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Waldbesetzercamp: Auf Bäumen und in Löchern

Erinnerungen an das Waldbesetzercamp, das heute vor einem Jahr geräumt wurde. Von Madeleine Reckmann

Ruck, zuck: ab  in die Bäume  - und wieder runter.
Ruck, zuck: ab in die Bäume - und wieder runter.
Foto: Oeser

Die Räumung des Waldcamps beginnt an dem Tag, an dem die Wühlmaus den Bunker verlässt. Das ist der Tag, an dem die ersten Sägen und Rodungsmaschinen im Kelsterbacher Wald kreischen und die ersten Bäume fallen. Es ist der 20. Januar 2009, ein kalter Wintertag. In aller Herrgottsfrühe werden Bauzäune um das Waldcamp gestellt. An ihnen hängen Schilder, die die Bewohner zum Verlassen des Walds auffordern. Bis Ende Februar ist ein Großteil des Waldes gerodet.

Die Wühlmaus hat sich schon am Vorabend in dem 50 Meter vom Camp entfernten, unterirdischen Bunker verschanzt. An dem Bau haben die Aktivisten seit Oktober 2008 zum Zeichen ihres Widerstands gewerkelt. Die Wühlmaus, wie sich der junge Mann nennt, hat sich psychisch und körperlich darauf vorbereitet, tagelang in dem engen Raum auszuharren. Sein Arm ist in einem mannshohen Betonklotz gekettet, damit die Polizisten ihn nicht davontragen können. Decken und Nahrung hat er da unten genug. Sogar Licht, das mit Autobatterien betriebene Leuchten liefern.

Diese Art des Widerstands hat ein befreundeter Aktivist aus Schottland mitgebracht. Dass so ein Mann im Erdloch den Bau der Nordwestbahn nicht verhindert, ist den unabhängigen Aktivisten klar. Aber so einfach abziehen möchten sie nicht. Die Polizei soll was zu knacken haben. Die Wühlmaus harrt den ganzen Tag in dem Erdloch aus, während Polizisten vergeblich versuchen, das Bauwerk auszuheben und an den Holzwänden zu sägen. Am Abend gibt die Wühlmaus auf. Kreislaufzusammenbruch.

Danach verändert sich das Leben im Camp. Wer hinaus oder hinein will, den kontrolliert die Polizei. Es darf kein Gepäck mehr hineingenommen werden. Die Bewohner bereiten sich nervös auf die Räumung vor.

Rückblick: Im Mai 2008 besetzen Aktivisten einen Teil des Kelsterbacher Waldes, um gegen den Flughafenausbau und die Waldrodung zu protestieren. Sie bauen Plattformen in den Bäumen und Hütten am Boden, richten eine Küche ein, legen einen Garten an. Sie wollen lange bleiben. Viele sind es nicht, nie mehr als 20, meist blutjung, mit Rastahaaren und veganen Ernährungsgewohnheiten. Sie wollen den Wald erhalten und das Klima retten. Vertrauen in Politik oder Gerichte haben sie nicht. Bürger aus den umliegenden Kommunen versorgen sie. Wer eine Dusche oder mal ein warmes Bett braucht, kommt dort unter. Ansonsten ist die Unterstützung durch die Bevölkerung nicht groß. Kein Vergleich mit der Solidarität im Hüttendorf zu Startbahn-West-Zeiten.

Viele Aktivisten können klettern. Sie kommen mühelos auf die Bäume und seilen sich wieder ab. Sie statten die Plattformen mit Proviant und Schlafsäcken aus, manche mit Möbeln und Öfen.

Am 18. Februar ist es soweit. Ein Sondereinsatzkommando der Polizei löst das Camp endgültig auf. Polizisten auf Teleskopladern mit Hebebühne holen die letzten Ausbaugegner von den Bäumen. Die Aktion dauert den ganzen Tag. Sie verläuft friedlich.

Autor:  Madeleine Reckmann
Datum:  18 | 2 | 2010
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