Die Potsdamer Lehrerstudie des mittlerweile emeritierten Bildungsforschers Uwe Schaarschmidt belegte 2006 als eine der ersten umfassenden Untersuchungen über Belastungen im Pädagogenberuf, dass rund 60 Prozent der Lehrer gefährdet sind, im Beruf krank zu werden. Als Ursachen nannten Lehrer vor allem schwierige Schüler, große Klassen und eine hohe Stundenzahl.
Zeitdruck und fehlende Erholungspausen sind laut einer Untersuchung der Universität Lüneburg die größten Stressfaktoren für Lehrer. Die Studie entstand 2011 im Auftrag der Krankenkasse DAK.
Nach neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes sank jedoch der Anteil der Lehrer, die wegen Dienstunfähigkeit vorzeitig in Pension gehen, im Jahr 2010 auf den niedrigsten Stand seit 1993. Damit unterscheiden sich Lehrer nicht wesentlich von anderen Beamten in Bund und Ländern. Im Durchschnitt waren die Lehrer, die im Jahr 2010 in den Ruhestand versetzt wurden, 62,7 Jahre alt.
In den ersten Jahren als Lehrerin sah Corinna Müller* kein Licht am Ende des Tunnels. „Das war teilweise ein Horrortrip“, sagt die 58-Jährige heute. Das Studium hatte die Naturwissenschaftlerin auf vieles fachlich vorbereitet, aber nicht auf Situationen wie diese: Während des Unterrichts standen alle Schüler auf und ließen die Berufsanfängerin allein in der Klasse zurück. „Die haben mich ausgezählt. Ein Albtraum.“
Heute kann die Pädagogin aus dem hessischen Rüsselsheim über das pubertäre Verhalten der Jugendlichen von damals lachen. Sie versteht ihr Verhalten sogar. „Auch ich habe falsch reagiert, bin nicht genug auf die Schüler eingegangen“, reflektiert sie ihr Verhalten. Gelernt hat sie das nicht in der Schule, sondern bei einem Psychiater, bei dem sie und andere Kollegen sich regelmäßig zur Supervision anmeldeten. Dass sie heute souverän und selbstbewusst ihren Job meistere, habe sie auch diesem „Blick von außen“ zu verdanken, sagt Corinna Müller: „Supervision müsste für alle Pflicht sein im Lehrerberuf.“
Doch während die Reflexion über die eigene Arbeit und Position bei Psychologen, Ärzten, Sozialpädagogen und sogar in den Managementetagen der Top-Unternehmen üblich oder gar verpflichtend ist, gibt es bei den Lehrern nichts Vergleichbares. Im Fokus stehen seit einigen Jahren allenfalls die Schulleitungen, bei denen man die Management-Fähigkeiten stärken will.
An Deutschlands Schulen dominiert immer noch das Bild des souveränen Wissensvermittlers, der keine fremde Hilfe braucht. Viele Lehrer wollen ihren Alltag allein und nicht im Team meistern. Auch die Strukturen sind auf ein Einzelkämpferdasein angelegt. Wer sich sogar vor Kollegen abschottet, nimmt Hilfe von außen erst recht nicht in Anspruch.
Schwierige Klientel
„Die Vorbehalte sind groß“, sagt Josef Grubmüller, der seit vielen Jahren in Frankfurt als Supervisor arbeitet. Er begleitet unter anderem Referendare in ihrer schwierigen Ausbildungszeit. Viele Lehrer hätten, anders als etwa Sozialpädagogen, den Anspruch, „immer komplexere Aufgaben ganz allein zu lösen“. Kollegen pflichten Grubmüller bei: „Lehrkräfte gelten unter Supervisoren als eher schwierige Klientel“, sagt die ehemalige Lehrerin Helga Daniels vom Netzwerk Supervision und Schule Rhein-Ruhr. Die meisten seien als Einzelkämpfer sozialisiert. Und das wirkt nach.
Experten sehen in der Vereinzelung einen der Hauptgründe dafür, dass Schule viele Lehrer krank macht. Sie leiden laut Studien häufiger als andere Arbeitnehmer unter Beschwerden, die auch bei Depressionen oder Burnout auftreten. Die Folge ist, dass Lehrer vorzeitig in Pension gehen.
In einer von der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) vor einigen Monaten in Auftrag gegebenen Befragung der Universität Lüneburg unter Lehrern zwischen 24 und 65 Jahren gab eine Mehrheit an, nicht sicher zu sein, bis zum gesetzlichen Rentenalter arbeiten zu können. Als besonders belastende Faktoren nannten die Pädagogen Zeitdruck und fehlende Erholungspausen, Lärmbelastung und Unterrichtsstörungen.
Coaching und Supervision könnten ein probates Mittel sein, um ihre Gesundheit zu schützen. Beweise dafür lieferte 2010 eine Freiburger Arbeitsgruppe um den Neurobiologen und Psychotherapeuten Joachim Bauer. Er konnte nachweisen, dass Lehrer, die an einem von medizinischen oder psychologischen Experten geleiteten Coaching teilnahmen, ihre Gesundheit objektiv verbessern konnten. Ziel des Freiburger Coachings war es, Lehrern den Umgang mit schwierigen schulischen Situationen beizubringen. Bauer und seine Kollegen sind wie viele andere Experten davon überzeugt, dass Lehrer eben nicht nur Wissens-, sondern vor allem Beziehungsarbeiter sind: Sie müssten nicht nur ihr Fach beherrschen, sondern „auch die Kunst der Beziehungsgestaltung“.
Und das gelingt nicht immer ohne Hilfe von außen. Zwar gibt es zarte Ansätze in Schulen und Kultusministerien, Coaching, Supervision oder sogenannte kollegiale Fallberatungen (bei denen Lehrer geschult werden, sich gegenseitig zu unterstützen) in den pädagogischen Alltag oder die Lehrerausbildung zu integrieren. Doch von einem flächendeckenden Angebot kann keine Rede sein. Gleichzeitig wächst das kommerzielle Angebot für Beratungen aller Art – vom „Seelenflüsterer“ bis zur Burn-out-Behandlung „in sieben Tagen“. Viele Hilfsangebote sind schon auf den ersten Blick unseriös. Nicht jeder Supervisor oder Coach ist hinreichend ausgebildet.
Theoretisch könnten Schulpsychologen mit fundierter Ausbildung und Erfahrung den Lehrern den Rücken stärken. Doch in vielen Bundesländern sind sie bereits mit der Betreuung der Schüler völlig überlastet. „Wir sind bundesweit unterversorgt“, sagt der Vorsitzende der Sektion Schulpsychologie im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP), Stefan Drewes. Zwar gehöre die Supervision zum Aufgabengebiet der Schulpsychologen in fast allen Bundesländern, doch sie könnten den vorhandenen Bedarf aus Personalmangel gar nicht decken.
Nach den jüngsten Zahlen des BDP müsste ein Schulpsychologe im Bundesdurchschnitt fast 700 Lehrer betreuen. In Sachsen, Thüringen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein sind es sogar weit über 1 000.
Mit der neuen Lehrergeneration schwinden nach Ansicht Drewes, der die schulpsychologische Beratungsstelle in Düsseldorf leitet, die Vorurteile gegenüber Angeboten wie Supervision. „Für viele junge Lehrer ist es selbstverständlich, ihre Arbeit zu reflektieren.“ Wichtig sei jedoch, dass die Pädagogen sich an „neutrale Stellen“ wenden könnten, die vertraulich und unabhängig von der Schulaufsicht tätig sind. Dies sei bei den Schulpsychologen meistens gegeben.
Als Junglehrer verheizt
Wer einmal professionelle Unterstützung für den Lehreralltag erfahren hat, will meist nicht mehr darauf verzichten. „Man wird als Junglehrer total verheizt“, sagt Tanja Weber. Die 34-jährige Berufsschullehrerin aus dem Rhein-Main-Gebiet sollte bei ihrem Einstieg an sechs verschiedenen Schulen eingesetzt werden. Ihren Frust über allzu forsche Rektoren wurde sie nicht in der Schule, sondern bei einer externen Supervision kurz nach dem Referendariat los. „Ich bin im Unterricht eher der Typ ,Fels in der Brandung’“, sagt sie. „Aber mich hat die Organisation fertiggemacht. Ich musste erst lernen, auch gegenüber Vorgesetzen mal Nein zu sagen.“
Anstelle der externen Supervision trifft sich Tanja Weber heute regelmäßig mit Kolleginnen und Kollegen zum Austausch – und zwar außerhalb der Schule. Als Einzelkämpferin versteht sie sich schon lange nicht mehr.
*Lehrernamen geändert
Der Blick in den Weltraum auf ISS, Planeten, Sterne, Monde und die Sonne: Hintergründe, interaktive Grafiken, Fotostrecken und Videos.

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