Die Stromwirtschaft ist offenbar bereit, neben Gorleben auch andere Standorte für ein nukleares Endlager ins Kalkül zu ziehen. Der Atommanager Holger Bröskamp schlägt im Namen der Branche vor, die "vorhandenen Daten zu anderen möglichen Standorten" zu analysieren - "für den Fall, dass Gorleben sich als ungeeignet herausstellen sollte", wie der Geschäftsführer der Essener Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS) der FR sagte. Hauptarbeitsfeld der GNS ist die Entsorgung von Atomkraftwerken, sie führt auch die Castor-Transporte durch.
Bröskamp fordert allerdings, parallel müsse die Erkundung des Gorlebener Salzstocks wiederaufgenommen werden. Bisher spreche nichts gegen die Eignung des Standortes in Niedersachsen: "Es gibt keine Zweifelsfragen mehr, die vor einer Fortsetzung der Erkundung noch zu klären wären." Das habe das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) bereits 2005 festgestellt, sagte er. "Allerdings ist auch Fakt: Die Eignung ist noch nicht endgültig nachgewiesen."
Die untertägige Erkundung in Gorleben ist seit dem Jahr 2000 unterbrochen - für maximal zehn Jahre, wie der damals von Stromkonzernen und Bundesregierung geschlossene Atomkonsens festlegt. In der Zeit sollten grundsätzliche Fragen zur Endlagerung geklärt werden. Zum Beispiel, ob es andere Gesteinsarten wie Ton oder Granit gibt, die sich besser für die Endlagerung des stark strahlenden Atommülls eignen als die Salzformationen. Das Moratorium läuft im November 2010 aus.
Bröskamp sagte zum Grund seiner Initiative, die mit den Kernkraftwerk-Betreibern abgestimmt ist: "Wir müssen die Gräben zwischen den Lagern überbrücken." Wenn man wolle, "dass in dieser Generation das nötige Endlager entsteht, muss die gegenseitige Blockade überwunden werden". Bisher verfolgten Strombranche und das für die Endlagerung zuständige Bundesumweltministerium verschiedene Strategien.
Stromkonzerne wollen sparen
Die Konzerne dringen darauf, Gorleben sofort weiter zu untersuchen und Alternativen nur konkret anzupacken, wenn der Salzstock - wider ihr Erwarten - durchfällt. Denn sie haben bereits 1,4 Milliarden Euro in die Erkundung gesteckt, die 1979 begann. Das Gabriel-Ministerium hingegen hält eine neue bundesweite Standort-Suche für nötig, wobei Gorleben aber weiterhin "im Rennen" bliebe. Der Plan ist innerhalb der Bundesregierung umstritten. Das Projekt liegt wegen des Widerstands des Wirtschaftsressorts seit vergangenem Jahr auf Eis.
Der nun vom GNS-Chef vorgeschlagene Standortvergleich wäre nicht so aufwendig wie das von Gabriel vorgeschlagene Verfahren, da es nur um die Auswertung vorhandener Standort-Daten geht. Trotzdem würden zusätzliche Kosten entstehen. Bröskamp signalisierte, dass die Strombranche eine Beteiligung daran nicht grundsätzlich ausschließt. "Wir würden konstruktiv über das Gesamtvorhaben sprechen", sagte er.
Der Manager schlägt weiter vor, im Raum Gorleben einen neuen Dialog zu starten, der "mehr Transparenz" in die Endlager-Entscheidung bringt. In einer Art "Begleitkreis" sollten neben Landkreis und Kommunen auch Bürgerinitiativen eingeladen werden.
Er würde nach Bröskamps Vorschlag so mit Mitteln ausgestattet werden, dass die Teilnehmer "etwa Ergebnisse der Salzstock-Erkundung selbstständig überprüfen und eigene Bewertungen vornehmen können". Der GNS-Chef glaubt zwar nicht, dass ein solcher Dialog jede Gegnerschaft in der Region beenden kann. Es sei aber möglich, "ideologische Positionen von sachgerechter Auseinandersetzung" zu trennen, meinte er.
Das Gabriel-Ministerium sieht den Vorstoß skeptisch. Ein Sprecher sagte der FR: "Die Eignung von Gorleben bereits zu prüfen, bevor ein Auswahlverfahren stattgefunden hat, ergibt keinen Sinn." Die Auswahl von Standort-Alternativen müsse nach internationalem Standard erfolgen - mit vorher festgelegten Kriterien nach dem Stand von Wissenschaft und Technik. Ein Blick in die Schweiz, die die Endlagersuche so betreibt, zeige, "wie es richtig gehen kann".
Mahnung von Strahlenschützern
Das Strahlenschutz-Bundesamt warnte indes davor, dass die aktuelle Debatte über längere AKW-Laufzeiten die Endlager-Suche weiter erschwere. "In der Bevölkerung kann nur dann die nötige Akzeptanz für ein Endlager für hoch radioaktive Abfälle erreicht werden, wenn die Abfallmengen durch die Laufzeitbegrenzung klar festgelegt sind", sagte BfS-Präsident Wolfram König der FR.
Der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg geht der Vorschlag der Atombranche nicht weit genug. Sie will einem Standortvergleich nur zustimmen, wenn der Atomausstieg bleibt und Gorleben aus dem Standortpool gestrichen wird. BI-Sprecher Wolfgang Ehmke sagte aber: "Es dämmert der Atombranche, dass sich die Fixierung auf einen Standort, der geologisch und politisch verbrannt ist, am Ende auch ökonomisch rächen könnte."