MONTAG, 5.9. 1977
Die Rote Armee Fraktion entführt in Köln den Arbeitgeber-Präsidenten und Chef des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Hanns Martin Schleyer. Gegen 17.30 Uhr stoppen die vier Entführer Schleyers Auto und das seiner Begleiter auf dem Weg zu Schleyers Dienstwohnung im Stadtteil Lilienthal. Sein Chauffeur Heinz Marcisz und die drei Leibwächter Reinhold Brändle, Helmut Ulmer und Roland Pieler werden sofort erschossen.
Wenige Stunden nach dem Anschlag werden die im Gefängnis Stuttgart-Stammheim einsitzenden RAF-Mitglieder Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in Einzelhaft genommen. Der Haftrichter verbietet ihnen Radio, Fernsehen und Zeitungen.
Bei der Nachrichtenagentur dpa geht am Abend ein Brief der RAF ein, in dem die Existenz der Organisation "Roter Morgen" bestritten wird. Diese hatte sich telefonisch bei dpa zu den Morden an Siegfried Buback im April und Jürgen Ponto im Juli des Jahres bekannt. Die RAF bezeichnet den "Roten Morgen" als "Erfindung des Staatsschutz, die authentische Erklärungen der Kommandos der RAF neutralisieren soll". Der Brief ist echt, erwähnt die Schleyer-Entführung aber nicht.
Der Hausmeister eines Wohnblocks am Wiener Weg in Köln meldet sich abends bei der Polizei. Der gesuchte weiße VW-Bus, in dem die RAF Schleyer entführt hat, steht bei ihm in der Tiefgarage. Im Inneren finden die Ermittler die Kopie eines Briefs: "An die Bundesregierung: Sie werden dafür sorgen, daß alle öffentlichen Fahndungsmaßnahmen unterbleiben - oder wir erschießen Schleyer sofort, ohne daß es zu Verhandlungen über seine Freilassung kommt."
Um 21.30 Uhr wendet sich Bundeskanzler Helmut Schmidt im Fernsehen an die Entführer: "Sie mögen in diesem Augenblick ein triumphierendes Machtgefühl empfinden. Aber sie sollten sich nicht täuschen. Der Terrorismus hat auf Dauer keine Chancen, denn gegen den Terrorismus steht nicht nur der Wille der staatlichen Organe, gegen den Terrorismus steht der Wille des gesamten Volkes." Schmidt lässt an seiner Meinung keinen Zweifel: "Der Staat muss darauf mit aller notwendigen Härte antworten."
Was sonst geschah:
Die Bonner Regierungskoalition aus SPD und FDP streitet über ein Steuerentlastungsprogramm, mit dem Bundeskanzler Schmidt die Konjunktur ankurbeln will. erb
Eine Chronik der wichtigsten Ereignisse wird von heute an täglich bis zum 19. Oktober im Politik-Teil erscheinen.