Trost ist das beste Geschenk zu einem 41. Geburtstag. Jedenfalls für Greenberg, den von Ben Stiller gespielten Lebensverweigerer in Noah Baumbachs gleichnamiger Komödie. So versucht es dann auch der Freund und einzige Partygast des passionierten Pessimisten mit einem altbewährten Sophismus: "Ist ja doch schade, dass die Jugend an die Jugend verschwendet wird." - "Das Problem ist wohl eher, dass das Leben an die Menschen verschwendet wird", donnert es zurück.
Den gelangweilten Göttern der Antike wäre diese Weltsicht aus der Seele gesprochen, und wie nur wenige Komödienerzähler erreicht der Amerikaner Noah Baumbach in seinen Filmen den gleichen klärenden Abstand. Mit "Greenberg" hat der Berlinale-Wettbewerb schon am dritten Tag ein Meisterwerk zu bieten.
Baumbachs Filme sind derart voll von bitterer Lebensweisheit, dass man schon auf das Plakat seines Debüts "Kicking and Screaming" von 1995 kein Bild gedruckt hat, sondern die schönsten Dialoge. "Greenberg" und "Baumbach", das klingt ähnlich, und Ben Stiller in der Hauptrolle gleicht dem Regisseur zum Verwechseln: Zweifellos ist dieses großartige Plädoyer für Erfolgsverweigerung in Los Angeles auch eine Art Autobiographie.
Leider kann man sich Erfolglosigkeit in dieser Stadt nur leisten, wenn man wenigstens ein paar Menschen kennt, die Erfolg haben. So wie man sich dort ja auch nur fortbewegen kann, wenn man Leute kennt, die wissen, wie man Auto fährt. So haust Greenberg für ein paar Wochen im schicken Haus seines erfolgreicheren Bruders und verbringt seine Zeit mit dem Verfassen berechtigter Beschwerdebriefe an beutelschneiderische Firmen wie Starbucks. Trotz seiner beschränkten Unternehmungslust macht er die Bekanntschaft überraschend vieler liebenswürdiger Menschen. Die Studentin, die zum Hundeausführen kommt, verliebt sich sogar in Greenberg, aber das ist schmerzhaft. Denn dessen Sarkasmus ist so amüsant wie verletzend.
Es gibt sicher keinen zweiten Filmemacher, den man wie Noah Baumbach zum legitimen Nachfolger Woody Allens erklären könnte. Niemand sonst kann Dialoge schreiben, die nicht nur auf wahrhaftige Art ironisch sind, sondern einen tiefen Nachhall in der Wirklichkeit hinterlassen. Nur würde sich Baumbach nie aufraffen können, wie Allen ohne Unterlass zu produzieren.
Auch auf Martin Scorseses Filme muss man lange warten. Sein Psychothriller "Shutter Island" lag schon einige Zeit fertig in einem Studioregal, doch vielleicht schien den Beteiligten ja Berlin der ideale Ort für eine Weltpremiere. Immerhin zitiert Scorseses Schreckensszenario über die Erlebnisse eines Ermittlers in einer Nervenklinik den stilbildenden deutschen Stummfilmklassiker "Das Cabinet des Dr. Caligari". In der anschließenden Pressekonferenz kämpft Scorsese auf verlorenem Posten, wenn er mit strahlenden Augen von weiteren Filmen schwärmt, die ihn inspirierten, ganz besonders die esoterischen Horrorfilme Jacques Tourneurs.
Im Jahre 1954 nähert sich eine Fähre einer unheimlichen Festungsinsel. Ein junger US-Mar-shal (Leonardo DiCaprio) wagt sich mit einem Kollegen hinter die meterdicken Mauern einer Irrenanstalt so finster wie Böcklins Toteninsel. Eine Insassin soll geflohen sein, von ihr fehlt jede Spur. Bald aber wird klar: der Ermittler nutzt nur die Gelegenheit, um ein eigenes Trauma anzugehen, das mit dem gewaltsamen Tod seiner Frau zu tun hat. Keine Frage, verrückt sind hier viele, auch der von Max von Sydow gespielte deutsche Psychiater ist nicht geheuer.
Virtuos zieht Scorsese alle Register des psychologischen Horrors, allein die Filmarchitektur ist von hinreißender Bildhaftigkeit: Verlies und Leuchturm bebildern Freuds Theorien über das Unbewusste. Der Soundtrack besteht aus Klassikern der Neuen Musik von John Cage, Scelsi, Ligeti und Penderecki - einem Repertoire, das sich seit Kubricks "Shining" bestens bewährt hat, allen erdenklichen Irrsinn zu vertonen.
Doch leider lässt Scorsese viel zu früh die Pointe aus dem Sack und erklärt den ganzen schönen Zauber mit der Vision eines einzelnen Verrückten. Das war ja schon das Problem von Robert Wienes Klassiker "Das Cabinet des Dr. Caligari", und man kann nur den Filmkritikern von 1920 Recht geben in ihrem Bedauern darüber, dass der ganze expressionistische Kunstzauber als Vision eines Irren erklärt wird. So lässt Scorsese seinen schön und beziehungsreich geträumten Traum leichtfertig zerplatzen.