Eigentlich geht es gar nicht um die Briefmarke, sagt Hansmichael Krug. „Die Marke selbst erzählt wenig.“ Es geht um Stempel und Schifffahrtsrouten, um Währungsreformen, Inflation – also um den Kontext „dieser kleinen Papierfetzen“, erzählt der Berufs- und Freizeit-Philatelist Krug. Auch Joachim Bernhöft fasziniert der historische Hintergrund von Postwertzeichen, denn eigentlich, witzelt er, „sammeln wir nur postalisch gebrauchtes und ungebrauchtes Altpapier“ – dessen Farbe Bernhöft beruflich prüft.
Und Auktionshaus-Chef Dieter Michelson sagt: „Die Leute kaufen Produkte, die eine Geschichte erzählen. Sie kaufen eine Reise in die Geschichte.“ Warum wurde der Brief geschrieben, wer ist die Person auf der Marke, was hat sie geleistet – das seien Fragen, die Sammler leiteten.
Krug, Bernhöft und Michelson sind jeder auf seine Art Experten auf dem Gebiet der Philatelie, also der Briefmarkenkunde, das gerne als aussterbendes Altherren-Hobby belächelt wird, tatsächlich aber ein Markt ist, auf dem manchmal sehr viel Geld und fast immer sehr viel Wissen und Liebe zum Detail umgesetzt wird.
Kleiner, aber stabiler Markt
Dieter Michelson ist Geschäftsführer von Deutschlands ältestem Briefmarken-Auktionshaus Heinrich Köhler in Wiesbaden. Vor einigen Wochen übernahm er mit Mitgeschäftsführer Karl Louis und einem nicht namentlich genannten Investor das Traditionsunternehmen, das zuvor einige Jahre einem amerikanischen Konzern gehörte. Während vielen Vereinen die Mitglieder wegsterben, ist die Philatelie laut Michelson „ein kleiner, aber stabiler Markt“.
Das Wiesbadener Unternehmen verkauft jährlich Zigtausende Marken an Philatelisten aus aller Welt. Es stimme, dass die Philatelie „immer schon ein Hobby älterer Menschen“ gewesen sei, sagt er. Heute recherchierten Käufer aber ganz modern in der Online-Datenbank des Auktionshauses. Den Rekordpreis erzielte 1985 der Fehldruck einer Baden-Marke: 2,3 Millionen D-Mark. Mittlerweile gebe es große Preissprünge weniger auf dem deutschen als auf dem internationalen Markt, sagt Michelson, etwa in China, dessen Sammler vor wenigen Jahren die Philatelie für sich zu entdecken begannen. „Der Rote Affe von 1980 zum Beispiel“, beschreibt Michelson eine chinesische Marke, „hat damals 40 Pfennig gekostet. Heute liegt sie bei rund 800 Euro.“
Auch Hansmichael Krug sagt: „Wer chinesische Marken gesammelt hat, der ist jetzt richtig reich.“ Als gezielte Wertanlage würde er Briefmarken dennoch nicht empfehlen, das sei „sehr unsicher. Auch die seltenste Marke ist nichts wert, wenn sie gerade niemand haben will.“ Während Joachim Bernhöft sein Hobby zum Beruf gemacht hat und in einem eng umgrenzten Spezialgebiet „per Augenschein“ Farbwerte von Marken des Alliierten Kontrollrats prüft, ist Hansmichael Krug beruflich wie ehrenamtlich ein wahrer Tausendsassa der Frankfurter Philatelie.
In seiner Freizeit ist er Archivar in der Rödelheimer Phila-Bibliothek, der deutschlandweit größten, ehrenamtlich geführten Spezialbibliothek für Philatelie, betrieben vom Verein für Briefmarkenkunde 1878. Längst gehe es hier nicht mehr um simplen Marken-Tausch, sagt Krug, der auch Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Frankfurter Briefmarkenvereine ist. Stattdessen organisiert er monatliche Expertenvorträge. Für seine eigene, akribisch recherchierte Sammlung, die dokumentiert, auf welchen Wegen Briefe in den 1870er Jahren von Deutschland in die USA gelangten, gewann er bei einer Wettbewerbsausstellung Großgold.
Als Berufsphilatelist bewertet der studierte Chemiker für das Auktionshaus Heinrich Köhler Exponate auf Seltenheit und Echtheit und ordnet sie postgeschichtlich ein. „Ich muss quasi alle Marken kennen, die es gibt“, sagt der 64-Jährige – und Druckverfahren, chinesische Schriftzeichen, Zahlensysteme oder Geschichtsfakten.
Für sein Spezial-Sammelgebiet, die 30 „Brustschilde“ aus dem Deutschen Reich, ist er zudem Verbandsprüfer des Bunds der philatelistischen Prüfer. Hier erkenne er oft am Klang des Papiers, ob eine Marke echt sei.
Manchmal müsse er auch bis zu fünf Stunden darauf verwenden, einer Fälschung auf die Schliche zu kommen. Er habe schon Post mit einem Schätzwert von 200000 Euro auf den Tisch bekommen – sie als wertlos gestempelt und im Einschreiben zurück an den Absender geschickt. „Damit macht man sich nicht nur Freunde“, sagt er.
Auf den Wert alleine komme es aber ohnehin nicht an, sind sich alle drei Experten einig – sondern auf den Spaß an historischer Spurensuche. Für eine gut komponierte Sammlung sei es letztlich auch egal, wie viel Geld man zur Verfügung habe, sagt Hansmichael Krug. „Wenn Sie etwa Feldpost aus dem Tschad sammeln, ist die vielleicht schwierig zu finden, aber günstig. Die sammelt sonst keiner.“

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