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Bad Homburg: Wahlsieger Korwisi ist abgetaucht

Der Tag danach: Während Bad Homburgs künftiger OB und seine Helfer ihren Erfolg noch immer nicht fassen können, erledigt die Verliererin im Rathaus ihren Job wie jeden Tag. Von Martina Propson Hauck

Blau wie das Bad Homburger Stadtwappen ist die Farbe des Siegers.
Blau wie das Bad Homburger Stadtwappen ist die Farbe des Siegers.
Foto: Schick

Am Tag danach wirkt alles merkwürdig ruhig, scheinbar ruhig. Man sollte meinen, dass ein Erdbeben, wenn auch rein politischer Natur, eine Stadt irgendwie nachhaltiger erschüttert. Im Bad Homburger Dorotheenviertel, wo die luxuriösen neuen Stadtwohnungen entstehen, fluchen die Bauarbeiter, aber nur wegen des Dauerregens, der schlammige Pfützen bildet.

Vor dem Feinkostgeschäft in der Fußgängerzone ist es plötzlich so leer. "Hier hat er doch immer gestanden und seine Blumen verteilt", sagt der stadtbekannte Kardiologe. Und strahlt. Im weißen, kurzärmeligen Hemd macht ihm der Regen nichts aus. Er sitzt für die Grünen im Stadtparlament einer Nachbarkommune und kann den Wahlsieg von Michael Korwisi noch kaum fassen.

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Foto: FR-Infografik

Mit 59,5 Prozent der Wählerstimmen hat der als unabhängiger Kandidat in den Wahlkampf gestartete Ur-Grüne in der CDU-Hochburg Bad Homburg Amtsinhaberin Ursula Jungherr (CDU) in der Stichwahl vom Sonntag förmlich hinweggefegt. Sie konnte nur noch in fünf von 39 Wahlbezirken eine Mehrheit erzielen, entsprechend einsilbig und karg ihre Erklärungen für den Wahlausgang.

"Bad Homburg hat den Wechsel gewollt und das akzeptiere ich", sagte sie am Wahlabend, nachdem sie dem Sieger gratuliert hatte. Es blieb ihr auch nichts anderes übrig. Am Montag danach ist alles anders. "So viele Zeitungen wie heute habe ich noch nie verkauft", sagt die Bäckerin, während sie den Frischkäse-Bagel über den Tresen schiebt.

"Jetzt haben wir also den Wechsel geschafft", sagt ein Mann schon ganz früh beim Brötchenkauf. Er hätte schon immer lieber einen Mann an der Rathausspitze gehabt. Beim Italiener in der Kurhaus-Ladenpassage speisen zur Mittagszeit drei junge Männer, Anfang 30, in Businessanzügen. "Ich habe das erste Mal in meinem Leben Grün gewählt und es hat überhaupt nicht wehgetan", sagt einer plötzlich laut vernehmbar. Die anderen lachen.

Die Oberbürgermeisterwahl ist überall Thema Nummer eins. In der Zwischenzeit streifen Kamera- und Reporterteams unterschiedlichster Sender durch die Stadt auf der Suche nach den Welterklärungsmodellen zufällige vorbeikommender Passanten. Ja, die politische Welt scheint aus den Fugen geraten. Jahrzehntelang eingefahrene Machtstrukturen nicht mehr betoniert für die Ewigkeit.

Bad Homburg steht plötzlich im Medienfokus. Sind solche Wechsel auch andernorts denkbar oder nur aus der kur- stadtspezifischen Konstellation heraus erklärbar? In der konservativen Hochburg mit Rekordergebnissen für CDU und FDP bei allen Wahlen stellt nun die CDU kein einziges hauptamtliches Magistratsmitglied mehr.

Die Frage, ob man in der Zeit bis zum Amtsantritt Korwisis am 19. September es noch einmal schaffen könnte, einen CDU-Bürgermeister zu wählen, wischt der Parteivorsitzende Thorsten Bartsch am Wahlabend barsch vom Tisch. Unmögliche Frage zur Unzeit. Im Rathaus erledigt Jungherr an diesem Morgen ihren Job wie immer. Sagt ihr Pressesprecher. Nein, es gab keine Personalversammlung oder kurze Ansprache auf den Fluren. "Die Verwaltungsmitarbeiter erledigen ihren Dienst sorgfältig und im Interesse der Bürger und Bürgerinnen, so wie immer", sagt er, vermutlich schon zum wiederholten Mal an diesem Tag. Emotionen? Muss jeder mit sich selbst ausmachen.

Aufgehorcht hat am Sonntagabend sicher auch mancher von ihnen im zum Bersten vollen Sitzungssaal des Rathauses. Dort nahm das Wunder seinen Lauf in Form von Prozentzahlen. Er werde seine Arbeit transparenter gestalten als die Amtsinhaberin, hatte Korwisi da gesagt.

Das gesamte politische Miteinander werde sich künftig verändern. Mehr Kommunikation, mehr Information. Der weiterhin schwarz-gelben Parlamentsmehrheit reichte er verbal die Hand. "Auch denen, die ganz gezielt gegen mich Wahlkampf gemacht haben", sagte er. Auch das war neu in diesem Wahlkampf. Dass da eine ziemlich verzweifelt CDU-Truppe nicht nur für die eigene Kandidatin trommelte, sondern auch den Herausforderer diffamierte.

Am Morgen danach bleiben Handy und Festnetztelefon von Michael Korwisi stumm. Der Mann, der sonst prompt zurückruft oder -mailt war für eine kurze Verschnaufpause nicht mehr greifbar. Die Siegesfeier, so erzählt man in der Stadt, soll bis in die Morgenstunden gedauert haben.

Autor:  Martina Propson-Hauck
Datum:  12 | 5 | 2009
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