Wenn minderjährige Kinder mit ihren Familien oder allein nach Deutschland emigrieren, sind sie hier schulpflichtig. Bei gar keinen bis sehr geringen Sprachkenntnissen werden sie zunächst in einer eigenen Klasse in Deutsch unterrichtet.
Diese heißen, je nach Bundesland, Vorbereitungsklassen, Intensivklassen, Übergangsklassen oder schlicht „Lerngruppe für Neuzugänge“ wie in Berlin.
Ziel ist es, dass die Schüler die Sprache so schnell wie möglich lernen, um am normalen Unterricht teilnehmen zu können. In vielen Bundesländern herrscht ein Mangel an geeigneten Lehrern, die Deutsch als Zweitsprache unterrichten können.
Alle Schulen haben Regeln. In der Internationalen Vorbereitungsklasse der Werkrealschule August-Lämmle in Leonberg bei Stuttgart kleben sie sogar auf den Tischen. Für die Schüler, die im ersten Stock eine neue Sprache lernen, ist Regel Nummer sieben die wichtigste: „Wir sprechen Deutsch miteinander.“
Die Jugendlichen haben auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Die Jüngsten sind erst elf Jahre alt, die Ältesten schon 16. Sie haben völlig unterschiedliche Schulen besucht, bevor sie vor einigen Monaten oder Wochen mit ihren Familien nach Deutschland kamen.
Aber sie haben fast alle in Ländern gelebt, denen die Euro-Krise arg zugesetzt hat. Und sie haben ein und dasselbe Ziel: in möglichst kurzer Zeit so gut Deutsch lernen, dass sie die Vorbereitungsklasse verlassen und am normalen Unterricht teilnehmen können. „Die wirtschaftliche Schwäche eines Landes können wir hier an den Schülerzahlen ablesen“, sagt Schulleiter Philipp Steinle: „Je mehr kommen, desto schlechter steht es.“ Seitdem Europas Finanzwelt ins Trudeln geraten ist, kommen immer mehr Kinder aus Süd- und Osteuropa an seine Schule.
Der Zuzug der Euro-Krisenkinder zeigt sich nicht nur im Raum Stuttgart. Auch Schulen in anderen Bundesländern berichten von einem deutlichen Anstieg der Schülerzahlen in jenen Klassen, die Kinder ohne Deutschkenntnisse auf den normalen Unterricht vorbereiten. Im wirtschaftsstarken Bayern etwa ist die Zahl der EU-Ausländer in den sogenannten Übergangsklassen laut Kultusministerium auf 845 Schüler gestiegen – 2010 waren es nur 470.
Auch andere Bundesländer registrieren den Trend, der sich vor allem in Großstädten wie Berlin, Frankfurt oder Offenbach bemerkbar macht und die Schulen vor neue Herausforderungen stellt. Neben Familien aus Spanien, Griechenland, Portugal oder Italien kommen auch vermehrt Schüler aus dem Südosten, vor allem aus den neuen EU-Mitgliedsstaaten Bulgarien und Rumänien.
In Frankfurt lässt das die Zahl der „Intensivklassen“ seit Jahren steigen. Aus Mangel an geeigneten Lehrern könnten jedoch nicht so viele Klassen eingerichtet werden wie gebraucht würden, kritisiert Maurella Carbone, Lehrerin und Mitglied der Kommunalen Ausländervertretung. Rainer Götzelmann vom Frankfurter Aufnahmezentrum für Seiteneinsteiger bestätigt zwar den Zuzug-Trend, nicht aber das fehlende Personal: „Noch können wir die Nachfrage decken. Aber wir werben verstärkt um Lehrer, die Deutsch als Zweitsprache unterrichten können.“
Zwar werden die minderjährigen EU-Schüler nicht gesondert erfasst, doch der Zuzug ihrer Familien lässt sich aus den aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes herauslesen: Im ersten Halbjahr 2012 kamen deutlich mehr Einwanderer aus den EU-Krisenländern nach Deutschland als 2011. Bei den krisengeschüttelten Griechen registrieren die Statistiker ein Plus von 78 Prozent, bei den Spaniern 53 Prozent.
Sie alle hoffen auf neue Jobs und bessere Bezahlung. „Mein Vater jetzt hat endlich wieder Arbeit, auf dem Bau“, erzählt die 15-jährige Arbnore aus der Leonberger Werkrealschule. Ihre Geschichte ist durchaus typisch für die neue Migranten-Generation, die ihre Heimat meistens nicht zum ersten Mal verlassen hat. Die Jugendliche kommt ursprünglich aus dem Kosovo, hat aber die letzten zwei Jahr mit ihrer Familie im Veneto in Italien gelebt, weil es in der Heimat keine Arbeit gab. „Mein Vater hat in Italien als Handwerker gearbeitet, aber dann hat er auch dort seinen Job verloren“, erzählt Arbnore, die sich am liebsten mit ihren italienischen Mitschülern unterhält. Deren Muttersprache hat sie in kurzer Zeit nahezu perfekt gelernt. Das macht Mut für die neue Sprach-Herausforderung in Deutschland.
Die Re- und Mehrfach-Migranten seien „ein ganz neues Phänomen – ausgelöst durch die Euro-Krise“, sagt Michaela Menichetti. Sie ist Integrationsbeauftragte des Schulamtes in Reutlingen in der Nähe von Tübingen: „Wir haben türkische Schüler, die aus Bulgarien kommen, gebürtige Russen aus Portugal und Griechen aus Russland.“
Marco (15) gehört zu den Re-Migranten. Bis zum Kindergartenalter lebte der Italiener mit seiner Familie in Deutschland, dann ging es zurück nach Sizilien. Jetzt ist der Junge seit fünf Monaten wieder in Leonberg und sein Vater ist als Maurer dort tätig, wo er bereits früher einmal gearbeitet hat. „Mir hat das Hin- und Her nicht viel ausgemacht“, sagt Marco.
Die Assistenz-Lehrerin Sandra Tauer (32), die Marco und die anderen Schüler an der Leonberger Schule in Deutsch unterrichtet, kennt aber auch andere Geschichten. Die Jugendlichen berichten von zurückgelassenen Freunden und Orientierungslosigkeit am neuen Wohnort. Viele erleben die Auswanderung als sozialen Abstieg. „Manche hatten früher ein Haus und einen Garten – jetzt leben sie im Wohnblock bei Verwandten“, weiß Tauer. Sie arbeitet für das bundesweite Programm Teach-First, das Jugendliche mit Startschwierigkeiten unterstützt.
Die Leonberger Schule kann ihren Neuankömmlingen 25 Stunden Deutschförderung pro Woche anbieten – auch Dank der Unterstützung durch Teach-First. Andere Schulen im Land können das nicht leisten. Weil sich die Einsteigerklassen immer weiter vergrößern, fehlt es an Personal und Geld.
In Berlin hat die Bildungsgewerkschaft GEW gerade den Senat aufgefordert, die Förderung neu zugezogener Schüler ohne Deutschkenntnisse zu verbessern. Die Kinder bräuchten in den Bezirken Schwerpunktschulen mit mindestens zwei Lerngruppen auf unterschiedlichen Niveaustufen.
In der Hauptstadt ist die Zahl der Schüler in den sogenannten „Lerngruppen für Neuzugänge“ sprunghaft angestiegen. „Zum Ende des Schuljahres im Sommer 2012 hatten wir etwa 65 Lerngruppen, seitdem ist die Zahl auf 159 angewachsen“, berichtet die Lehrerin Maria Greckl, die als Koordinatorin für die Deutschlehrer tätig ist.
Zu den Neuankömmlingen gehören zwar auch Kinder aus den Euro-Krisenländern. Hinzu kommen laut Greckl aber vor allem Flüchtlinge aus anderen Krisenregionen der Welt – etwa aus Irak, Afghanistan oder Syrien. Auch Kinder aus Sinti- und Romafamilien sind in den vergangenen Jahren verstärkt in der Hauptstadt gestrandet. Doch die sind für die Schulbehörden schwer zu erreichen. Ein Großteil der Familien lebt in großer Armut, viele Kinder verbringen ihren Tag auf der Straße anstatt in der Schule.
Von diesem Szenario sind Leonberger Werkrealschüler aus Spanien, Italien und Griechenland weit entfernt. Trotz großer Anpassungsschwierigkeiten haben sie alle einen ehrgeizigen Plan: einen guten Schulabschluss machen und einen Job suchen. Ob in Deutschland, ihrer Heimat oder anderswo auf der Welt, darüber wollen sie erst später nachdenken. Im Moment haben sie von Auswanderung und Neuanfang erst einmal genug.
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