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11. November 2016

IGS Süd Frankfurt: Selbst sind die Schüler

 Von 
Die Schüler an der IGS Süd lernen viel miteinander.  Foto: christoph boeckheler*

An der neuen IGS Süd entscheiden die Schüler über den Unterricht, Noten gibt es nicht. Die Kinder finden es „krass cool“, die Eltern gewöhnungsbedürftig.

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Früher, das ist für Paula die Grundschulzeit. Und die ist für sie nun vier Monate her. „Und früher“, sagt die Zehnjährige, „da hab ich voll Stress gehabt.“ Mit Hausaufgaben und so. Mit Noten. Mit Klassenarbeiten. Doch seit dem Sommer geht sie auf die IGS Süd – und seitdem ist für sie vieles anders. Denn an der Integrierten Gesamtschule in Sachsenhausen läuft der Schulalltag nicht so, wie ihn die meisten Kinder kennen. „Es ist krass cool anders“, sagt Paula während sie an der Nähmaschine im Werkstattraum ein Mäppchen in Mäuseform zusammennäht. „Hier sagen alle zum Beispiel: ‚Juchhu, ich kann morgen eine Mathearbeit schreiben.’“

Kinder, die freiwillig eine Mathearbeit schreiben. Mit Freude. Da muss wohl irgendetwas anders laufen in dieser Schule. Aber genau damit hatte die neue IGS Süd im vergangenen Schuljahr auch um Kinder geworben. Mit einem pädagogischen Konzept, das es so in Frankfurt noch nicht gibt. Mit Schule ohne Noten, mit jahrgangsgemischtem Unterricht, mit fächerübergreifendem Lernen. Mit Wertschätzung und Kompetenzen, mit Begeisterung und selbstorganisiertem Lernen. „Es geht auch darum, was Kinder brauchen, um mit der Globalisierung gut umzugehen“, sagt Silke Henningsen, die mit Schulleitungsaufgaben betraut ist.

In der Werkstatt werden Kissen und Mäppchen genäht.  Foto: christoph boeckheler*

Und so sieht der Stundenplan für die Fünftklässler nicht wie in einer normalen Schule aus. Die Fächer heißen Werkstatt, Studierzeit, Fachbüro, Projekt. Dahinter verbergen sich die klassischen Fächer, im Projekt Leben gehen etwa die Stunden von Naturwissenschaften, Gesellschaftslehre, Ethik und Religion ein. An diesem Morgen sitzt Josephine im Fachbüro Deutsch. Sie hätte sich auch für das Fachbüro Mathe oder Englisch entscheiden können. „Das überlege ich mir jeden Tag auf dem Weg zur Schule mit meiner Freundin“, erzählt sie. Manchmal entscheidet sie sich für ein Fach, das sie gut kann. Manchmal für eines, in dem sie noch nicht so weit ist. „Jetzt musst du heute Mathe machen, ist doch blöd. Hier kann ich mir das aussuchen.“

Im Fachbüro geht es turbulent zu. Kinder sitzen an Tischen, die an den Wänden entlang aufgestellt sind. Oder sie laufen durch den Raum. Sie reden, sie rufen, sie lachen, sie trinken Tee. Und ja, sie arbeiten dabei. Miteinander. Sie tauschen sich aus. Oder brüten auch alleine über einer Aufgabe. „Die Situation hat viel Ähnlichkeit mit Startup-Inkubatoren“, sagt Christoph Herrmann vom Förderverein der IGS Süd, dessen Tochter auf die Schule geht. Also mit Brutstätten, für Firmengründer, in denen sie Nährboden und Nestwärme finden, um zu Unternehmern zu reifen.

Die Geräuschekulisse ist hoch im Fachbüro. Stimmen, Schritte, Rufe. „Manchmal ist es ein bisschen laut zum Arbeiten“, sagt Josephine. Aber dann hilft der Griff in die Kiste mit den roten Kopfhörern. Solche wie sie Bauarbeiter als Gehörschutz tragen. „Die kann man nehmen, wenn man mal für sich sein will, mal Ruhe braucht“, erklärt Henningsen. Oder das Kind geht von vornherein in den Silentium-Raum. Ins Ruhezimmer. „Aber da muss man flüstern“, sagt Lilly. Findet sie nicht so gut. Dann hätte sie ja schlecht ihre Aufgabe an diesem Tag mit jemand anderem erörtern können: Was macht dich selbst besonders? „Meine Freundin hat gesagt, ich sei klein, süß, witzig und lache super“, sagt Lilly. Und das hat sie dann auch als Antwort auf die Frage im Lernbaustein aufgeschrieben.

Lernbausteine, sie sind die Grundlage in den Fachbüros. Themenhefte, die die Kinder durcharbeiten. In Deutsch können sie sich aussuchen, ob sie sich etwa zuerst mit Lyrik oder Geschichten, Buchvorstellung oder Märchen beschäftigen. Einen „didaktischen Schatz“ nennt Henningsen diese Lernbausteine. Denn jedes Kind arbeitet in seinem eigenen Tempo den Baustein durch. „Keines geht mehr mit Lücken weiter“, sagt Henningsen.

So wie normalerweise etwa bei der Bruchrechnung: „Wenn es zum nächsten Mathe-Thema geht, dann haben sich die einen Schüler schon gelangweilt, die anderen es noch nicht kapiert“, sagt Henningsen. An der IGS Süd schließt jeder sein Thema ab, wenn er soweit ist. Und wenn das Heft durch ist, kann er sich zum Test anmelden. Zur Mathearbeit etwa.

„Vorher macht man aber noch einen Checkout“, erklärt Lilly. Heißt: Die Schüler überprüfen sich, ob sie alles können. „Man kann dann auch erst nochmal üben – aber irgendwann hat man Lust, den Test zu machen.“ Und dann fragen sie: „Kann ich bitte eine Mathearbeit schreiben?“ Paula findet es einfach toll, dass „wir Entscheidungen selbst treffen, die sonst immer die Lehrer getroffen haben“.

Es ist viel Selbstverantwortung, die die Kinder an der IGS Süd tragen. Für die Eltern manchmal nicht einfach. „Es gab immer die Bedenken, ob sie zu faul sind und nie eine Mathearbeit schreiben wollen“, sagt Herrmann. Er sei überrascht gewesen, wie schnell das aber nun funktioniert habe – und die Kinder zudem zu Hause total entspannt seien. „Eltern müssen vor allem lernen, loszulassen und zu vertrauen.“

An der IGS Süd ist Kreativität gefragt.  Foto: christoph boeckheler*

Denn es ist ja nicht so, dass es gar keine Vorgaben für die Schüler gibt. 18 Tests müssen sie im Jahr schreiben. Einmal die Woche Englisch ist Pflicht, weil da „die Didaktik Kontinuität verlangt “, sagt Henningsen. Möglichst auch einmal Mathe und einmal Deutsch sollte in der Woche gemacht werden. „Aber wenn sich einer gerade in Mathe verbeißt und vielleicht sogar zum ersten Mal da Erfolgserlebnisse hat, dann kann er das auch eine Weile am Stück machen.“ Und dann später intensiver im Fachbüro Deutsch lernen.

Jeden Tag müssen die Kinder in ein Buch schreiben, was sie erledigt haben. „So sehen wir, wo die Schüler sind“, sagt Henningsen. „Wir behalten als Lernbegleiter den Überblick.“ Sie spricht nicht von Lehrern. An der IGS Süd sind sie die Lernbegleiter der Kinder. Am Ende der Woche gibt es die Studierzeit. Da sprechen die Lernbegleiter einzeln mit den Kindern: Was wurde in der Woche gemacht, was sind die Ziele für die nächste Woche? Und da wird dann auch nachgefragt, wenn ein Kind keinmal im Fachbüro Mathe war.

Jahrgangsübergreifend kann die Schule noch nicht arbeiten, sind ja bisher nur die fünften Klassen da. Noten muss die Schule ebenfalls noch geben, auch wenn sie das eigentlich nicht will. Aber diese Dinge müssen alle erst noch formal geregelt werden. Die Noten werden so lange zwar gegeben, „aber wir halten sie unter Verschluss“, sagt Henningsen. Die Kinder bekommen stattdessen Zertifikate. Da könnte dann etwa beim Mathe-Lernbaustein „Größen“ drinstehen: Du kannst die verschiedenen Längeneinheiten benennen. Und: Du hast geübt in Größen zu rechnen – hierin bist du noch nicht ganz sicher, übe das bitte weiter.

Die Zertifikate kommen bei den Kindern gut an. „Ich hatte früher eine Vier in Mathe, das sah echt scheiße im Zeugnis aus“, sagt Philipp. „Ein Zertifikat sieht viel besser aus und ich mache deswegen jetzt auch mehr Mathe.“ Und Paula findet, sie wisse jetzt viel besser, was sie kann. „Worin ich genau gut bin, was ich noch üben muss.“

Nur die Eltern, die müssen sich erst an das Fehlen der Noten gewöhnen. „Emotional ist das ohne Noten erstmal wie ein VHS-Kurs-Zertifikat“, sagt Herrmann. Aber er erlebt, wie seine Tochter viel mehr Experimentierfreude entwickelt, Selbstbewusstsein aufbaut, motiviert ist. „Das klappt hier alles ziemlich gut, die Kinder bekommen den Kopf richtig geöffnet, das ist klasse.“ Nicht nur in den Werkstätten bei Kunst, Nähen, Musik, Tanz. Auch wenn sie sich im Projekt Leben mit ihrem Stadtteil auseinandersetzen und Sachsenhäuser interviewen, was ihnen im Quartier gefällt, was fehlt. Oder wenn Herrmanns Tochter selbständig Bewerbungen schreibt und Vorstellungsgespräche führt, um im Projekt Verantwortung die Hausaufgabenbetreuung in einem Hort übernehmen zu können. Lernen, das soll in der IGS Süd ganz nah am Leben dran sein.

Aber klar, es ist eine neue Schule. Mit einem neuen Konzept. Und da holpert auch hier und dort noch etwas, die Pädagogik ist in der Entwicklung. Alle Lernbausteine sind noch nicht fertig, „manchmal wissen wir nicht, was eigentlich der nächste Schritt sein wird“, sagt Henningsen. Soll das Wissen mehr auf dem Brettchen serviert werden? Oder sollen es die Kinder mit noch mehr eigenem Schweiß erarbeiten? „Aber dann gucken wir uns die Kinder an um zu sehen, was sie zum Weitermachen brauchen.“ Und dann wissen die acht Lehrer, wie es für ihre 108 Schüler weitergehen soll. Für Herrmann stellt sich dennoch immer mal die Frage, wie einzelne Kinder noch mehr „gefordert und gefördert werden können. Das ist schon eine Herausforderung“. Denn eigentlich bräuchte es dazu mehr Lehrer.

Auch die Räume im Altbau an der Textorstraße passen noch nicht zum modernen Konzept. Noch teilt sich die Schule das Gebäude mit Grundschülern, langfristig soll sie auch die Häuser der Schwanthaler- und der Holbeinschule übernehmen. Gemeinsam mit Experten entwickelt die Schulgemeinde gerade Ideen, wie das Gebäude einer Schule der Vergangenheit an ihr Konzept der Zukunft angepasst werden kann. Für diesen Planungsprozess gab es 100 000 Euro von der Montag-Stiftung. Damit das Gebäude den Erfordernissen gerecht wird. An der IGS Süd brauchen sie etwa gemütliche Ecken und Nischen zum Arbeiten. In Projektphasen muss aber Platz für ein Plenum sein. „Einen Raum nur für eine Sache zu nutzen, ist Schnee von gestern“, sagt Henningsen. Bis zum Frühjahr wird nun eine Grundlage geschaffen, auf der dann Architekten das Gebäude umplanen und umbauen können.

An der Wand im Schulflur hängen Fotos der IGS-Süd-Familien. Jede hält eine Sprechblase aus Papier in die Höhe. „Yippieh IGS Süd“, steht bei manchen drauf. Oder: „Ich bin dabei“. Einige halten aber auch eine Sprechblase mit „Bibber“, „Hoffentlich wird’s gut“ oder „???“ in die Kamera. Es sind Fotos, die einige Monate alt sind. Seitdem hat sich viel getan.

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