Frankfurter Rundschau: Wie steht Kelsterbach heute zum Flughafenausbau?
Erhard Engisch: Seit 1998 hat sich überhaupt nichts verändert. Damals hat das Stadtparlament in einer einstimmig gefassten Resolution definiert, dass der Ausbau des Rhein-Main-Flughafens an seinem Standort aus vielerlei Gründen nicht möglich ist. Damals war - ich will daran erinnern - die Ausbauvariante Nordwest noch gar nicht bekannt. Im Ballungsgebiet ist die Belastung an der Grenze angelangt, so dass den Bürgern zusätzliche Belastungen nicht mehr zumutbar sind.
Warum sind Sie gegen den Ausbau?
Kelsterbach ist - anders als andere Städte - nicht an den Flughafen herangewachsen, sondern der Flughafen hat sich ständig in Richtung Kelsterbach entwickelt. Wir haben in unserem Stadtgebiet relativ wenig Fluglärm. Bodenlärm ist es, was uns in der Vergangenheit und ich befürchte künftig noch mehr durch die neue Landebahn stören wird. Wenn Flugzeuge von dort aus eigener Kraft in zwölf Metern Höhe über eine neue Brücke über Autobahn und Schnellbahntrasse hinüberfahren, wird die Belastung durch Bodenlärm immens sein in der Stadtmitte und für Wohngebiete im Süden - in einem Abstand von 400 bis 600 Metern.
Sind Ihre Fragen zum Bodenlärm inzwischen zufrieden stellend beantwortet?
Nein, keineswegs. Wir haben ein einziges Gutachten hierzu zu Gesicht bekommen - aus dem Raumordnungsverfahren. Das hat viele Schwachstellen und ist fehlerhaft, so dass wir es als unbrauchbar ansehen.
Warum ist das Thema Bodenlärm aus Kelsterbacher Sicht so wichtig?
Wir befürchten, dass uminterpretiert wird, was Bodenlärm ist. Plötzlich ist jetzt die Rede von Rolllärm und von Bodenlärm. Das ist eine Unterscheidung, die wir nicht nachvollziehen können. Es ist genau definiert, wann Fluglärm entsteht, nämlich mit dem Abheben von der Startbahn und mit dem Ausrollen auf einer Landebahn. Dann ist der Fluglärm zu Ende. Alles, was das Flugzeug am Boden verursacht, ist nach unserer Definition Bodenlärm. Und das trifft auch zu, wenn man die Piste entlang und über die Brücke zum Flughafen hinüberrollt. Wäre das Fluglärm, dann wäre dies für die Fraport sehr viel günstiger. Dies wird dann in die 24-stündige Fluglärmbelastung eingerechnet und wahrscheinlich statistisch so dargestellt, dass nicht viel Lärm herrscht.
Was bedeutet es für den Wald, wenn die Landebahn Nordwest gebaut würde?
Der Rest Kelsterbacher Wald würde inmitten auseinander geschnitten. Jeder Fachmann sagt uns, dass der Restwald, der links und rechts der Landebahn liegt, seine Waldfunktion nicht mehr erfüllen kann.
Was bedeutet die Lage des Ticona-Werks aus Ihrer Sicht für die Ausbaupläne?
Die Beeinträchtigungen sind vielfältig. Zum einen blicken wir seit 40 Jahren auf ein Unternehmen zurück, das in Kelsterbach für Arbeitsplätze gesorgt hat, ein Wirtschaftsfaktor und guter Steuerzahler war und ist. So steht zu befürchten, dass durch die neue Landebahn Ticona veranlasst werden könnte, die Betriebsstätte zu verlegen. Das ist der eine Aspekt, die Arbeitsplätze - aber das andere ist die Sicherheit.
Wo drückt Sie da besonders der Schuh? Wer die Nachbarschaft der Ticona kennt, weiß um die Synergieeffekte, falls es zu einem Unglücksfall kommt. Wir wissen durch bruchstückhafte Veröffentlichungen von Gutachten und die Störfallkommission, dass die Risiken zwar unterschiedlich eingeschätzt werden, aber dass ein Risiko besteht. In meinem Erleben - ich bin 57 Jahre alt - gab es in und um Kelsterbach fünf Flugzeugabstürze. Deshalb fürchte ich, dass ein störfallverordneter Betrieb eine große Gefahrenlage darstellt.
Was haben Caltex und Flughafenausbau miteinander zu tun?
Raunheim und Kelsterbach denken seit mehr als zehn Jahren über die sinnvolle Wiederverwendung des Caltex-Geländes nach. Hieran bestand auch immer landespolitisches Interesse. Deshalb haben wir dort ein Dienstleistungszentrum und Güterverkehrszentum vorgesehen und das in Bebauungspläne umgesetzt - bevor der Flughafen in seine Erweiterungsverfahren ging. Auf diese zeitliche Feststellung lege ich Wert.
Wie ist der aktuelle Stand der Dinge?
Insbesondere durch Maßnahmen, die die Landesregierung zu vertreten hat, ist die Bebauung des Caltex-Geländes im Moment unmöglich gemacht. Ich erinnere an die Verschwenkung der B 43, die die Landesverwaltung nicht zulässt. Wir warten jetzt auf die Normenkontrollklage vor dem Verwaltungsgericht, um Baurecht umsetzen zu können.
Befürchten Sie durch den Flughafenausbau eine neue Eingemeindungsdiskussion?
Kelsterbach hat in den siebziger Jahren seine Selbstständigkeit behalten, weil es sein Flughafengelände an Frankfurt abgetreten hat und dem Umlandverband beigetreten ist. Jetzt lebt eine neue Regionaldiskussion auf. Die Scharnierfunktion des Kreises Groß-Gerau zwischen Ballungsraum Rhein-Main und Starkenburg wird nicht an den Toren des Flughafens stattfinden. Stellen Sie sich vor, die Nordwestbahn würde gebaut und Kelsterbach sagt, wir gehen mit dem Kreis Groß-Gerau nach Starkenburg. Dann würde die neue Bahn in der Region Starkenburg und die Infrastruktur dafür in der Rhein-Main-Region liegen.
Welche Alternativen würden Sie der Landesregierung und Fraport empfehlen?
Es gibt sicherlich andere Systeme, als die, die man jetzt im dicht besiedelten Rhein-Main-Gebiet den Bürgern zumuten will. Der Flughafen ist mit der neuen Landebahn - wo auch immer sie entsteht - nur zukunftsfähig bis zum Jahr 2015. Da muss man sich doch jetzt schon fragen, was danach passiert. Macht es da volkswirtschaftlich Sinn, dass man 3,3 Milliarden plus möglicherweise Entschädigungszahlungen in Kauf nimmt und an dem Standort mit Gewalt etwas macht, was den Flughafen nur auf 10 Jahre sichert? Oder muss man sich nicht Gedanken machen, wie in anderen europäischen Metropolen - einen oder mehrere Satellitenflughäfen einzurichten. Das beste Beispiel ist Hahn, dass das funktionieren kann. Wenn man Hahn entsprechend fit macht und ausbaut, könnte dies eine enorme Entlastung darstellen für den Frankfurter Flughafen.
Dossier: Wächst der Flughafen weiter?

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