Roland Koch hinterlässt seinem Nachfolger ein geordnetes Erbe und eine funktionierende schwarz-gelbe Koalition. Das könnte man von Angela Merkel und Guido Westerwelle nicht behaupten, wenn sie jetzt abdanken würden.
Koch genießt das Privileg, sich freiwillig verabschieden zu können, zu einem selbst gewählten Zeitpunkt. Bei Merkel und Westerwelle ist es umgekehrt: Sie wollen nicht gehen, doch womöglich können sie nicht mehr selbst bestimmen, wann sie das Schicksal ereilt.
Niemand könnte es Roland Koch verdenken, wenn er das politische Chaos in Berlin als persönliche Genugtuung empfinden würde. Wären die CDU-Delegierten im hessischen Willingen in der Laune für ein Stimmungslied gewesen, hätten sie singen können: "Siehst Du, Angie, so wird das gemacht, so wird das gemacht". Es hätte die Befindlichkeit durchaus richtig wiedergegeben.
Doch sie ließen es bei wenigen Worten in Richtung Bundespolitik. Dass die Menschen ein "bürgerliches Gewirr" nicht mögen, sagte Koch. Und dass Merkel gut daran tun könnte, seinen Kumpel Volker Bouffier zum Nachfolger als CDU-Vize zu machen. Nicht ausgeschlossen, dass die CDU-Chefin ihrem langjährigen Erzkonkurrenten, aber auch Helfer in steuer- und wirtschaftspolitischer Not den Abschiedswunsch erfüllt.
Vielleicht geschieht längerfristig aber auch etwas ganz anderes. Roland Kochs Abgang zum perfekten Zeitpunkt könnte sich im Nachhinein auch als Beginn einer Rückkehr in schwierigen Zeiten herausstellen. Sicher nicht morgen oder übermorgen. Aber irgendwann. Wenn Merkel weiter wankt, wenn Christian Wulff nicht oder nur mühsam zum Bundespräsidenten gewählt wird, wenn die Koalition kracht, wenn die Union bei Wahlen ins Trudeln kommt, dann könnte irgendwann der Ruf nach Koch laut werden.
Man muss sich nur anschauen, wie viel Sehnsucht es bei einigen in Union und FDP nach dem Finanzpolitiker Friedrich Merz gibt. Der ist schmollend gegangen. Koch schmollt nicht einmal. Er wechselt vom Landes- in den Ehrenvorsitz. Und sagt gleich dazu, dass er die CDU gern weiter berät. Das klingt nach James Bond: Sag niemals nie.
Es gibt viele Gründe dafür, warum das System Koch so erfolgreich ist in Sachen Machterhalt. Kochs Seilschaften gehören ebenso dazu wie seine Bereitschaft zu jedem Trick, der ihm notwendig erscheint.
Ein Grund aber wird in diesen Tagen besonders augenfällig. Er liegt darin, dass Koch nicht nur die CDU zusammengehalten hat, sondern die FDP gleich mit. Das schwarz-gelbe Bündnis hielt während Kochs Schwarzgeld-Affäre (gegen Widerstand aus der Bundes-FDP) und nach der Niederlage gegen Andrea Ypsilantis SPD (als sich die Hessen-FDP der Ampel verweigerte). Selbst in Zeiten der absoluten CDU-Mehrheit blieben Regierungs- und Oppositionspartei nah beieinander. Kein Wunder, dass Koch große Teile seiner Abschiedsrede beim CDU-Parteitag der Freundschaft zur FDP widmete. Man konnte auch das als Ohrfeige für Merkel verstehen, die die FDP inzwischen als zweitschärfste Oppositionspartei nach der CSU empfinden muss.
Nichts Neues
Die bundespolitische Lücke, die Kochs Abgang in der Union reißt, fällt weit größer aus als die, die er in Hessen hinterlässt. Die Landes-CDU kommt mit einem Mann wie Volker Bouffier, der bis zum letzten Bier sitzen bleibt und zuhört, sogar besser zurecht als mit einem stocknüchternen Strategen wie Roland Koch.
Ob Bouffier allerdings das Format besitzt, politische Akzente über sein Bundesland hinaus zu setzen, steht in den Sternen. Mit einer seltsam farblosen Rede ohne eigenen Akzent hat er sich beim Parteitag präsentiert. Dabei braucht Hessen nach elfeinhalb Jahren Koch dringend einen Aufbruch, vor allem in der Energiepolitik. Bouffiers CDU fand die Rede prima, musste sie sich doch an nichts Neues gewöhnen. Wie er seine Landesregierung besetzen wird, gehört jetzt zu den spannenden Fragen. Vier junge Staatssekretäre, die als Minister frischen Wind bringen könnten, sind von der Parteibasis jedenfalls mit starken Ergebnissen in den Vorstand gewählt worden. Der Chef wird es gesehen haben.
In Hessen, so hat Volker Bouffier angekündigt, soll es Erneuerung geben, aber "keine Revolution". In Berlin tut man sich mit Erneuerung genauso schwer. Doch anders als in Wiesbaden riecht es dort nach Aufstand.

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