Es lohnt sich noch immer, Schuhabdrücke am Tatort zu nehmen. Sie könnten auf seltenes orthopädisches Schuhwerk deuten. Vielleicht könnte man die Spur verfolgen zum überschaubaren Kundenkreis eines New Yorker Prothesenmachers. Es lohnt sich auch heute noch, kleine Stöckchen in Einschusslöcher zu schieben: Verlässlich wie offizielle Wegweiser werden sie zu den Positionen der Schützen führen. Oder besser noch, wenn es ein Durchschuss ist: Man blicke einfach durch das Loch hindurch und sehe die Lösung klar vor Augen: Gerahmt in einem schwarzen Kreis wie von der Irisblende eines Stummfilms.
Tom Tykwers Thriller "The International", der gestern die Berlinale eröffnete, besitzt die Logik einer Schnitzeljagd. Immer wieder eröffnet der noch wache Geist eines im übernächtigten New Yorker Ermittlers eine seltsame Ordnung in einer korrupten Welt, die eine eigene, makabre Schönheit entfaltet. Für sein finsteres Thema, die Korruption des Finanzwesens, strotzt Tykwers Werk nur so vor ästhetischem Genuss. Als wäre die Ära des 70mm-Breitwandfilms nie vorbei gegangen, freut man sich über die mitgelieferte Weltreise. Denn die Verbrecher der modernen Finanzwelt mögen ihre Schandtaten in anonymen Büros planen. Ihre Killer aber agieren in aller Öffentlichkeit: Auf italienischen Plätzen, in amerikanischen Kunstmuseen und türkischen Weltkulturerbestätten.
Als Tykwer in Berlin das New Yorker Guggenheim-Museum in Holz und Gips nachbauen ließ, ahnte man schon, dass sich Deutschlands bildkräftigster Spielfilmregisseur nunmehr zutrauen würde, in übergroße Fußstapfen zu treten - in die eines gewissen Alfred Hitchcock. Gleich gegenüber vom Berlinale-Areal widmet Berlins Filmmuseum dem Idol aller Kinotüftler passenderweise gerade mal wieder eine Ausstellung. Und auf der Leinwand inszeniert Tykwer eine Reise zu spektakulären Spielorten, die der Meister übrig ließ, über italienische Küstenstraßen bis zu den Dächern Istanbuls. Und als Kontrapunkt immer dazwischen: die toten Glastempel der Finanzimperien in ausgesuchten Exemplaren. Tykwer entlarvt sie in ihrer scheinbaren Transparenz als uneinnehmbare Festungen der Korruption. Kein Wunder, dass man auch in solchen Chefetagen, wie man sie unweit des Kinos findet, Allmachtsfantasie und Paranoia entwickeln kann und etwa die Mitarbeiter eines Staatskonzerns bespitzelt.
In der Story des bislang unbekannten Drehbuchautors Eric Singer lebt eine luxemburgische Großbank vom Waffenhandel, aber mehr noch lebt sie von den Schulden, die selbst Weltmächte in Spiralen der Abhängigkeit treiben. Ein von Clive Owen gespielter Ermittler der New Yorker Staatsanwaltschaft und seine Kollegin (Naomi Watts) schlagen sich durchs Dickicht der Korruption, doch was nützt alles Handwerk der Pfadfinder vom Fähnlein Fieselschweif, wenn das Finanzsystem selbst unbezwingbar bleibt, weil jeder bis zum Halse darin steckt?
The International (Trailer) Regie, Tom Tykwer Eröffnungsfilm der Berlinale am 5. Februar 2009 Offizieller Kinostart, 12. Februar 2009
Natürlich geht es hier noch nicht um jene hochspekulativen Papiere, die den aktuellen Kollaps ermöglichten. Das Prinzip der Gier dahinter aber hat Tykwer klar erfasst und ebenso die Abkopplung von jeder ethischen Parteinahme. Wer die Schulden kontrolliert, der hat die Macht, und nur wer die Bank in den Bankrott treibt, kann sie brechen. Doch das, und hier ist dieser Film tatsächlich visionär, wird die Politik schwerlich erlauben.
Das Erstaunliche an Tykwers Film aber ist, wie er sich bei allen Zitaten doch von seinen Vorbildern unterscheidet. Der übernächtigte Ermittler ist kein Jason Bourne, und Tykwers visuelle Kaskaden wirken nicht selbstzweckhaft wie oft bei den großen Hitchcock-Epigonen Stanley Donen und Brian De Palma. Das Geheimnis dieses Films ist seine Ruhe, ein bei aller Spannung doch stets reflektierter Ton. Typische Tykwer-Motive gibt es ebenfalls: Ein Anfang wie bei "Der Krieger und die Kaiserin" - nur diesmal ohne geglückte Lebensrettung. Und die einmal von Owens Filmfigur geäußerte Erkenntnis, dass man seinem Schicksal auch auf Umwegen niemals entkommt. Auch wenn "The International" nicht im Wettbewerb läuft, ist er für dieses Festival freilich alles andere als ein Umweg. So kurz war der Weg zum großen Kino lange nicht mehr in Berlin.