Im Herbst des Jahres 2004 kam das Polarmeer, um sich eine Insel zu holen. Mit unerbittlicher Wucht brandeten die eisigen Wellen über die Küste von Kivalina und setzten das flache Eiland unter Wasser. Es dauerte Tage, bis die rund 380 Bewohner wieder auf dem Trockenen standen. Es war so etwas wie die letzte Warnung. "Nicht mehr lange", sagt Gina Abatemarco, "dann wird Kivalina verschwunden sein." Ohne die Hilfe der Berlinale wäre sie vielleicht nie dorthin gekommen.
Im Sommer des Jahres 2008 kam Gina Abatemarco auf die Insel, um zu filmen, was bald nicht mehr da sein würde. Ganz oben im Nordwesten Kanadas, 130 Kilometer entfernt vom Polarkreis, traf die Frau aus New York freundliche Inupiat Eskimos, die von einem Leben in Angst berichteten. Sie sah das Meer, das sich bis auf zehn Meter an das Schulhaus von Kivalina vorgearbeitet hat. Sie stand vorne an der Küste, wo schwere, mit Steinen gefüllte Säcke eine notdürftige Mauer gegen die polare Brandung bilden. Seither hat Gina Abatemarco "eine Mission": Sie will mit filmischen Mitteln gegen den Klimawandel kämpfen.
Von New York nach Kivalina war es ein weiter Weg. "Ich bin eigentlich keine Ökotussi", sagt Abatemarco, eine hochgewachsene junge Frau von etwas verhuschtem Wesen. Nach ihrem Abschluss an der Filmschule der New York University befriedigte sie zunächst ihre Reiselust, lebte in Indien, Spanien, Frankreich und Bulgarien, wo sie 2005 als Assistentin des Regisseurs Brian De Palma an dem Film "The Black Dahlia" mitwirkte. Dass der Planet, den sie lustvoll bereiste, sich in diesen Jahren langsam, aber unaufhaltsam veränderte, nahm sie eher beiläufig zur Kenntnis. Bis sie 2007 auf einen Zeitungsartikel stieß, der den Überlebenskampf der Inupiat von Kivalina beschrieb.
"Das fand ich wirklich beängstigend", sagt Abatemarco. Sie nahm sich vor, bei nächster Gelegenheit Kivalina aufzusuchen. Kein ganz leichtes Unterfangen, und womöglich wäre ihr das nie gelungen, hätte ihr die Berlinale nicht die Chance dazu gegeben.
Vor sechs Jahren beschlossen die Macher der Internationalen Filmfestspiele, mit dem "Talent Campus" eine Nische für junge Filmemacher aus der ganzen Welt zu schaffen. Jedes Jahr im Februar treffen sich auf dem Campus des größten deutschen Filmfestivals Hunderte Nachwuchs-Talente. Im Rahmen einer einwöchigen Akademie tauschen sie sich untereinander aus und lernen die Tricks und Methoden internationaler Profis kennen. Dieses Jahr unter anderem dabei: der Kameramann Janusz Kaminski ("Schindlers Liste"), die Schauspielerin Julie Delpy, der Regisseur Stephen Frears.
Um den Nachwuchs-Filmern die Möglichkeit zu geben, auch miteinander in den Wettstreit zu treten, wurde zudem mit dem "Berlin Today Award" ein Kurzfilmwettbewerb geschaffen. Aus gegebenem Anlass stand der Award für 2009 unter dem Motto "My Wall". Fünf Finalisten machten sich auf das Thema ihren eigenen filmischen Reim. Die Filme sind am 15. Februar noch einmal öffentlich zu sehen. Die Libanesin Sabine El Chamaa lieferte mit "Promenade" eine poetische Fiktion zum permanenten Kriegszustand in Nahost. Der Brite Paul Cotter ließ einen Greis in Berlin eine neue Mauer errichten - nur diesmal zwischen Deutschen und Migranten. Markus Dietrich interpretierte mit "Teleportation" die Wende-Geschichte von 1989 neu. Und der Inder Supriyo Sen hat an der indisch-pakistanischen Grenze eine großartige Farce gedreht, an der freilich nichts erfunden ist. Sein Film "Wagah" gewann am Sonntag Abend den Preis.
Nummer Fünf im Reigen war Gina Abatemarcos "My Super Sea Wall". So nennt sie, nicht ohne Ironie, die Sandsackmauer, welche die Regierung an den Gestaden von Kivalina errichten ließ, um die angeblich zu teure Umsiedlung der Inselgemeinschaft zu vermeiden. "Ein Witz", findet Abatemarco, über den die Inupiat aber nicht lachen können. Vielleicht noch 15, vielleicht noch 20 Jahre, dann wird Kivalina ein neues Atlantis sein.
Mit ihrem Film, sagt die New Yorkerin wolle sie ähnlich wie Al Gore noch mehr Menschen für das Thema Klimawandel sensibilisieren. Bei ihr selbst sei das schon ganz gut gelungen: "Ich bin jetzt eine Ökotussi geworden."