Abenteuerlustig hat sich in Salzburg ein großes Theaterteam in das Meer eines alten Stoffes gewagt. Aber der Stoff hat sich als zu groß erwiesen. Je länger der dreistündige Abend dauerte, desto tiefer versank die Aufführung im unübersehbaren Material, bis kaum mehr etwas von ihr übrig blieb.
"Judith" ist ein apokryphes Buch des Alten Testaments. Die ebenso fromme wie schöne Witwe schlägt dem bezauberten Holofernes, Feldherr des Königs Nebukadnezar, in seinem Zelt den Kopf ab. Damit rettet sie ihr, das auserwählte Volk. Den Autor dieses Textes dürfte vor allem die Frage interessiert haben, wie Gottes Volk sich verhalten muss, um sich gegen die übermächtigen heidnischen Nachbarn zu behaupten. In diesem Sinn ist "Judith" ein Lehrstück über Gottergebenheit als Kriegstugend.
In der Aufführung blieb diese erste Stoffebene präsent, die biblischen Texte wurden durch ein vierköpfigen Vokalistenchor als schöner rappig-barocker Sprechgesang vorgetragen und wirkten unmittelbar modern. Die Nachwelt aber interessierte sich weniger für das glaubensfeste Lehrstück. Antonio Vivaldi vertonte "Judith" in einem Auftragswerk für die Stadt Venedig als Krieg zwischen Christenheit und dem Morgenland, strahlende Musik, geschrieben in propagandistischer Absicht.
In der Aufführung wurden daraus die schönsten Passagen. Die Mezzosopranistin Tajana Raj war eine von drei Judith-Figuren, wie ein schwarzer Smaragd sang sie von der Seelenbefindlichkeit der einsamen Frau, "in somno profundo", auch in der Aufführung meist ganz für sich allein, wie in einem tiefen, schönen Schlaf wandelnd.
Dazu kamen von Vivaldi der Bariton Matias Tosi und der Countertenor Daniel Gloger, der vor allem Botentexte oder berichtende Passagen vortrug, der in dieser Aufführung aber erstaunlicherweise die gar nicht so heimliche Hauptfigur wurde. Er spielte in einem riesigen, schwarzen Reifrock, so groß, dass aus ihm auch der Bibel-Chor hervorkommen konnte. Diese statische, ausladende, geschlechtsverwischte Figur passte in die barocke Bildwelt.
Von Friedrich Hebbel stammt dann die vielschichtigste Bearbeitung des Judith-Stoffs. Seine Judith von 1840 zweifelt an sich selbst, weil sie sich in den gehassten Holofernes verliebt und sich am Ende nicht glaubt, dass sie die Tat, das Abschlagen des Kopfes, aus selbstlosen Motiven getan hat. Heute könnte man in diesem Text auch eine Selbsterforschung Hebbels sehen: Warum ist der Mann der Verführungskraft der Frau so rettungslos ausgeliefert? Die unergründliche Femme fatale deutet sich in der psychologischen Lesart an.
Stephanie Schönfeld verkörpert diese, die zweite Judith im grünen, bodenlangen Kleid, bei dem einem sofort das Wort "Mägdelein" in den Sinn kommt, "die Frau ist ein Nichts", sagt sie und spielt auch so klar, treu und hellblond. Trotzdem verwischt diese Judith in der Aufführung, kammerspielartige Selbstbefragungen finden in dieser Flut lebender Bilder keinen Platz.
Dagegen behauptet sich die resolute Performerin Anne Tismer im Bühnenmeer mühe- allerdings auch sinnlos. Sie ist die heutige Judith und beginnt fasziniert von einer fünfzehnjährigen Londoner Wochenendprostituierten. Auch später geht es oft um Entwürdigung durch Ficken, vorne rein, hinten rein. Tismer hat sich diese Texte selbst geschrieben. Vielleicht weiß sie auch, was sie hier verloren haben.
Natürlich gräbt Holofernes den Juden das Wasser ab, um sie auszudürsten, natürlich ist Wasser als wichtigste und knapp werdende Ressource ein aktuelles Thema, aber warum muss Frau Tismer uns als Anklage fünf Minuten lang das um die Ohren hauen, was über die ungerechte Verteilung von Wasser in jeder Zeitung steht? Und warum muss sie dazu Rad schlagen und Spagat machen? Der Aufführung des Regisseurs Sebastian Nübling fehlt da eine klare Entscheidung.
Man wohnt ausufernder Bildproduktion bei, von Sinnproduktion ist man dagegen weit entfernt und damit auch von der Befragung von Frauenbildern, um die es doch geht. Die einzelnen Schichten des Stoffs werden ihres Gehalts entkleidet, je länger das geht, desto ununterscheidbarer wird das graue Meer und desto unabweisbarer kommt einem das Wort "Programmhefttheater" in den Sinn.
Schwarz und mächtig ist die Bühne von Muriel Gerstner, als riesige Wand fährt sie bedrohlich nach vorne. Von Anfang an tragen die Schauspieler den abgeschlagenen Kopf von Holofernes mit sich, gegossen in rosafarbenem Wachs. Von fünf Männern wird er verkörpert, die mal martialisch rennen, dann mit rosa Kopf umherlaufen und dabei wie ein erigierter Penis oder ein farbverrutschter Fantomas aussehen.
Dazu spielen sie manchmal sehr laut Saxophon. Choreographisch-energetisches Theater, zusammengesetzt aus unterschiedlichen Stoffschichten und Theatersprachen, kein Wunder dass am Ende alles Barock wirkt, Judith-Material. Wenn dagegen die Töne in der Barockmusik, die Lars Wittershagen weitergeschrieben hat, verschmelzen, wenn Jazz barock wird, oder Barock jazzig, wenn gesungene Töne in ewig lange und schrille Einspieler übergehen, zeigt sich welche Kraft eine Verschmelzung haben könnte.