sehen ihre Unsicherheit auf einmal in realen Fragen widergespiegelt und damit ernstgenommen; und die „Hoffnungslosen“ sehen (eventuell zum ersten Mal), dass sie nicht nur einen Zugang zum gerade behandelten Fach finden, sondern etwas verstehen und beitragen können. Kurz gesagt, lautet die Erkenntnis, die auch in der Fachliteratur zu finden ist: Wer Potenzial in Schülern vermutet und aktiv sucht, der findet auch welches.

Ist man dann erst einmal auf mehr oder weniger derselben Stufe mit den Schülern angekommen – nämlich der Erkenntnis, dass wir sehr viel mehr gute Fragen finden können als gesicherte Antworten –, fällt noch etwas auf: Sowohl Schüler als auch die meisten Lehrer bestehen darauf, ein einfaches sprachliches Mittel zu verwenden, um eine angeblich professionelle Distanz zwischen Lehrern und Schülern zu schaffen: das Siezen. Der Lehrer weiß schließlich viel, der Schüler wenig, und das Ziel ist, den Unterschied im Füllstand der Köpfe zu verringern. Dieser „Kübeltheorie des Lernens“ gegenüber steht die Theorie, dass nur Wissen, das man sich selbst erarbeitet hat, eines menschlichen Wesens und seiner Freiheit würdig ist – dem die kognitionswissenschaftliche Forschung hinzufügt, dass Lernen in unserem Hirn nun einmal so funktioniert.

Statt einer persönlichen Distanz möchte ich als Lehrer das genaue Gegenteil: mich ausdrücklich auf dieselbe intellektuelle Stufe stellen wie die Schüler. Wir suchen gemeinsam nach besseren Fragen, auch und gerade zu den vorläufigen Antworten, die wir bisher gefunden haben.

Ich möchte klarstellen, dass ein Niveauunterschied der Art, wie er üblicherweise angenommen wird, nicht besteht. Biete ich dann hartnäckig das Du an, sehe ich mich eine amüsante Metamorphose durchmachen: Schüler sagen: „Das ist der Lehrer, der geduzt werden will“, als wäre ich marsgrün geworden und hätte Tentakel auf dem Kopf. Wohlmeinende Kollegen nehmen mich beiseite und warnen vor Autoritätsverlust. Tatsächlich bleiben die Schüler aber handzahm – denn Respekt kommt ebenso wenig von einer Anrede, wie er mit einer anderen ausbleibt. Respekt ist das konsequente Ernstnehmen der Gedanken, Ideen, Fragen und Probleme anderer. Um die zu verstehen, brauchen wir Nähe und ernsthafte Zusammenarbeit.

Und wo ist diese Zusammenarbeit allzu häufig streng verboten? In der Schule. Zwar finden Menschen Zusammenarbeit so natürlich, dass sie fast pausenlos andere um ihre Meinung oder um Hilfe fragen, aber genau das zu unterdrücken, sieht die Schule als eine ihrer Hauptaufgaben. Worum es geht, ist „Disziplin“ und überprüfbare, individuelle „Leistung“. Und die Methode dafür, häufig eben in Ermangelung auch nur des Versuchs, Schüler eine Motivation in sich selbst finden zu lassen, ist Belohnung und Bestrafung: Noten.

Die Übel des Bildungssystems

Dabei sind Noten unnötig: Arbeitgeber interessiert, was jemand konkret gemacht hat, wie er mit anderen zusammenarbeitet, wofür sich jemand begeistern kann und sich einsetzt – und nicht eine fast komplett aussagelose Zahl.

Diese Form einer eindimensionalen, rein quantitativen Bewertung fördert zudem die größten Übel des Bildungssystems: Selbstzufriedenheit, Wettbewerbsdenken und das Abstempeln von Schülern. Lernen ist nicht das Erreichen eines bestimmten Standes, sondern gerade das Erweitern seiner selbst. Der ständige, eben nur relative Vergleich mit anderen lenkt davon ab, was man selbst erreichen kann und erreichen können will. Und wer über einen „Fünferkandidaten“ sagt: „Der kann wirklich kein Mathe“, schiebt damit jegliche Verantwortung für einen Lernfortschritt kurzerhand auf den Schüler ab. Ein solcher selbstausgestellter Persilschein verschleiert unsere wichtigste Erkenntnis überhaupt: dass wir alle nicht bereits „die Antworten“ haben, sondern ständig mit Überraschungen rechnen und nach ihnen suchen sollten. Sind wir das unseren Kindern nicht schuldig?

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