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"Revanche": Die Hure, die Liebe und das Gewehr

Bilder, die die Schönheit und Tiefe des Gefühls nicht ausblenden: Götz Spielmanns beeindruckende "Revanche". Von Heike Kühn

Soll Liebe sein: Toni Slama und Irina Potapenko (als Tamara) in Revanche.
Soll Liebe sein: Toni Slama und Irina Potapenko (als Tamara) in "Revanche".
Foto: Verleih

Etwas Schweres fällt zu Beginn von Götz Spielmanns Film "Revanche" in einen See und schlägt Wellen. Was genau das stille Wasser aufrührt, das erfährt man erst am Ende des Films. Doch der Stein des Anstoßes macht die konzentrischen Kreise sichtbar, die jede Handlung nach sich zieht. Von der Mitte des Sees breiten sie sich zum Ufer aus, Signale einer (Ver)Störung, die beim Betrachter landen.

Der See liegt im Waldviertel, weit vor den Toren Wiens und noch weiter entfernt von der seelischen Selbstverortung des Tagediebs Alex. Nicht mehr jung, doch deshalb keineswegs erwachsen, sorgt Alex in einem Wiener Bordell für reibungslose Abläufe. Er sei nicht hart genug, sagt der Bordellbesitzer. Die Prostituierte Tamara ist Alex' weicher Kern. Die Liebe der beiden ist groß und verboten. Der Bordellbesitzer hat andere Pläne für die schöne Ukrainerin. Ein Banküberfall, schwärmt Alex, könne ihre Probleme lösen. Tamara warnt vor Strafe und Gefängnis. Doch wozu hat Alex seinen Großvater im Waldviertel besucht, in dem der knorrige Alte an seinem Bauernhof festhält, wenn nicht, um nebenbei die Genossenschafts-Bank des Dorfes auszukundschaften? Am Tag des Überfalls bleibt Tamara im Fluchtauto sitzen und wird von einem Polizisten angesprochen: Ob sie wisse, dass sie im Halteverbot stehe? Kurz darauf ist Tamara tot, erschossen von Robert, dem netten Polizisten aus der Nachbarschaft. Alex entkommt unerkannt und verbirgt sich bei seinem erstaunten Großvater. Ob Alex etwa gekommen sei, um ihm das Holz für den Winter zu hacken?

Während die Späne fliegen und Alex beschließt, Robert zu erschießen, setzt die Kamera auf die teilnahmsvolle Gelassenheit buddhistischer und christlicher Weisheitslehren. In aller Ruhe entfalten sich Bilder, die Raum für Entwicklungen geben. Kein filmisches Genre-Muster, kein menschliches Vor-Urteil verstellt den Blick auf die verqueren, das normative Format des Melodrams sprengenden Qualen der Protagonisten. Robert wird von Schuldgefühlen getrieben, die seine schlecht-bürgerliche Umgebung nicht versteht. Beim Joggen trägt er ein Bild der toten Tamara mit sich, seiner Frau Susanne gönnt er keinen Blick. Ob es die Kinderlosigkeit des Paares ist, die Susanne antreibt, oder ihr feines Gespür für das Leiden ihrer unheimlichen Nächsten: sie lässt sich auf ein Verhältnis mit dem befremdlich groben, aber auch befreiend triebhaften Alex ein.

Der Trailer zum Film

Seine Liebe sei erschossen worden, testet Alex Susanne, ob denn der Mörder nicht den Tod verdiene? Das sei Sünde, sagt Susanne und rettet ihrem Mann damit unwissentlich das Leben. Der Gott, an den Alex nicht glaubt, ist in Gestalt eines Marterls im Wald zugegen, aber auch in Susannes Überzeugung, dass ER ihren Seitensprung nicht übel nehme. Es ist kein Gott der Gewissheit, sondern einer der Fragen. Einer wie Robert glaubt nur an Antworten. Er hat sie parat, wenn Susanne ein Kind adoptieren will: Bei einem Kind käme es doch sehr auf den Charakter der Eltern an. Vielleicht ist sich Robert nach dem Schuss auf Tamara nicht mehr so sicher, aber da ist es schon zu spät. Am Ende des Films wird Susanne schwanger. Wessen Charakter wird sich durchsetzen? Und ist das wirklich wichtig, wenn wir der Gnade der Veränderung, der Einsicht teilhaftig werden können? "Revanche" ist für den Oscar in der Kategorie des besten nicht-englischsprachigen Films nominiert. Das ist aber auch das Mindeste.

Platz im Herzen

Die Rache, die der Film im Titel führt, als handele es sich um einen Ausgleich bei einem stets schon verlorenem Spiel, wird buchstäblich verworfen. Etwas landet im See und macht Platz in Alex Herzen. "Verzeihung ist die einzige Reaktion, auf die man nicht gefasst sein kann (…)", heißt es in Hannah Arendts Buch "Vita activa oder vom tätigen Leben". Dass Rache bedeutet, den Dingen ihren Lauf zu lassen, wird in Spielmanns visuell geglückter Morallehre sichtbar, wenn Alex auf den ahnungslosen Robert zielt. Anvisieren, abdrücken, das fordert der Pistolen-Lauf. Oder die Kamera, die sich auf die beschränkte Wahrnehmung der Gewalt einlässt. "Die Rachegesellschaft" hat Karl Isak sein 2003 publiziertes Buch genannt, in dem er nach 9/11 Photos und Berichte in westlichen Printmedien untersucht, die die Rachlust des Betrachters oder Lesers entfachen. Löst man den Blick von dem winzigen Bildausschnitt dieses medial in Stellung gebrachten Visiers, sieht man den ganzen Menschen. Zwischen Robert, dem gepeinigten Todesschützen und Alex, dem gepeinigten Schießwütigen, kommt es zu einem Dialog, der beweist, dass man im Kino in Bildern denken kann, ohne die Schönheit und Tiefe des Gefühls ausblenden zu müssen.

Revanche, Regie: Götz Spielmann, Österreich 2008, 122 Minuten.

Autor:  HEIKE KÜHN
Datum:  12 | 2 | 2009
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