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Sexismus und der Fall Brüderle
Rainer Brüderle steht nach Aussagen der Stern-Autorin Laura Himmelreich in der Kritik. Der Fall stößt eine Debatte an über alltäglichen Sexismus.

24. Januar 2013

Sexismus-Vorwurf gegen Rainer Brüderle: Dummes Geschwätz und armselige Zoten

 Von Katja Tichomirowa
Hat Rainer Brüderle eine Reporterin bedrängt? Foto: dpa/Christian Charisius

"Politiker verfallen doch alle Journalistinnen", soll der neuerkorene FDP-Spitzenmann Rainer Brüderle zu einer Reporterin gesagt haben. Doch warum erzählt die "Stern"-Journalistin ihre Geschichte eigentlich erst ein Jahr später?

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Es ist nicht immer angenehm, 29 Jahre alt zu sein, eine Frau und Politikjournalistin, schreibt die "Stern"-Reporterin Laura Himmelreich in der jüngsten Ausgabe des Magazins. Ja, so ist es wohl. Wo ältere, ranghöhere Männer auf jüngere Frauen treffen, kann es unangenehm werden, sofern es sich um Männer handelt, die sich für unwiderstehlich halten und um Frauen, die diesen Situationen nicht gewachsen sind.

In der Regel sind jüngere Frauen das nicht, noch nicht. Eben deshalb sind ältere Männer, wie der von Himmelreich beschriebene FDP-Fraktionsvorsitzende  Rainer Brüderle, „Experten“ für diese Altersklasse. Sie dürfen sich dafür halten, so lange der Herrenwitz noch nicht ausgestorben ist und jede Veranstaltung, auf der sie sich als Politiker oder Manager spreizen, noch von Hostessen begleitet wird. Mit Frauen dieses Alters kenne er sich aus, sagt Brüderle.

Desavouierung als Ziel

Der Stern offenbar auch, denn um das Phänomen geht es in diesem Artikel ebenso wenig, wie um die unangenehmen Erfahrungen, die sich für Frauen damit verbinden. Es geht darum, den eben ernannten Spitzenkandidaten der FDP zu desavouieren. Das wäre an sich nicht ärgerlich, würde es nicht ein weiteres Mal auf Kosten der Frau geschehen, deren Herabwürdigung der Artikel so wortreich beklagt.

Mehr dazu

Die Autorin jedenfalls ist dazu angehalten worden, über das Nichtzustandekommen eines „professionellen Gesprächs“ an einer Hotelbar in einer Weise zu berichten, die ihre eigene Professionalität in Frage stellt. Betroffenheitsjournalismus, aufgemotzt mit dem dummen Geschwätz und den armseligen Zoten eines alternden Politikers.

Dass die Geschichte noch ein Jahr abhängen musste, bis sich die Empörung Bahn brechen durfte, ist von eben solcher Peinlichkeit.

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Spezial

Rainer Brüderle steht in der Kritik, seit Stern-Autorin Laura Himmelreich ein Treffen mit dem Vorsitzenden der FDP-Bundestagsfraktion beschreibt. Der Fall stößt eine Debatte an über alltäglichen Sexismus.

Sexismus-Debatte

 

Ist Sexismus ein Problem?

Der Fall Brüderle hat eine Sexismus-Debatte in Deutschland entfacht - was meinen Sie: Ist Sexismus auch nach den Kämpfen der Frauen-Emanzipation noch ein Problem?

Ja, es behindert die Gleichstellung der Geschlechter.
Ja, aber das ist eine Generationenfrage und hört bald auf.
Nein, die Debatte ist reine Hysterie.
Nein, es gibt wichtigere Themen für die Gesellschaft.
Weiß nicht, bin nicht betroffen.
Leitartikel zur Sexismus-Debatte
Frauen protestieren gegen Sexismus.

Alle sollten sich trauen zu reden wie Laura Himmelreich. Je öffentlicher das Thema Sexismus ist, desto öffentlicher sind die Taten.

Sexismus

Auf Twitter brechen Menschen das Schweigen aus Scham und Hilflosigkeit über sexistische Erlebnisse. Unter dem Hashtag #Aufschrei schildern sie ihre Erfahrungen. Den Anfang machte Anne Wizorek alias @marthadear.

Presseschau
Eine "Stern"-Journalisten erhebt Sexismus-Vorwürfe gegen FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle.

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