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Atomkraft: Die Tricks der Konzerne

Viele Jahre musste die Atombranche um den Erhalt älterer Meiler fürchten. Nun kommen sich Stromkonzerne und schwarz-gelbe Regierung näher. Konkrete Beschlüsse für längere AKW-Laufzeiten sollen nicht mehr auf die lange Bank geschoben werden. Von Joachim Wille

Atomkraftgegner müssen um den Ausstieg bangen.
Atomkraftgegner müssen um den Ausstieg bangen.
Foto: dpa

Die "Abschaltparty" muss die Chefs der Stromkonzerne gewaltig geärgert haben. So etwas, dachten sie wohl, dürfe es nie wieder geben. Heute sind sie nahe dran, dass ihr Wunsch wahr wird.

Jürgen Trittin, seinerzeit Umweltminister, war persönlich gekommen an diesem Novembertag 2003. Diesen Triumph wollte er sich nicht entgehen lassen. Die Grünen feierten eine Ausstiegsparty - in Stade an der Unterelbe. Das war drei Jahre, nachdem die Stromkonzerne mit der damaligen rot-grünen Bundesregierung den Atomausstiegs-Konsens für die 19 deutschen Kernkraftwerke unterschrieben hatten. Das Eon-AKW Stade ging vom Netz. Im Mai 2005 erwischte es dann nur noch einen weiteren Reaktor: den baden-württembergischen Nuklearmethusalem Obrigheim.

Atomkraftgegner müssen um den Ausstieg bangen. Denn die Stromkonzerne erwarten von Schwarz-Gelb eine zügige Verlängerung von Laufzeiten.
Atomkraftgegner müssen um den Ausstieg bangen. Denn die Stromkonzerne erwarten von Schwarz-Gelb eine zügige Verlängerung von Laufzeiten.
Foto: dpa

Die heimliche Hoffnung der Strommanager trog, ab Herbst 2005 würde eine neue schwarz-gelbe Bundesregierung den Ausstieg aus dem Ausstieg organisieren. Die große Koalition hielt dank SPD am Konsens fest, und so wurde es für die nächsten Abschaltkandidaten Neckarwestheim 1 und Biblis A eng und enger. Ihre Laufzeit - laut Atomkonsens rund 32 Jahre - wäre bei Normalbetrieb bereits 2007 oder 2008 zu Ende gewesen. Doch die AKW-Betreiber EnBW und RWE griffen in die Trickkiste, um ihre Atom-Oldies über die nächste Bundestagswahl zu retten.

Wie das ging? Der baden-württembergische Konzern EnBW nennt es eine "betriebswirtschaftlich optimierte Fahrweise des Kraftwerks", dessen beide Blöcke nur ein paar hundert Meter hinter den letzten Häusern der schwäbischen Gemeinde Neckarwestheim mit ihren 3500 Einwohnern stehen. Zu Deutsch: Das Unternehmen lässt den älteren der beiden Reaktoren mit verminderter Leistung laufen. Das streckt die Restlaufzeit. Im Atomkonsens sind nicht Jahre, sondern "Strommengen" fixiert, die noch produziert werden dürfen, bevor die Betriebsgenehmigung erlischt.

Auch beim südhessischen RWE-Meiler Biblis A lief es so. Auch hier wurde "optimiert". Eher unfreiwillig, zudem teuer erkauft, gewann der Konzern Zeit, weil der Reaktor wegen Umbauarbeiten 2006 ein Jahr lang vom Netz ging. Tausende falsch montierte Dübel mussten ausgetauscht werden.

Doch das reichte nicht. RWE-Chef Jürgen Großmann persönlich erläuterte in einem Interview, was man sich deswegen ausgedacht hatte: Man könne den Reaktor so "fahren, dass wir mit den Restlaufzeiten über die nächste Bundestagswahl kommen".

Dann gebe es nämlich vielleicht ein anderes Denken in Bevölkerung und Regierung. Politiker von SPD und Grünen empörten sich: Verträge mit Energiemanagern seien "offenbar das Papier nicht wert, auf dem sie stehen". Folgenlos. Zuletzt gab der Bibliser Kraftwerkschef Anfang 2009 zu, die "Fahrweise für Block A" werde entsprechend "optimiert".

Doch die Stromkonzern-Chefs hatten nicht damit gerechnet, wie weit sich der AKW-Ausstiegs-Bazillus bereits ausgebreitet hatte. Nach dem schwarz-gelben Triumph bei der Wahl 2009 schien ein konkreter Beschluss für die Laufzeitverlängerung nur noch Formsache. Doch die Wunschpartner CDU und FDP quälten sich bei den Koalitionsgesprächen und schoben konkrete Beschlüsse auf die lange Bank.

Folge: EnBW und RWE werden immer nervöser, während Eon mit seinem etwas jüngeren AKW-Park und Vattenfall wegen der Dauer-Stillstände seiner Pannenmeiler Brunsbüttel und Krümmel dem Berliner Hickhack noch entspannter zusehen.

Am brenzligsten ist die Lage inzwischen bei EnBW, also in Baden-Württemberg, das mit rund 50 Prozent einen sehr hohen Atomstromanteil hat. Die Reststrommenge von Neckarwestheim 1 könnte Insidern zufolge bereits im Mai aufgebraucht sein. Konzern-Chef Hans-Peter Villis forderte denn auch im November, eine Art Moratorium zum Schutz für die vom Exitus bedrohten Altmeiler zu erlassen. Wenn so etwas nicht kommt, bleibt nur der neuerliche Versuch, Strommengen vom einem neueren AKW auf Block 1 zu übertragen, was SPD-Umweltminister Sigmar Gabriel 2008 noch untersagt hatte.

Ansonsten bleibt EnBW nur: abschalten, bevor die letzte Kilowattstunde produziert ist. Aber nicht produzierende AKW sind teuer. Und welcher EnBW-Aktionär mag das schon?

Autor:  Joachim Wille
Datum:  21 | 1 | 2010
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