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Dossier
Hintergründe zu aktuellen und historischen Politik-Themen

23. August 2009

10 Fragen an Sibylle Berg: "Romantik ist Bullshit"

Sibylle Berg hat zuletzt "Der Mann schläft" veröffentlicht.  Foto: ddp

Die Schriftstellerin Sibylle Berg spricht im FR-Interview über gefährliche Liebes-Klischees, dumme Frauen und eine Generation der Einsamen.

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Zur Person

Sibylle Berg, 47, geboren in Weimar, gelang 1997 mit ihrem Debüt "Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot" der Durchbruch. In Büchern, Kolumnen und Theaterstücken beschreibt sie schonungslos jedes Unglück, in das sich Menschen stürzen. Das brachte ihr Titel wie "Madame Berserker", "Fachfrau fürs Zynische" oder "Gewalttätigster Lidstrich Deutschlands" ein. Sibylle Berg ist verheiratet und lebt in Zürich.

Ihr neuer Roman "Der Mann schläft" ist im Hanser Verlag erschienen. Sie ist damit in der engeren Auswahl für den Deutschen Buchpreis 2009.

In Ihrem neuen Werk "Der Mann schläft" heißt es, Liebe sei, einfach jemanden zu haben, an den man sich gewöhnt hat. Wenn die Liebe so unspektakulär ist, warum schreiben Sie dann drüber?

Weil sie eben unspektakulär ist und keiner ein Buch darüber schreibt.

Das musste also mal gesagt werden?

Ja. Es regt mich auf, was an verkitschten, verklebten Vorstellungen über Liebe in den Köpfen der Leute ist, die sich nie erfüllen können. Und deshalb sind viele sehr unglücklich und sehr allein. Ich glaube, Liebe ist nicht spektakulär. Die Liebe, die ich meine, hat nichts mit Leidenschaft und Vermehrung zu tun. Sondern wirklich mit "Wir leben zusammen und haben uns gern". Das meiste, was uns vorgesetzt wird in Büchern, ist der kurze Abschnitt über Leidenschaft und übers Betrügen, all dieses uninteressante Zeug, das ja keine 24 Stunden füllt. Und außer vielleicht Haruki Murakami, der für meinen Geschmack schöne Beziehungen schildert, macht das keiner - eben weil es nicht spektakulär ist.

Desillusionieren Sie gerne?

Nein, ich gebe Hoffnung. Wenn du nicht mehr drauf wartest, dass du 24 Stunden am Tag rammelst wie verrückt, dann ist das eine große Befreiung. Dann kannst du dir sagen, dass es auch in deiner Macht steht, das zu haben. Es steht in meiner Macht, die Bilder in meinem Kopf zu vergessen und mir jemanden genau anzuschauen, ob er mir nicht einfach gut tut.

Wenn Sie das einem 18-Jährigen erzählen, wird er sehr, sehr enttäuscht sein.


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Naja, mit 18 willst du ja auch nicht in einer Beziehung leben. Da willst du nur ficken und Zug fahren. Nein, das Verständnis dafür geht erst mit über 30 los, wenn du ein bisschen erwachsen bist. Und dann ist es wirklich ganz erstaunlich, was da für ein Quatsch in den Köpfen ist. Singlemädchen, die auf die 40 zugehen und immer noch erzählen, der hat die falschen Schuhe an. Das ist Bullshit.

Woran liegt das?

Es ist nach wie vor so, dass Frauen an sich scheitern. Einfach, weil sie nicht genauer hinschauen und sagen: "Hoppla, das ist ein genetisches Programm, darüber setze ich mich hinweg." Frauen in guten Positionen, die gut ausgebildet und intelligent sind, die sind dann auf der anderen Seite dumm wie Brot und wollen einen Typen, der in der Hierarchie höher steht als sie. Das ist einfach Biologie, da kann man doch sagen: "Nö, brauche ich nicht. Ich kann mir durchaus einen leisten, der Gitarre spielt und nix macht."

Sie schreiben von der "Generation der Einsamen". Sind wir das tatsächlich?

Ich glaube, ja. Alle, die ab den 60ern geboren wurden, sind ja plötzlich mit dieser Möglichkeit der freien Partnerwahl groß geworden. Dass wir irgendwas wählen können und auch was Vernünftiges wählen können - und nicht irgendwas, was uns die Werbung erzählt. Es wird vielleicht noch eine Generation dauern, bis wir damit umgehen können. Wir haben ja alle das Gefühl, uns stehe etwas Tolles zu. Kapitalismus, hurra. Auch tolle Partner. Und zu merken, das bringt es nicht, diese Beliebigkeit, das erschließt sich einem ja nur, wenn man es irgendwie aushält bei einem.

Wie lange haben Sie selbst gebraucht, um das zu entdecken?

Es hat mich früher nicht interessiert. Das ist traurig, aber ich hatte meine Schreibmission und dachte, das verträgt sich nicht mit einer Familie oder einer Beziehung.

Sollten Sie dann nicht auch anderen zugestehen, dass sich deren Vorstellung von Liebe im Laufe der Zeit ändert?

Das kann sich durchaus ändern. Als ich mir früher Liebe nur vorgestellt habe, als ich nur gearbeitet und gearbeitet habe, dachte ich, das geht nur in zwei Wohnungen. Und dann besucht man sich. Lauter so Bullshit. Das sind Bullshit-Bilder. Ich habe meinen Mann jetzt seit vielen Jahren und wir kleben aneinander wie zusammengeleimt und ich kann trotzdem wunderbar arbeiten. Das ändert sich also. Aber du musst es beobachten. Wenn ich jetzt auf irgendjemanden gewartet hätte, der unterernährt ist und in einer anderen Wohnung wohnt, dann säße ich immer noch alleine da.

Können Sie so einfach die Romantik ausbremsen?

Du hast die Wahl, romantisch zu sein und zu leiden oder Romantik zu vergessen und glücklich zu sein.

Also ist Romantik immer Leiden?

Romantik ist Bullshit.

Interview: Patrick Beuth

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