Filmfestivals haben Ehrenpreise, die stets einem künstlerischen Lebenswerk gewidmet sind. Der große Filmkomponist Maurice Jarre ist der diesjährige Träger des Ehrenbären, noch einmal erklangen für den gebrechlichen Mann im Rollstuhl am vergangenen Freitag jene majestätischen Kadenzen, die er einst für den Wüstenhelden Lawrence von Arabien komponiert hatte. Der ideale Gast eines Festivals hingegen, der würdigste Besucher, wurde bislang nicht gekürt. Doch wenn die Berlinale einmal danach suchte, wäre ihre Ehrenbürgerin schnell gefunden: Als Jury-Präsidentin Tilda Swinton am späten Freitagabend über die Party des Internationalen Forums schweifte, mischte sich nicht nur eine Königin unter ihr Volk. Sie war einfach wieder jene leidenschaftliche Kinogängerin, die man in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer wieder in den Kartenschlangen gesehen hatte.
Manch anderer treuer Berlinale-Besucher fällt dagegen in diesen Tagen vom Glauben ab. Die radikal erhöhten Akkreditierungskosten haben manchen Gast die guten Manieren vergessen lassen, täglich hört man irgendwo Protest: Denn auch langes Anstehen garantiert keineswegs einen Platz in den viel zu kleinen Sälen der Multiplex-Theater am Potsdamer Platz. Und wer es dann doch geschafft hat, erlebt einen weitgehend bedeutungslosen Wettbewerb, mitunter sogar Totalausfälle, die sich durch nichts schönreden lassen. Der US-Film "Happy Tears" ist so ein Beispiel, eine schamlose Schmonzette über zwei ungleiche Schwestern (Demi Moore und Parker Posey), die sich zusammenraufen müssen, um den senilen Vater zu pflegen.
Regisseur Mitchell Lichtenstein, der Sohn des großen Pop-Artisten Roy, garniert ein belangloses Dialogstück mit peinlichen Farbtupfern wie eine Traumsequenz in hausgemachtem Surrealismus. Oder "Katalin Varga", ein erbärmlich-pathetisches Rachedrama, das der Brite Peter Strickland, in Rumänien drehte: Eine Frau nimmt Rache an den Männern, die sie einst vergewaltigten, opfert dabei gleich noch ihren ungeliebten Sohn und löst eine Kettenreaktion archaischer Vergeltungs- und Opferriten aus: Wie hier ein junger westlicher Filmemacher seine Fiktion von Urtümlichkeit auf ein rustikales Osteuropa projiziert, ist ebenso herablassend wie grotesk.
Zwei amerikanische biographische Filme aus den USA erfüllen dagegen immerhin die selbstgewählten unterhaltenden Standards: George Tillman Jr. verhandelt in "Notorious" im Schnelldurchlauf die Stationen im kurzen Leben des Rappers Christopher Wallace, auch bekannt als "The Notorious B.I.G" - blickt dabei jedoch nicht hinter die schillernde Legende. Auch der gebürtige Brite Richard Loncraine erzählt seinen Film über die Kindheit des Schauspielers George Hamilton als kurzweilige Abfolge von Episoden. Angenehmerweise spielt "My One and Only" jedoch die Geschichte des späteren Prominenten geschickt herunter und widmet sich ganz der von Renée Zellweger hinreißend verkörperten Figur einer nicht sehr "mütterlichen" Mutter: Es ist kein bedeutendes, aber durchaus liebenswertes Road Movie über einen unkonventionellen Lebensstil ein Jahrzehnt vor der Hippie-Bewegung.
Den bei weitem interessantesten biographischen Film des Wettbewerbs drehte Polens 81-jähriger Veteran Andrzej Wajda: "Tatarak" ("Der Kalmus") beginnt mit einem autobiographischen Monolog der Hauptdarstellerin Krystyna Janda, die das Sterben ihres geliebten Mannes betrauert. Dann springt der Film um in eine verfilmte Kurzgeschichte des polnischen Autors Jaroslaw Iwaszkiewicz, in der Janda eine Frau spielt, die sich leidenschaftlich in einen wesentlich jüngeren Mann verliebt. In einer betörenden Szene eines frühsommerlichen Badetags kippt die Perspektive abermals um, und Wajda tritt kurz selbst als Regisseur der Filmszene in Erscheinung: Mit einem Mal wirkt die Geschichte des jungen Mannes, seiner Chancen und seiner Tragik wie eine Episode aus dem Erinnerungsschatz des Regisseurs selbst. Und wenn schließlich die gespielte Erschütterung der Frauenfigur nahtlos zurückführt zu Jandas Trauer in der Realität, sind Leben und Kunst schlichtweg ein und dasselbe geworden. Nach dem übergroßen, stilistisch unschlüssigen Drama "Katyn" vom Vorjahr hat Wajda doch noch einmal einen wirklich persönlichen Film gedreht, ein minimalistisches Werk von echter poetischer Kraft. In diesem Wettbewerb ein Diamant in der Asche.