Die Welt ist ungerecht, aber wem sagt man das? Terry Gilliams Filmprojekte sind vom Pech verfolgt wie seine vor Jahren abgebrochene Version des "Don Quixote". Ein ganzes Jahrzehnt hatte er sich auf die Filmarbeiten vorbereitet, doch als es 2000 dann endlich losgehen sollte und er für "The Man Who Killed Don Quixote" sogar Johnny Depp und Jean Rochefort gewinnen konnte, gingen die nahe eines Nato-Stützpunkts gelegenen Filmarbeiten im infernalischen Lärm startender Düsenjets unter; Wolkenbrüche verwandelten das Set schließlich in eine Schlammlandschaft, so dass an eine Fortsetzung des Projekts nicht mehr zu denken war. Ist ein noch größeres Pech vorstellbar?
New York feiert zur Zeit Tim Burtons Vision von "Alice im Wunderland" mit einer Einzelausstellung im Museum of Modern Art. Eine große Ehre für den Regisseur; eine schönere Bestätigung, doch auch ein Künstler zu sein, kann es kaum geben. Und während alles feiert, kommt Terry Gilliams Reise hinter die Spiegel, sein neuer Film "Das Kabinett des Doktor Parnassus", in den USA nicht einmal zu einen landesweiten Kinostart. Selbst die Aussicht, den verstorbenen Heath Ledger in seiner letzten Rolle zu sehen, wiegt offenbar wenig gegenüber einigen verwirrten Kommentaren, die jugendliche Testbesucher auf ihren Stimmzetteln hinterließen.
Das Kabinett des Doktor Parnassus, Regie: Terry Gilliam, USA 2009, 122 Minuten.
Oscars: Nominiert war "Das Kabinett des Doktor Parnassus" für den Oscar in der Kategorie "Bestes Szenenbild" und "Beste Kamera". Beide gingen jedoch an Camerons "Avatar".
Und dem schwer vermittelbaren Umstand, dass Gilliam unlängst seine US-Staatsbürgerschaft zurückgab. Auch wenn sich der große Satiriker und Phantast schon seit seinen Monty-Python-Tagen in den späten 60ern in England heimisch fühlte. Vergessen wir nicht, dass Gilliam für die skurrilen Trickfilme der britischen Komikertruppe verantwortlich zeichnete.
Zwar erinnert "Das Kabinett des Doktor Parnassus" im deutschen Titel an den Expressionismus des "Doktor Caligari", doch der Stil ist ganz und gar britisch. Der alternde Schausteller Parnassus, der wie aus einer anderen Zeit kommend im heutigen London seinen Zirkuswagen aufstellt, gehört ins England des Malers und Graphikers William Hogarth. Und so wie in dessen Welt die Karikatur nur eine genauere Form des Moralismus war, spielt ihn Christopher Plummer mit dem Ernst eines großen Shakespeare-Mimen. Mit ihm ragt die altehrwürdige Grandezza der Royal Shakespeare Company in die Szenerie. Very British ist das alles schon.
Dazu passt, dass er einen faustischen Pakt mit einem von Tom Waits verkörperten Teufel schließt, denn schließlich denkt man auf der Insel bei dieser Geschichte weniger an Goethe denn an Christopher Marlowe. Für sein ewiges Leben verkauft Parnassus seine Tochter, die des Teufels sein soll, sobald sie sechzehn ist. Damit das aber dann doch nicht passiert, stellt Parnassus einen charmanten Schwindler ein, den von Heath Ledger gespielten Tony.
In einer makabren Szene sieht man ihn sich lebensmüde ein Seil um den Hals knüpfen, doch die Schausteller erkennen das Talent des findigen Charmeurs, der alsbald ein ganz neues Publikum in das betagte und etwas schäbige Unternehmen lockt: die Schickeria. Das wiederum lässt auch den Teufel frohlocken, besteht doch nun die Aussicht auf eine überaus attraktive Kundschaft.
Dass nacheinander Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell in Ledgers unvollendete Rolle schlüpfen, wirkt durchaus plausibel: Folgt Gilliams Film doch der surrealen Logik eines Luis Buñuel. Und ein großer Verführer - Gilliam wollte dabei einem anderen Tony, dem selbstbetrügerischen Schönredner Blair, ein Denkmal setzen - hat nun einmal viele Gesichter.
Dennoch hat dieser Film, dessen Herstellung auch vom Tod des Produzenten William Vince überschattet war, deutliche Probleme. So befreiend das improvisierte Spiel und die surrealen Wendungen der Handlung auch sind, so sehr vermisst man ein ästhetisch durchgängiges oder ausformuliertes Konzept. Es fehlt der Sog, der uns in die Irrfahrt lockt und diese im Kino erst in eine Lustreise verwandelt. Das tragende Motiv des Spiegelkabinetts wirkt äußerlich und theatral, und viele überflüssige Dialogsätze verstellen regelrecht den Blick.
Wahrscheinlich hätte man diesen Film, wenn er nach Ledgers Tod einfach abgebrochen worden wäre, weit mehr bewundert. Wie auch die schillernde Schönheit von Ledger selbst, der hier seine vorausgegangene Joker-Maske noch nicht ganz abgelegt hat. Alle Leerstellen sind nun gefüllt, was immer noch hinreißend ist. Aber es fehlen die Momente, in denen man über das "Imaginarum of Doctor Parnassus", so der originale Titel, einfach frei imaginieren könnte.